Zweiter Weltkrieg Als die jüdische Gemeinde von Thessaloniki starb

Thessaloniki im Juli 1942: Auf Anordnung der deutschen Besatzer müssen sich alle jüdischen Griechen auf einem Platz versammeln. Die Männer müssen zunächst Zwangsarbeiten leisten, später werden sie mit ihren Familien in Vernichungslager deportiert.

(Foto: Bundesarchiv)

Rena Molho arbeitet das Schicksal der jüdischen Griechen während Nazi-Zeit auf. Die Historikerin glaubt, ihr Land verdränge eine nationale Schande - denn vom Massenmord profitierten viele Nichtjuden.

Rezension von Wolfgang Freund

Der furor teutonicus des "Tausendjährigen Reiches", das zwölf Jahre gedauert hat, war auf Griechenland, die Wiege Europas, ursprünglich nicht "fokussiert", wie man heutzutage sagen würde. Hitlers Wehrmacht sah sich 1941 zwischen Athen und Saloniki nur deshalb zum Eingreifen gezwungen, weil Benito Mussolini es nicht geschafft hatte, aus Albanien in Griechenland einfallend, die Hellenen zu unterwerfen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern der altrömischen Kaiserzeit.

Der Duce rief deshalb den Führer zu Hilfe, was diesem zunächst gar nicht ins milletaristische Konzept passte; denn der Gröfaz musste ob des neo-römischen Mare-Nostro-Wahns Truppen aus Libyen (Afrikakorps) auf den Balkan verlegen, auch das strategische Großprojekt "Barbarossa" (Überfall der Sowjetunion) bekam aufgrund der italienischen Griechenlandpanne einiges Blei in die Flügel. Allerdings geschah die nazistische Niederwerfung des griechischen Widerstandes dann blitzkriegerisch.

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Innerhalb weniger Wochen war Griechenland auf dem balkanischen Festland wie auch den vielen Mittelmeerinseln fest in deutschen Händen. Einige griechische Inseln blieben sogar über den 8. Mai 1945 hinaus (Tag der bedingungslosen deutschen Kapitulation) von deutschen Wehrmachtseinheiten besetzt. Die dort "besetzenden" Soldaten wussten über mehrere Wochen hinaus noch gar nicht, dass der Krieg zu Ende war.

Doch Berlin war's erst einmal zufrieden. Ja, sich für zuständig haltende "Rassenämter" entsandten sogar "Spezialisten" ins unterworfene Hellas, um dort nach ethnischen Nachkommen des arischen Übermenschen zu suchen: muskulös, groß gewachsen, blauäugig, blondhaarig, mit geradlinigen Nasen, wohlproportionierte Männer- wie Frauenleiber ... so sollten diese Edelmenschen aussehen, wie es eben die zahllosen altgriechischen Marmorstatuen auf den antiken Ruinenfeldern und in den Museen der Welt suggerieren.

Die Fahndung erwies sich als Flop. Die vorgefundenen Griechen und Griechinnen stellten sich "realexistierend" durchweg als typische Mittelmeermenschen heraus, gereift in einem mehrtausendjährigen melting pot, wo sich alle mit allen unauflösbar vermischt und vermählt hatten. Die nazistischen "Rassenforscher" hakten die Option Griechenland konsequenterweise rasch ab und dachten für das "Urdeutsche" wieder mehr an Norwegen und die Wikinger.

Umso rabiater gingen die zwischen 1941 und 1944 in Griechenland wütenden Nazis gegen eine dort bislang relativ unbehelligte Minderheit vor, nämlich die griechischen, meist sefardischen Juden südspanischer (Andalusien), maghrebinischer oder vorderorientalischer Herkunft.

Das makedonisch-griechische Thessaloniki (von den Türken Selanik geheißen, es gab aber auch unzählige andere Namen), eine der wichtigsten Städte des bis zum Ende des Ersten Weltkrieges überlebt habenden Osmanischen Reiches mit ihren aus allen mediterranen Himmelsrichtungen stammenden ethnischen und konfessionellen Minderheiten, geriet rasch ins besondere Fadenkreuz der nazistischen "Judenjäger".

Beim Überfall der Wehrmacht 1941 gab es in Griechenland 31 alte jüdische Gemeinden, bestehend aus etwa 80 000 Juden. Heute sind es gerade noch 5000. Davon lebten mehr als 50 000 in Saloniki/Thessaloniki, der in Jahrhunderten gewachsenen "multikulti"-Metropole jenes Teils des Osmanischen Reiches, der sich auf dem europäischen Kontinent befunden hatte.

