Schuldenschnitt für Griechenland und ein neues Arsenal an finanzpolitischen Waffen: Die EU hat sich endlich zusammengerissen. Europa lebt und es ist stark. Doch die Einigung auf dem Gipfel in Brüssel hat einen hohen Preis: Das Machtgefüge hat sich nachhaltig verschoben. Die südeuropäischen Schuldenstaaten müssen sich dem Diktat der Geldgeber beugen, auch Frankreich wird unwichtiger. Den Weg in die Zukunft weisen nun die Deutschen.
Wer je geglaubt hatte, dass Europa sich mit einem Schlag aus seiner Krise befreien könnte, der war ein Träumer. Aber: Nach quälend langen Monaten voller Halbherzigkeiten, die Zweifel am Überleben der Europäische Union schürten, hat diese sich doch noch zusammengerissen.
Bild vergrößern
Ohne eine entschlossene Angela Merkel wäre es auf dem EU-Gipfel an diesem Mittwoch nicht zu einer Einigung über die Griechenland-Hilfen gekommen. Doch ist Deutschland bereit, auch künftig eine Führungsrolle in der EU zu übernehmen? (© dapd)
Anzeige
Zwar wird sich erst in der nächsten Zeit zeigen, ob das Arsenal finanz- und haushaltspolitischer Waffen ausreicht, das sich die Staaten der EU jetzt gegen die existenzgefährdende Schuldenmacherei in ihren eigenen Reihen sowie gegen die Attacken von Währungsspekulanten zugelegt haben. Eines jedoch haben die Staats- und Regierungschefs der Euro-Länder bereits erreicht - und das ist mindestens so wichtig wie Schuldenschnitt oder Haushaltskontrolle: Sie haben das Vertrauen in die EU wiederhergestellt. Europa lebt, und es ist stark genug, seine Probleme anzugehen.
Allerdings ist es ein grundlegend verändertes Europa, mit dem die Welt es von nun an zu tun hat. Das Machtgefüge in der Europäischen Union hat sich nachhaltig verschoben. Frankreich, das die europäische Einigung lange dominierte, ist auf Platz zwei hinter Deutschland abgerutscht. Das Tempo und die Methoden der Krisenbewältigung wurden und werden von Berlin vorgegeben. Weil sie die Modernisierung ihrer Wirtschaft und ihrer sozialen Systeme verschlafen haben, wurden die Franzosen von der Krise selber in Bedrängnis gebracht. Einem Frankreich aber, das um seine internationale Bonität fürchten muss, bleibt nichts übrig, als dem Kurs derer zu folgen, welche die wirtschaftliche Kraft und das finanzielle Potential haben, um den Euro aus der Gefahrenzone herauszuziehen.
Deutsche und europäische Interessen
Deutschland hat aus nachvollziehbaren Gründen immer zu vermeiden versucht, eine solitäre Führungsrolle in der EU zu spielen. Nun aber ist sie Berlin zugefallen - und da es keinen anderen gibt, der sie übernehmen könnte, muss Deutschland sie annehmen. Es wäre von Vorteil für die EU, wenn Berlin diese Rolle klug und selbstbewusst nutzte; dafür aber muss die Bundesregierung der Versuchung widerstehen, deutsche mit europäischen Interessen zu verwechseln.
Wie das gehen kann, hat Angela Merkel bewiesen, als sie gegen massive Widerstände erfolgreich darauf beharrte, dass auch eine Änderung der EU-Verträge kein Tabu sein dürfe, wenn denn Lehren aus der Krise gezogen werden sollen. Denn: Die gegenwärtige Krise zu bewältigen ist wichtig, überlebenswichtig aber ist es, danach nicht wieder in den alten Schlendrian zu verfallen. Das beste Rezept dagegen ist eine neue Reformdebatte.
Die Krise hat aber nicht nur Deutschland in eine Lage katapultiert, in der es sich noch zurechtfinden muss. Sie hat die EU auch in Zonen unterschiedlichen Gewichts und Einflusses aufgeteilt. Damit läuft Europa Gefahr auseinanderzudriften. Der größte Riss, der sich durch die EU zieht, ist jener zwischen den Ländern, die den Euro haben, und denen, die ihn nicht haben. Letztere - und das sind überwiegend die neuen Mitglieder aus Osteuropa - spielen nur noch am Rande eine Rolle. Sie sind Zaungäste der europäischen Entwicklung geworden.
