Zum Interview von Christian Wulff Kleinstes Karo statt großes Kino

Kann man sich auch nur eine Sekunde Rau, Herzog, von Weizsäcker in einer solch entwürdigenden Inszenierung vorstellen? Das Interview des Bundespräsidenten hinterlässt vor allem Fassungslosigkeit: Hier ist ein Amtsinhaber in aller Öffentlichkeit auf Westentaschenformat zusammengeschnurrt. Doch das ist nicht nur Christian Wulff vorzuwerfen, sondern auch der Kanzlerin, die den Provinzpolitiker auf diese Position gehievt hat.

Ein Gastbeitrag von Ralf Fücks

Selten habe ich so peinsame Fernsehminuten erlebt wie an diesem Abend, und je länger mir das Präsidenten-Interview nachhängt, desto größer wird die Fassungslosigkeit, die es hinterlässt. Kann das wirklich sein - ein Bundespräsident, der vor einem Millionenpublikum die Details der Finanzierung seines Einfamilienhauses in der niedersächsischen Provinz ausbreitet, seine Ferienaufenthalte in den Domizilen wohlhabender Freunde und Gönner verteidigt und dabei die Menschenrechte reklamiert, die auch ihm zustünden?

Der nicht in erster Person spricht, sondern ständig auf das anonyme "man" ausweicht? Der als mildernden Umstand reklamiert, dass ihm keine "Karenzzeit" in seinem neuen Amt zugebilligt wurde, wo er doch den Sprung von der Staatskanzlei in Hannover ins Schloss Bellevue zu Berlin bewältigen musste? Der sich nicht zwischen Zerknirschung und Rechtfertigung entscheiden kann? Ein Präsident, der weder fähig ist, seine Kritiker in die Schranken zu verweisen noch auf eine entwaffnende Weise zu sagen, wo er Mist gebaut hat? Der mit zwei öffentlich-rechtlichen Anstalten ein Interview verabreden lässt, aber eine Pressekonferenz scheut? Nein, das alles darf nicht wahr sein. Ist es aber, leider. Kleinstes Karo statt großes Kino.

Hier ist ein Amtsinhaber in aller Öffentlichkeit auf Westentaschenformat zusammengeschnurrt. Ein Präsident bar jeder Souveränität. Kann man sich auch nur eine Sekunde seine Vorgänger Rau, Herzog, von Weizsäcker in einer solch entwürdigenden Inszenierung vorstellen? Vermutlich hätten sie gesagt: Wer gegen mich Vorwürfe zu erheben hat, soll Anzeige erstatten, basta! Ansonsten beschäftige ich mich mit wichtigeren Dingen.