Joachim Gauck bleibt in seinem neuen Buch inhaltlich vage: Mit der Freiheit des Menschen gehe die ethische Pflicht einher, Verantwortung zu übernehmen, lautet der Tenor. Seine Einsicht hat er mit Sätzen ausgeschmückt, die Zweifel daran aufkommen lassen, ob er als der Präsident mit der schönsten Sprache in die Geschichte eingehen wird.
Joachim Gauck sei der Bundespräsident der Herzen: So urteilen fast alle deutschen Medien. Die Begeisterung für Gauck macht es zu einer etwas heiklen Sache, ihn zu kritisieren. Wer das tut, gerät in den Ruch, ein alter SEDist, ein Dummerjan oder ein Anhänger der Linkspartei zu sein, die ja trotz ihrer westdeutschen Anhänger als überkommener SED-Verein verschrien ist. Kritik an Gauck kann bis auf weiteres nur von ihm selbst erfolgreich initiiert werden. Mit seinem jüngsten Buch hat er das getan. "Freiheit" heißt die Schrift, die Druckfassung einer Rede, die Gauck Anfang 2011 an der Evangelischen Akademie Tutzing gehalten hat (Kösel Verlag, 62 S., 10 Euro).
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Fast überall wird Gauck gepriesen, aber in seiner Heimatstadt Rostock hält sich die Euphorie in Grenzen. Das Morgenmagazin von ARD und ZDF hat am Dienstag darüber berichtet. Die Redakteure haben das bizarre Phänomen indes schnell wegerklärt: Zu DDR-Zeiten war Rostock verwaltungstechnisch eine Bezirksstadt, ergo müssten dort heute noch viele alte SEDisten leben. Man wüsste gern, ob die alte Dame sich damit richtig beschrieben findet, die dem Fernsehreporter lediglich ins Mikrofon gesagt hatte, dass Joachim Gauck für ihren Geschmack zu belehrend-pastoral auftrete.
Anders als Angela Merkel, die sich nolens volens dazu bekennt, dass sie FDJ-Sekretärin war, weil sie sonst nicht hätte Physik studieren können, hat Joachim Gauck sich über sein Tun in der DDR nicht öffentlich verbreitet. Er preist seit dem Oktober 1989 "die Freiheit". Seine jüngste Publikation ist diesbezüglich genauso allgemein gehalten wie seine bisherigen. Über seine Tätigkeit als "Dissident" hat er wenig zu erzählen. Im Westen denkt man, der neue Bundespräsident sei "ein Bürgerrechtler".
Joachim Gauck ist ein ehrlicher Mann und dazu ein Pastor, der seiner Gemeinde gern vor Augen hält, wie man sich verhalten soll. Wenn er verabsäumt, von seinen vorbildlichen Erfahrungen als Dissident zu erzählen, dann mag das damit zu tun haben, dass er solche Erfahrungen nicht gemacht hat und sich seinen Ruf als Bürgerrechtler nicht kaputtmachen will.
Auf der Bühne der DDR kam er nicht vor", sagt der westdeutsche Journalist Gerhard Rein der Süddeutschen Zeitung. Rein hat seine Erlebnisse als DDR-Korrespondent in zwei Büchern aufgeschrieben: "Die Opposition in der DDR" und "Die protestantische Revolution". Anlässlich des Kirchentags in Rostock 1988 wurde Rein auf Gauck aufmerksam. Er erinnert sich, dass dieser damals gesagt habe, die gute Außenpolitik der DDR müsse sich nun auch im Inneren bewähren.
So vorsichtig-kritisch sprachen damals viele. Gauck ist vermutlich gut beraten, die Freiheit allgemein zu preisen und sich als Bürgerrechtler nicht in den Vordergrund zu drängen. Ganz in diesem Sinn lautet die Generalthese seines Buches so: Mit der Freiheit des Menschen gehe die ethische Pflicht einher, Verantwortung zu übernehmen. Nur er, nur der vielgelobte Redner, kann sich erlauben, diese ebenso wahre wie bestürzend banale Erkenntnis bedeutungsschwer zu verkünden.