Diktatur der Geldgeber
Aber auch unter den Euro-Ländern hat sich eine Hierarchie gebildet. Denen, die wie die Griechen oder Portugiesen schon am Tropf des Rettungsfonds hängen, bleibt nichts anderes übrig, als sich dem Diktat der Geldgeber zu beugen. Anderen, die noch auf eigenen Beinen stehen, aber bald Hilfe brauchen könnten, geht es nicht nennenswert besser. So musste Italien dem demütigenden Verlangen nachgeben, seinen Euro-Partnern verpflichtend mitzuteilen, wann und wie es sein Haus in Ordnung zu bringen gedenkt. Italien, daran sei erinnert, gehört zu den Gründern des vereinten Europas und war über Jahrzehnte das vielleicht europäischste Land in der Union.
Heute aber spielt Italien bei der Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft des Kontinents keine Rolle mehr. Auch ein anderes großes europäisches Land ist in der Krise in die europapolitische Bedeutungslosigkeit abgeglitten: Großbritannien. Die Ratschläge aus London, wo man nach wie vor mit Pfund zahlt, an die Euro-Länder waren von mehr Arroganz als Sachkenntnis geprägt. Der britische Premier David Cameron, dem ein nennenswerter Teil seiner eigenen Partei den europapolitischen Kampf angesagt hat, gibt in Brüssel eine schwache Figur ab. Und Polen wiederum ist noch nicht so weit, eine starke Rolle zu spielen.
Sicher, Deutschland kann Europa nicht im Alleingang zu neuen Ufern führen. Aber seine Stärke prädestiniert es, der europäischen Einigung neue Dynamik zu geben. Dazu gehört zum einen eine Reformdebatte, die der europäischen Selbstvergewisserung nach der Krise dienlich wäre. Dazu gehört es zum anderen, das Auseinandertreiben der europäischen Länder in wichtige und unwichtige so weit wie irgend möglich zu stoppen. Aber dazu braucht es den Mut, da voranzugehen, wo andere noch zögerlich abwarten.
Wenn diese Krise etwas gelehrt hat, dann das: Träges Abwarten, bis alle so weit sind, sich zu bewegen oder eine vernünftige Haushaltspolitik zu betreiben, kann sich die EU nicht mehr leisten. Die Krise hat den Deutschen eine Aufgabe beschert, der sie sich nicht entziehen können - es sei denn zum Schaden Europas und damit zu ihrem eigenen.
- Thema
- Euro-Gipfel RSS
- TV-Interview von Präsident Sarkozy Frankreich senkt Wachstumsaussichten für 2012 27.10.2011
- Merkel nach dem Euro-Gipfel Verstrickt in Versprechen 27.10.2011
- Griechische Reaktionen auf Euro-Gipfel Würdelos in Europas Protektorat 27.10.2011
- Ergebnisse des Euro-Gipfels Gute Nacht 27.10.2011
- EU und Banken einig über Schuldenschnitt Protokoll der entscheidenden Nacht 27.10.2011
- USA Obama lobt Euro-Beschlüsse 28.10.2011
- Griechenland Papandreou lobt Gipfel-Beschlüsse 28.10.2011
(SZ vom 28.10.2011/olkl)
UN-Tourismusorganisation
Dem Schröder hat es eine Flut beschert,
und wie man sah auch nicht verkehrt,
er wurde Kanzler auf die Schnelle,
und alles nur durch eine Welle.
Doch Merkel hat es richtig schwer,
sie denkt da muss ne Krise her,
was soll ich machen sie ruft nach Gott,
wer hat das mir nur eingebrockt.
Sie denkt jetzt nach was mach ich bloß,
ich sitz es aus da bin ich groß,
och nee ich muss ja jetzt was Sagen,
das alles drückt auf meinen Magen.