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Die Historikerin Rena Molho hat sich deren Schicksal angenommen: "Die Wichtigkeit der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki wird sofort klar, wenn wir bedenken, dass im griechischen Heer 343 jüdische Offiziere und etwa 13 000 jüdische Soldaten dienten. Von diesen waren 9000 aus Thessaloniki".

"Todestag" der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki ist der 10. August 1943, dazu nochmals die Autorin: "Mit 19 Transporten in sechs Monaten verließen 46 061 Personen die Stadt. Von diesen wurden 37 387 in Gaskammern getötet, sobald sie nach Birkenau kamen. Die meisten der Übrigen starben in Auschwitz oder wurden dort hingerichtet". Die faktische Total-Schoah der Juden von Thessaloniki wurde zum Mahnmal der Ermordung der griechischen Juden.

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Rena Molho hat ihr Buch auf Griechisch geschrieben, obwohl sie es in einer anderen gängigen europäischen Sprache hätte tun können. Sie beherrscht deren mehrere, wie zum Beispiel das Französische.

Es gibt von ihr sogar eine französische Doktorarbeit, verteidigt an der Universität Straßburg: Les Juifs de Salonique 1856-1919: Une communauté hors norme. Das war bereits Grundlagenforschung zur - dem "Geschichtsgott" des 20. Jahrhundert sei's gedankt! - weitaus aktuelleren Holocaust-Ausweitung des Themas.

Griechisch schrieb Rena Molho unter anderem deshalb, weil sie aufzuzeigen wünscht, dass das Holocaust-Thema mit Bezug auf die Juden Griechenlands in den griechischen Schulbüchern und Lehrplänen nur unterbelichtet vorkommt. Denn natürlich will sie zu Hause gelesen werden.

Das Buch ist im Gegensatz zu vielen anderen Schriften dieser Art übersichtlich und leserfreundlich aufgebaut. Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis gliedert klar nach Autorentext und Quellen diverser Natur und Herkünfte. Zwei Literaturverzeichnisse stehen des Weiteren nebeneinander: eine erste Bibliografie der konsultierten griechischen Schriften, eine zweite zur internationalen Sekundärliteratur.

Rena Molho: Der Holocaust der griechischen Juden. Studien zur Geschichte und Erinnerung. Aus dem Griechischen von Lulu Bail. Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn 2016. 263 Seiten. 24,90 Euro.

(Foto: Verlag J.H.W. Dietz)
Leseprobe

Ein Auszug aus dem besprochenen Band auf der Homepage des Verlags

Der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Übersetzerin aus dem Griechischen, der in Berlin lebenden Neogräzistin Lulu Bail, sei gedankt, dass die Molho-Studie zum griechischen Holocaust nun auch auf Deutsch vorliegt. In Griechenland selbst verdrängt man offensichtlich eine nationale Wahrheit und Schande.

Viele nichtjüdische Griechen, und ganz besonders in Thessaloniki, haben nach Molho von der nazistischen Verfolgungs- und Vernichtungsmaschinerie profitiert, als schamlose "Erben" von jüdischem Hab und Gut. Staatlich betriebene Rückgabe und damit Wiedergutmachung von offizieller Seite, die dem fortbestehenden Skandal auch nur in etwa gerecht werden könnte, scheint in Athen bislang wenig zu greifen.

Faktenorientierter und pädagogischer Nachholbedarf

Ansonsten haben die Griechen heute ihre eigene, populistisch äußerst aktive neonazistische Bewegung: die "Goldene Morgenröte". Dort hätschelt man andere Prioritäten. Der Schoah-Horror von 1941-1944 findet in deren Diskurs keinen Platz.

Es besteht somit faktenorientierter und pädagogischer Nachholbedarf, in Griechenland wie in Deutschland. Rena Molhos griechische Holocaust-Studien bilden einen erschreckenden, wenn auch gelungenen Beitrag zu solcher Aufarbeitung.

Wolfgang Freund ist deutsch-französischer Sozialwissenschaftler (Schwerpunkt ,,Mittelmeerkulturen"). Zahlreiche Publikationen auf Deutsch, Französisch und Englisch. Lebt heute in Südfrankreich.

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