Seine Einsicht hat er mit Sätzen ausgeschmückt, die Zweifel daran aufkommen lassen, ob er als der Präsident mit der "schönsten Sprache" (FAZ) in die Geschichte eingehen wird. Es geht ihm um "die Bereitschaft, Ja zu sagen zu den vorfindlichen Möglichkeiten der Gestaltung und Mitgestaltung". "Schritt für Schritt können wir hineingezogen werden in eine Lebensform von Ermächtigung." Gauck meint "Selbstermächtigung", er weiß offenbar nicht, dass er das Wort "Ermächtigung" falsch verwendet. Es beschreibt die Abtretung von Vorrechten an andere. Siehe zum Beispiel das "Ermächtigungsgesetz" von 1933, mit dem das deutsche Parlament sich selbst entmachtete.
Wenn Gauck sich an Faktenaussagen wagt, kommt theoretische Unschärfe auf. Biologen werden ihm erklären können, warum, anders als er denkt, der Mensch nicht das einzige "Geschöpf auf Erden" ist, das "für sich selbst" und für "das Du neben uns" Verantwortung übernimmt. Und Geschichtsschüler könnten ihm mitteilen, dass er mit seiner Ansicht im Irrtum ist, eine 'Lehre' von der Revolution" habe sich 1789 erst entwickelt, nachdem die Franzosen spontan "auf die Straße" gingen. Der Abbé Sieyès hat seine berühmte Schrift "Was ist der Dritte Stand?" vor Ausbruch der Französischen Revolution veröffentlicht.
Gauck will nun aber nicht mit wissenschaftlichen Ansichten punkten. Er will seine Meinungen vertreten. Die Entspannungspolitik der 70er und 80er Jahre hält er für feige "Appeasementpolitik". Und Europa hält er für "den besten Ort der Welt". Auf seine Reisen ins ferne Ausland darf man gespannt sein.
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(SZ vom 22.02.2012/beitz)
UN-Tourismusorganisation
Ich habe die geschriebenen Kommentare über unseren künftigen
Bundespräsidenten aufmerksam gelesen.Ich kann mich nicht des Eindruckes erwehren,daß man versucht irgendein dunklen Punkt
in seinem Leben zu finden.Was soll das?
Herr Gauck spricht über Freiheit(als sein Lieblingsthema).An alle,die
Herrn Gauck kommentieren,was gibt es da permanent auszusetzen?
Wir sind vor der Wende in die Bundesrepublik übergesiedelt(mit
Ausreiseantrag und allen Schikanen der Stasi).Wir sind froh,in einem
freiheitlichen Rechtsstaat zu leben;auch wenn manches heute si-
cherlich kritikwürdig erscheint.Wer allerdings in mehr als dreißig
Jahren in einer Diktatur gelebt hat,kann wohl am besten abschätzen,
was Freiheit bedeutet;alle sonstigen Kommentare sind-meiner Meinung nach-ziemlich anmaßend.Die Menschen in den neuen
Bundesländern haben zwölf Jahre braune Diktatur und vierzig Jahre
rote Diktatur hinter sich-abgesehen von den ewig gestrigen(Linke)
Auch wenn es einigen in diesem Staat nicht passt,über dieses Thema zu reden,es muß immer darüber gesprochen werden.Es ist
allerdings traurig,wenn viele junge Menschen mit Begriffen unserer
deutschen Geschichte nichts anzufangen wissen!Ein besser geschultes Geschichtsbewußtsein sollte dies verhindern zu helfen.
Wir sollten froh sein,einen solchen Mann wie Herrn Gauck als
Bundespräsidenten haben zu dürfen.Die Linken mit ihrer Gegenkandidatin-Frau Klarsfeld-ist eigentlich nur noch peinlich.
Diese Partei steht bis zum heutigen Tag nicht auf dem Fundament
unseres Grundgesetzes;diese Partei ist für uns nach wie vor die
Nachfolgerin der SED und einen Gegenbeweis sind sie immer noch
schuldig.Ich denke aber,daß unsere Demokratie solche Aussenseiter
ertragen kann.
An alle Journalisten,die über die ehemalige DDR und ihre Menschen
schreiben: versetzt euch in deren Lage,um ihr Leben nachvollziehen zu können.Wir haben nun beide Seiten kennengelernt und sind wirklich froh,endlich in Freiheit leben zu können!
Liebe SZ-Redaktion. Gratulation zu diesem hervorragenden Gauck-Bericht. Danke vielmals.