Ich hab’s sprach Merkel,
und famos tritt sie schon wieder Ärger Los,
in Brüssel es war gerade 8 hat sie die Presse angelacht,
die Länder die in Schulden Schwimmen,
den muss man etwas Geld hin bringen.
Sie sprach von Tätern Börsen Banken,
und wies die Länder in die Schranken,
es wird gespart und überwacht,
zum Schluss sagt sie noch Gute Nacht!
Schönes Wochenende Hanny
Der Preis dafür, dass sich Merkel durchgesetzt hat, ist hoch. In Griechenland hat man keine Hemmungen, Merkel mit Nazi-Symbolen zu beleidigen. Auch in britischen und irischen Zeitungen bedient man sich gerne der Angst vor dem "Vierten Reich". Auch wenn sich die Deutschen verwundert die Augen reiben, dass ihnen ein Anspruch auf deutsche Vorherrschaft unterstellt wird - es ist ein deutliches Warnzeichen. Es ist an der Zeit, die Europäer in einem Referendum darüber abstimmen zu lassen, ob sie diese Reformen wollen, auch wenn dies bittere Konsequenzen haben mag. Wenn man das versäumt, wird der Nationalismus in Europa in gefährliche Dimensionen wachsen.
Warnsignale aus Europa:
Spanien: La Europa de Merkel (Merkels Europa)
Italien: l’Europa germanizzata (das germanisierte Europa), Il debito italiano e le colpe tedesche (Die italienischen Schulden und die deutsche Schuld)
Frankreich: Comment gérer une Allemagne aux commandes de l'Europe ? (Wie managt man ein Deutschland, dass Europa beherrscht?)
Portugal: Todos à mercê da Alemanha (Alles von Deutschlands Gnaden)
USA: Fears grow in Europe over rising German clout (Die Angst in Europa wächst wegen der steigenden deutschen Durchsetzungskraft)
Ich verstehe überhaupt nicht, warum der Euro das Grundproblem sein soll? Eher das Gegenteil ist der Fall. Tatsächlich aber liegen die Ursachen ganz woanders, nämlich dass der zweite Schritt vorm ersten gemacht wurde. Erst hätte die Politische, Wirtschaft, Steuer und Sozial Union stehen müssen und erst an zweiter Stelle die Währungsunion.
Zum anderen sind unsere Herrschenden nicht Herr des Verfahrens, sondern Getriebene der Finanzindustrie. Während sich andere Länder, durch Aktienkäufe, bei den Banken ein Mitspracherecht haben einräumen lassen, und so sogar Milliarden Gewinne aus der Rekapitalisierung der Banken durch den Staat erziehlten. Hat Deutschland mit knapp 40 Milliarden Verluste zu verzeichnen. Jetzt steht die zweite Rekapitalisierung der Banken vor der Tür, und was macht Deutschland? Genau so weiter wie 2008. Von Durchbruch kann überhaupt keine Rede sein. Das dicke Ende kommt noch!
Silber ist objektiv ein Weg, dem System ein Schnippchen zu schlagen.
Der werte User "tto70" arbeitet wahrscheinlich für die Banken, die wissen, dass Silberzertifikate der wunde Punkt sind, an dem sie zu packen sind?
Jedefalls führen gegenseitige Verdächtigungen zu nichts.
weshalb gerade Linke so vehement für den Euro sind.
Für den Euro, der gerade den kleinen bis mittleren Verdienern, also der überwiegenden Mehrheit, denen, die sie zu vertreten behaupten, so immense Einbußen auferlegte.
Diese schwache Währung, welche die Importe verteuert, die Energiepreise zusätzlich in die Höhe treibt.
Der Euro mag ein Glück für Mercedes, Audi, VW, BMW, Siemens und diverse Maschinenbauer sein. Für die Arbeitnehmer ist der Euro ein Enteignungsprogramm aller erster Güte.
Und jetzt noch diese verlorenen hunderte Milliarden.
Auf diese Segen hätte Deutschland gut verzichten können.
Was Frankreich nach zwei Weltkriegen nicht erreichte, ist mit dem Euro endlich gelungen.
Paging