Zweiter Weltkrieg "Was soll falsch daran sein?"

Deutschlands verzerrter Blick

Der Hitler-Stalin-Pakt war eine Voraussetzung für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Historiker Stefan Troebst erläutert, warum das Abkommen vom 23. August 1939 in der deutschen Erinnerung dennoch kaum beachtet wird. Von Barbara Galaktionow mehr... Interview

Auf Stalin selbst scheint Putin eine relativ milde Sicht zu haben. Selbst dem im August 1939 mit dem Nazi-Reich ausgekungelten deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt erteilt Putin seinen Segen. In einem geheimen Zusatzprotokoll vereinbarten damals Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und sein sowjetischer Amtskollege Wjatscheslaw Molotow die Aufteilung Osteuropas in Einflusssphären Berlins und Moskaus.

Daran kann Putin auch 75 Jahre später nichts Verwerfliches finden: "Solche Methoden" seien in der damaligen Außenpolitik üblich gewesen. Stalins Nichtangriffspakt mit dem Slawen- und Kommunistenhasser Hitler will Putin nicht kritisieren: "Was soll falsch daran sein, wenn die Sowjetunion nicht kämpfen will?"

Putins Darstellung ist falsch: Denn Stalin ließ die Rote Armee - wie mit Hitler abgemacht - in Ostpolen einmarschieren, es kam auch zu Gefechten, bei denen es Tote gab. Etwa 180000 polnische Soldaten wurden Kriegsgefangene der Sowjets. Etwa 22000 polnische Offiziere und Intellektuelle ließ Moskau in Katyn und anderen Orten ermorden und verscharren. Davon erwähnt Putin nun bei seinem Historikertreffen aber nichts.

Als Hitler und Stalin gemeinsame Sache machten

mehr... Bilder

Dass es überhaupt zum Zweiten Weltkrieg kommen konnte, liegt nach seiner Auffassung an den westlichen Großmächten Frankreich und Großbritannien. Sie hätten den Nazi-Diktator mit ihrer Appeasement-Politik ermuntert, seine offensive Politik zu forcieren.

Putin behauptet, westliche Wissenschaftler würden das Münchner Abkommen von 1938 "totschweigen" - eine unsinnige Behauptung des Kremlchefs. Bei der Münchner Konferenz gaben der britische und französische Regierungschef den territorialen Ansprüchen Hitlers in Bezug auf die Tschechoslowakei nach, auch weil Hitler erklärte, sein Expansionsdrang sei nun gestillt.

Die Regierung in Prag wurde vor vollendete Tatsachen gestellt, die Deutschen annektierten wenig später große Gebiete des Landes, die Slowakei machte sich selbständig. Zurück blieb ein tschechischer Rumpfstaat um Prag, den Hitler vertragswidrig wenige Monate später besetzen ließ (hier mehr dazu).

Wie vor Danzig der Zweite Weltkrieg begann

mehr... Bilder

Putin sagt weiter, man beschuldige Moskau wegen des Hitler-Stalin-Paktes, für die Teilung Polens verantwortlich zu sein. Dabei habe sich Polen ein Jahr zuvor doch auch Teile der Tschechoslowakei angeeignet, nachdem Deutschland seine Territorialansprüche bei der Münchner Konferenz durchgesetzt habe.

Rückgriff auf Churchill

Der spätere britische Premier Winston Churchill habe mit Blick auf das Münchner Abkommen gesagt, dass ein Krieg "nun unvermeidlich ist", so Putin nun im Kreml und fügte hinzu: "weil das Appeasement des Aggressors, das Nazi-Deutschland war, zu einem großen militärischen Konflikt in der Zukunft führt".

Putin gibt damit dem Westen die Mitschuld daran, dass Hitler nach der Besetzung Prags das Nachbarland Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg auslöste. Zur Rolle Stalins und seines Nichtangriffpakts mit Hitler wenige Tage vor Kriegsausbruch sagt Putin nichts. Bis 1945 wurden durch direkte Kriegsfolgen weit mehr als 50 Millionen Menschen getötet, die meisten waren Sowjetbürger.

Ob Putin sich mit diesen Äußerungen einen Gefallen getan hat, darf bezweifelt werden. Politiker wie Wolfgang Schäuble (hier) und Hillary Clinton (hier) hatten mit Blick auf die Ukraine-Krise ebenfalls an die Appeasement-Politik 1938 erinnert - und Putin (indirekt) mit Hitler verglichen.

PS: 2009 hatte Wladimir Putin den Hitler-Stalin-Pakt noch als "unmoralisch" bezeichnet (hier mehr dazu). Allerdings warf er damals dem Westen vor, Hitlers Aggressionen gegen Osteuropa gelenkt zu haben. Putin scheint entgangen zu sein, dass Hitler bereits in seinem Pamphlet "Mein Kampf" (1924) einen neuen "Lebensraum" forderte und nach der Machtergreifung (1933) vor hohen Militärs über seinen Plan zur "Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung" sprach (hier mehr dazu).

Das Trauma der Tschechen

Im März 1939 marschiert die deutsche Wehrmacht in der "Rest-Tschechei" ein. Die Besetzung wird zur Ouvertüre für den anstehenden Weltkrieg, traumatisiert die Tschechen - und wird zur Sprungfeder für die spätere Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung. Von Oliver Das Gupta, Prag mehr ...

"Barbarossa" in Bildern

1941 überfiel Hitlers Wehrmacht die Sowjetunion - Auftakt zu einem Krieg von ungekannter Brutalität. Aufnahmen von SZ Photo dokumentieren Etappen des großen Mordens. mehr ...