Zuletzt sah ich ihn, wenn ich mich recht erinnere, an einem früh dunkelnden Nachmittag im Herbst nach dem gloriosen Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Russland. Da war ich immerhin schon zwölf und durfte dem Vater Dünnbier holen im "Schwanen". Die Rentner saßen am Stammtisch beim Lagegespräch, und der Dinkel-Schorsch, Fahrzeugwart der örtlichen NS-Kraftsportgruppe, sagte unter Anstrengung fröhlich: "Bis Weihnachte simmer in Moskau!" Und der Herr Kugler, etwas exzentrisch platziert, schaute den Fliegen zu und sagte: "Wenn aber's Benzin net langt?"
Der Autor Oliver Storz im Alter von 17 Jahren. Vergangenes Jahr erschien sein Erinnerungsbuch "Die Freizeitclique" im SchirmerGraf Verlag. (© Foto: SchirmerGraf Verlag)
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Und dies immer wieder, über die ganze halbe Stunde hin, die ich mich in der Wirtschaft herumdrückte. Sobald ein Satz fiel, der sich nach Vormarsch anhörte: "Wenn aber's Benzin net langt?" Ein "Miesmacher"! Dachte ich damals noch so? Ich weiß es nicht mehr. Überhaupt weiß ich kaum mehr etwas von dem, was ich in den ersten Kriegsjahren dachte. Ich weiß von Herrn Kuglers Meinungen im Krieg mehr als von den meinen.
Wie der Joseph in der Kinderbibel
Am meisten weiß ich jedoch von seinem Gesicht, oder vielleicht auch nur von seinem Blick, der mir von früher Kindheit an bekannt war. Er machte Augen wie der Joseph auf einem Krippenbild in meiner Kinderbibel: Unschuldig in jedem Betracht, fast unmerklich gekränkt darüber, so im Hintergrund herumstehen zu müssen, etwas erstaunt ob all des Aufhebens, aber letztlich doch versöhnt mit seinem niederen Rang, so als erhelle ihn gerade die Einsicht, dass es in Zeiten des Heilsgeschehens wie der Heimsuchung von Vorteil sein könne, der Unwichtigste zu sein.
Nun hat ja der Joseph aus Galiläa durchaus noch seine Heldenbewährung erleben dürfen - siehe die Flucht nach Ägypten, die ohne ihn schwerlich gelungen wäre. Doch auch Herr Kugler muss nicht ganz ohne Nachruhm unseren Blicken entschwinden, denn er hat sich ebenfalls bewährt, wenn nur ameisenhaft und außerhalb jeden Vergleichs mit dem Jesusretter, doch immerhin als Erdenmenschlein, das Ohren hatte zu hören - am ersten Tag des sechsjährigen Krieges, der für ihn und mich in einem Hinterhof begann.
Wie schon erwähnt: Die Erinnerung verklärt. Lügt sie auch bisweilen? Das wollen wir nicht hoffen, jedenfalls in einem Punkt bin ich sicher: Wenn jetzt da und dort zu lesen steht, die Deutschen hätten den Kriegsbeginn bejubelt, darf ich sagen: zumindest die Haller nicht, es sei denn, sie hätten es sehr leise getan - aber wer jubelt schon flüsternd? Mürrische Hausfrauengesichter habe ich gesehen: nebenan im Milchladen, wo's keine Vollmilch mehr gab, sondern nur noch "entrahmte Frischmilch", die man aber nicht "Magermilch" nennen durfte, beim Schlangestehen vor dem Stoffgeschäft Singer, wo der schwarze, zur Verdunkelung benötigte Rupfen knapp wurde - "Für waas denn au?" höre ich noch eine Bauersfrau rufen, "Mir gehn en's Bett, wenn's Nacht werd!"
Die Schule fing nach den Ferien "bis auf weiteres" nicht an, sodass wenigstens die Schuljugend jubelte. Der Spätsommer trödelte, das Badewetter hielt sich, hingegen überschlugen sich die Siege in Polen - der Großdeutsche Rundfunk kam mit den Sondermeldungen kaum nach. In meinem Herzen starb Winnetou, hätte ein deutscher Junge weinen dürfen, hätte ich geflennt.
Und dann, einmal gegen Abend - ich lungere am Bahnhof - ein Zug fährt ein und eine Frau steigt aus, sehr jung, sehr hübsch, sehr elegant im schwarzen Kostüm, und elegant sind auch die blassen Astern, die ein Fliegeroffizier ihr am Bahnsteig überreicht, geschickt vom Kommandeur des Kriegsflughafens ganz in unserer Nähe. Er kondoliert, das sieht man, wozu, das sieht man nicht. Aber das Gesicht der jungen Frau, weiß über den Asterfarben, plötzlich von einem Tränenüberfall zerrissen, das ist zu sehen und nicht mehr zu vergessen, und da habe ich geahnt, wohl zum ersten Mal, was alles anfängt, wenn der Krieg beginnt.
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(SZ vom 29./30.8.2009/mati)
Das Buch heißt FreiBADclique.....nur damit die Leute nicht in den Laden rennen und den Verkäufer beschimpfen dass in der Zeitung stand dass es so hieße.....