Zwickauer Terrorzelle Böhnhardt und Zschäpe wollten sich stellen

Das Versagen der Sicherheitskräfte im Fall der rechtsradikalen Zwickauer Terrorzelle wird immer offensichtlicher: Die Eltern des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt geben an, dass sich ihr Sohn und Beate Zschäpe bereits im Frühjahr 2000 erstmals den Behörden stellen wollten.

In der vermutlich 1998 gegründeten Terrorvereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) gab es ernsthafte Überlegungen von zwei der drei Mitglieder, sich zu stellen. So sollen noch vor dem ersten der zehn Morde der Terrorvereinigung die zwei Mitglieder des NSU erklärt haben, sie seien zur Aufgabe bereit. Nach Angaben der Eltern von Uwe Böhnhardt handelte es sich um ihren Sohn und dessen Freundin Beate Zschäpe.

Beide hätten sich im Frühjahr 2000 bereiterklärt, sich den Behörden zu stellen. Nur das dritte Mitglied der Terrorzelle, Uwe Mundlos, habe damals nicht aufgeben wollen, sagten Böhnhardts Eltern in einem Interview, das an diesem Donnerstagabend im ARD-Magazin Panorama ausgestrahlt werden soll.

Über Mundlos hätten die Eltern zunächst gedacht, "wenn er dann allein ist, wird auch er aufgeben". In den vergangenen Monaten hatte es immer wieder Vermutungen über frühe Pläne des Trios gegeben, sich den Behörden zu stellen. V-Leute des Verfassungsschutzes hatten damals berichtet, Mundlos und Böhnhardt wollten ins Ausland gehen, Zschäpe werde sich stellen. Diese Angaben stimmten offenkundig so nicht.

Verhandlungen mit der Staatsanwaltschaft blieben ohne Ergebnis

Die drei mutmaßlichen Terroristen waren im Januar 1998 untergetaucht. Wie die Eltern Böhnhardts sagen, haben sie schon bald danach erstmals Kontakt mit den damals von Zielfahndern vergeblich gesuchten Neonazis gehabt. Das erste Treffen mit dem Trio habe 1999 in Chemnitz stattgefunden. Schon bei dieser Begegnung sei darüber gesprochen worden, dass sich die drei stellen sollten. Dies sei damals von ihnen abgelehnt worden, weil sie ihre Fluchthelfer nicht hätten verraten wollen.

Das letzte Treffen habe im Frühjahr 2002 ebenfalls in der sächsischen Stadt stattgefunden. Bei dieser Begegnung hätten die drei erklärt, sie wollten jetzt gemeinsam im Ausland untertauchen. Zu diesem Zeitpunkt hatten - was die Eltern ebenso wenig wie die Sicherheitsbehörden wussten - Böhnhardt und Mundlos bereits vier Migranten ermordet. Gegen alle drei Neonazis lagen zu diesem Zeitpunkt schon Haftbefehle vor, weil sie dringend verdächtig waren, Rohrbomben gebaut zu haben.

Nach Darstellung der Eltern verhandelte damals ein Anwalt mit der zuständigen Staatsanwaltschaft Gera über die Bedingungen dafür, dass das Trio aufgibt. Der Anwalt war vom Landesverfassungsschutz in Erfurt beauftragt worden. Die Strafverfolger lehnten einen Kompromiss aber ab. Die drei sollten sich erst einmal stellen, dann werde sich das Weitere ergeben, habe die Behörde dem Anwalt mitgeteilt.

Die Eltern Böhnhardts haben sich nach eigenen Angaben mindestens drei Mal mit den Flüchtigen getroffen und häufiger telefoniert. Dabei sei sogar über Kuchenrezepte gesprochen worden. Wie oft sie die drei Verdächtigen genau getroffen haben, wollten sie nicht sagen.

Die Treffen der Eltern mit dem Trio sind ein weiteres Indiz für ein Versagen der mit diesem Fall befassten Sicherheitsbehörden. Auch in den Zeiten der RAF ist es zu heimlichen Begegnungen von Mitgliedern der Kommandoebene mit Verwandten gekommen, aber angesichts der großen Zahl der RAF-Mitglieder war es ungleich schwieriger für die Ermittler, von solchen Treffen zu erfahren. Im Fall des NSU gab es anlässlich von Geburtstagen naher Verwandter der Geflohenen gelegentlich Observationen und Telefon-Abhöraktionen, aber zielführend waren sie nicht.

Lesen Sie heute die Reportage "Unser Sohn" auf der Seite 3 der Süddeutschen Zeitung, in der die Eltern des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt erzählen, wie ihnen ihr Kind entglitt.