Zukunft Alles schwankt

Klimawandel, anti-moderne Revolte, Konsumkapitalismus in der Krise: Philipp Bloms Streitschrift wider den nahenden Untergang.

Von Robert Probst

"Untergangspropheten sind eine ermüdende Begleiterscheinung kultureller Spannungen", so schreibt der Autor, "dumme Optimisten allerdings sind noch anstrengender." Damit ist der Ton dieses Lang-Essays gesetzt, der Historiker und Publizist Philipp Blom bemüht sich mit all seiner Wortmacht - und die ist wirklich beeindruckend - als kluger Pessimist, die Menschen aufzurütteln und ihnen klarzumachen, dass sie gemeinsam und schnell handeln müssen, wollen sie nicht in absehbarer Zeit ihren Untergang live erleben.

Blom ist durch "Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914" und zuletzt durch ein Buch über die Kleine Eiszeit ("Die Welt aus den Angeln") bekannt geworden, die Erkenntnisse aus diesen Arbeiten sind ausführlich in sein neues Werk eingeflossen. Diesmal geht es aber um die Gegenwart und die Zukunft, die nun zwar nicht auf den ersten Blick das Metier des Historikers sind - aber als Historiker kennt man das Handwerkszeug, um die Strukturen hinter den Dingen zu erkennen und Möglichkeiten abzuschätzen. Darum heißt das Buch dann auch schlicht "Was auf dem Spiel steht" und die Antwort ist ebenso schlicht wie erschreckend: alles.

Warum? Der Klimawandel und die extrem schnell voranschreitende Digitalisierung zwingen die Menschheit zum sofortigen Handeln, zur Transformation unserer "fossil befeuerten Wachstumsökonomie" - doch der Großteil der Menschheit hat keine Lust darauf. Blom weiß das in eingängige Sätze zu gießen: "Zukunft ist Veränderung, Veränderung ist Verschlechterung . . . Menschen in der reichen Welt wollen nur, dass die Gegenwart nie endet." Die Menschen sind bequem, haben sich gemütlich eingerichtet in der bösen Welt des Konsums und sehen die Gefahren (aber auch die Chancen) nicht, wenn die Welt in weniger als 30 Jahren eine komplett andere sein wird. All das ist schon oft gesagt und geschrieben worden, aber vielleicht noch nicht so bildhaft und überzeugend.

Viele Argumentationsstränge leitet Blom aus dem Zeitalter der Aufklärung - ein weiteres Spezialgebiet des in Wien lebenden Wissenschaftlers - ab, er erklärt, wie Liberalismus und Marktwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zum Traumpaar wurden und warum das heute aus seiner Sicht nicht mehr funktioniert. Er analysiert brillant, wie gerade der "autoritäre Traum" erblüht und wie die "konservative Revolte" ihre gefährlichen Schlüsse aus dem nahenden Umbruch zieht.

All das wird garniert mit echten oder vermeintlichen Parallelen der Gegenwart zum 17./18. Jahrhundert, zur Zeit der Weimarer Republik oder der NS-Diktatur. Derlei (sehr beliebte) Darlegungen und auch die Zitate zahlloser Experten hätte man aber auch weglassen können - die unbestreitbare Wucht dieses Weckrufs hätte sich auch so entfaltet.