Jeder gute Pastor kann über alles schwadronieren. Das lernen sie, wenn sie es nicht können - wenn es keine Begabung ist.
Theologisch ist da oft nicht viel dran, Widersprüche und Ungereimtheiten werden übertüncht mit Phrasen, die die kirchliche Gemeinde erheben soll und ihn als Präsident das ganze Volk.
Jeden Tag Kirchentag in Deutschland - was für eine Strafe!
Beim Lesen des Artikels, scheint Freiheit das große Wort für Gauck zu sein, was glücklicherweise Frau Augstein gut analysiert hat. So etwas tut Not, wenn Gauck redet.
Mir fiel das Buch von Erich Fromm: "Die Furcht vor der Freiheit" ein, und wenn ich mich recht erinnere war der Konformismus ein Indiz für die Furcht vor der Freiheit.
Sowohl Gauck als auch Merkel, stehen für Konformität, was die "marktkonforme Demokratie" deutlich macht und Gauck's Reden über Freiheit gehen ebenfalls immer in diese Richtung.
Mir gefällt das nicht und ich fürchte, wir werden ein schlafendes Volk, wenn wir auch noch einen BP haben, der "Opium" für's Volk verkauft und mit Widersprüchen, Protesten und Demonstrationen - die unbedingt zur Freiheit gehören - nicht umgehen kann.
in der allgemeinen kurzsichtigen Euphorie um die Kandidatur von Gauck. Ich mag solche Jubelartikel nicht, die den Menschen die Hirne verkleistern sollen. Genau betrachtet haben viele von denen, die heute die DDR verteufeln, sehr wohl die Vorteile genossen, die dieser Staat ihnen bot. Schlecht kann die Ausbildung in diesem Land nicht gewesen, wenn der Westen über die Jahrzehnte z.b. Ärzte, die der Republik den Rücken kehrten, mit offenen Armen aufnahm. Und das war mit Sicherheit kein Gnadenakt. Aber sei es drum. Mich stört diese Selbstherrlichkeit der verschiedenen Bürgerrechtler, die für Pöstchen im Westen, z.B. in der CDU, ihre Ideale verkauft haben, so wie sich die Masse der DDR-Bürger mit 100 DM Begrüßungsgeld ihre Revolution abkaufen ließ und damit deutlich machte, es ging nicht um große Ziele, es ging um die D-Mark, die für allzuviele zum Fluch wurde. Und den Bürgerrechtlern hätte es gut getan, nicht nur Freiheit zu predigen, sondern den Menschen zu sagen, was sie erwartet.
Danke, Frau Augstein!
Ein grandioser Artikel. Mutig, sachlich, nicht polemisch.
Als doppelte Ossi (Sowjetunion + DDR) kann ich den Pathos des Herrn Gauck nicht ertragen. Auch nicht seine Hymne auf die abstrakte Freiheit.
Meine Freiheit ist: Keine Angst vor Zukunft zu haben, vor gesellschaftlichem Abrutschen, vor Verlust des hart erarbeiteten Lebensstandards, vor Versagen in den Augen meines Sohnes. Mein Job ist begrenzt sicher. Ich habe Angst. Ich bin nicht frei.
Übrigens: Götz Werner (Ex-dm-Chef) wäre MEIN PRÄSIDENT!
Wenn F. Augstein schreibt, Gauks angeführte Erkenntnis sei banal, dann täuscht sie sich. Den Gedanken, dass mit Freiheit auch Verantwortung einher gehe, hat sie offensichtlich nicht verstanden, entgegen seiner scheinbaren Banalität.
Aus diesem Grund glaubt sie auch Biologen könnten "erklären" wie Tiere Verantwortung übernehmen. Das können sie nicht. Tiere sind nämlich nicht frei, sie haben kein reflexives Bewusstsein und daher auch kein Verantwortungsbewusstsein. Das ständige Gerede von der Freiheit und der Verantwortung der Tiere ist schön und gut aber halt in Wahrheit nur ein metaphorisches Gerede. Im eigentlichen Sinn des Wortes handeln Tiere nicht, sie verhalten sich lediglich; - und das ist ein gehöriger Unterschied.
Augsteins Kritik verliert sich in ihrer eigenen Unschärfe.
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