Zwei Jahre Joachim Gauck Politischster Bundespräsident der Bundesrepublik

Es mag nicht jedem gefallen, was er von Gauck zu hören bekommt. Aber was er sagt, ist oft differenzierter und besser argumentiert, als vieles, was seine Vorgänger im Amt gesagt haben. Gauck ist ein politischer Bundespräsident, vielleicht der politischste in der bundesrepublikanischen Geschichte. Er eckt an, ohne sich in das politische Tagesgeschäft einzumischen. Gauck zeigt Haltung. Er macht es sich nicht bequem im Amt. Das ist an sich schon ein Wert.

Jeder hat das Recht, Gauck zu widersprechen. Niemand muss seine Einschätzungen teilen. Aber jeder sollte sich über einen Bundespräsidenten freuen, der ein gewisses Maß an Reibung erzeugt.

Gauck spielt niemandem etwas vor. Was er sagt und tut, fußt auf seiner Lebenserfahrung. Er hat sich im Amt kaum verändert. Auch wenn es zunächst wirkte, als hätten ihm die diplomatischen Zwänge seines Amtes die Sprache verschlagen. Er hat sich schnell davon befreit. Im April 2012 sagte er einen Besuch in der Ukraine ab - wegen anhaltender Verletzungen der Menschenrechte dort. Im Dezember 2013 wurde bekannt, dass er nicht gedenke, Putins Olympische Spiele in Sotschi zu besuchen. Darin steckte bereits ein Stück von seiner späteren Forderung, Deutschland solle sich "früher, entschiedener und substanzieller" einbringen in der Welt.

Natürlich freut er sich zuweilen wie ein Schneekönig, wenn er an der Seite großer Staatslenker stehen darf. Dann steht dort ein Mann, der in Adolf Hitlers Kriegs-Deutschland geboren wurde, der in der DDR aufwuchs und der fast ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall das Glück nicht fassen kann, das ihm und seinen Mitbürgern mit diesem Ereignis widerfahren ist.

Voller Scham bat Gauck um Verzeihung

Ihm treten die Tränen in die Augen, wenn er wieder einmal an den Gräbern derer steht, die von Deutschen ermordet wurden, weil sie nicht in das nationalsozialistische Weltbild passten. Kaum ein Bundespräsident zuvor hat so oft die Stätten deutscher Schuld besucht wie Gauck. Zuletzt das nordgriechische Dorf Lyngiades. Hier haben vor 70 Jahren, am 3. Oktober 1943, Soldaten der Wehrmacht wahllos Kinder und Babys, Frauen und Männer, Alte und Schwache erschlagen, erschossen und verbrannt. 83 Tote hat es an dem Tag gegeben. Das jüngste Opfer war zwei Monate alt. Voller Scham bat Gauck um Verzeihung.

Gauck wird die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Aber er öffnet den Blick in die Zukunft weiter als seine Vorgänger. Die Schuld anzuerkennen und auf sich zu nehmen, die Fähigkeit, um Vergebung zu bitten, all das bedeutet nicht, daran ersticken zu müssen, atemlos zu sein. "Dies ist ein gutes Deutschland", sagte er in München. "Das beste, das wir jemals hatten."

Macht etwas mit diesem Glück, will er sagen. Mehr verlangt er gar nicht. Aber auch nicht weniger. Manchen ist wohl das schon zu viel.

Versöhner mit neuer Aufgabe

mehr...