Zürich Der letzte Dreck

"Abfall ist auch nicht mehr, was er mal war." 37 Jahre lang putzt Kurt Marti dieselbe Straße in Zürich. Ein Resümee über Menschen, Müll und Veränderung.

Von Sacha Batthyany

Lesedauer: 13 Minuten

Es ist vier Uhr morgens, grimmige Kälte, an diesem letzten Samstag seines Arbeitslebens. Kurt Marti, Mitte 60, nimmt den Reisigbesen in die Hand, mit dem er über den Boden kratzt, seit 37 Jahren tut er nichts anderes, so lange schon putzt Marti die obere Langstraße in Zürich, für zuletzt 5 100 Franken im Monat, aber jetzt geht er in Pension.

Die meisten Jugendlichen, die mit Bierflaschen draußen vor den Bars stehen, sehen durch Marti hindurch, wenn er mit dem Besen ankommt. Es ist, als würde er nicht existieren. Gleichgültig heben junge Frauen ihre Ankle Boots, andere grölen und wollen ein Foto von ihm: der alte Mann und der Müll. Für Kurt Marti, den Straßenfeger, ist das nicht zum Lachen; wohin er auch blickt, er sieht den Sittenzerfall. Einst war diese Straße sein Flur, er kannte die Gastronomen und die Handwerker, er war Teil einer Ordnung, jetzt ist ihm alles fremd geworden. Lauter. Voller. Unübersichtlicher. Sushi-Läden, Brillengestelle für 2000 Franken, etwa 1800 Euro, Frühstück bis vier Uhr nachmittags, leicht bekleidete Ungarinnen mit schlechten Zähnen, die den Männern nachblicken.

Die Langstraße ist für Kurt Marti kein Ort mehr, sie ist ein Zustand. So sieht er die Welt.

"Was für eine verdammte Sauerei", sagt er, als er den Abfalleimer öffnet. Der Sack, der darin eingespannt ist, leckt, und als er ihn herausnimmt und auf seinen Putzwagen hieven will, tropft Bier auf seine Schuhe, ein altes Brot fällt heraus, Zigarettenstummel, Scherben, der Wind trägt rosafarbenes Wurstpapier auf die Straße. "Ja um Herrgotts Willen", sagt er leise vor sich her, während Dampf aus seinen Nasenlöchern in den dunklen Himmel über Zürich steigt.

Neuerdings seien die Wochenenden besonders hart, sagt er, wegen der Jugendlichen, "die alles versaufen". Das Gejohle und die Flaschen, das Geschubse vor den Bars, "man kann einfach nicht mehr", sagt Marti, man sei "irgendwie dünnhäutiger" geworden mit dem Alter, und wehe, es fasse ihn einer dieser Betrunkenen an oder setze sich in seinen Putzwagen, "dann gibt's was hinter die Ohren".

Marti benutzt oft das unpersönliche man, wenn er von sich spricht. Man muss, sagt er, sobald man ihn nach etwas Persönlichem fragt, etwa, wie das sei, jeden Tag dieselbe Straße zu fegen, was ist das für ein Leben? Man muss.

444 Monate, 10 000 Arbeitstage. Früher gab es hier Hähnchen vom Grill, und heute gibt es Kebab

Noch drei Wochen, dann ist all das Vergangenheit. "Passé", sagt er mit Deutschschweizer Betonung. Vermissen werde er nichts. "Ich bin dann endlich frei." Er hat etwas von einer Schildkröte, der große Kopf, die langsamen Bewegungen. Marti bleibt stehen. "Hä?", ruft er zurück in die sich auflösende Dunkelheit des frühen Morgens, er hört nicht mehr so gut, "ja, ja", sagt er, er habe was an der Hüfte, und der Rücken schmerze, "war halt immer draußen, hab' mein ganzes Leben nur geschuftet. Man muss einfach."

Es gibt Filme, in denen innerhalb einer einzigen Sequenz das Vergehen von Jahren erzählt wird. Man sieht einen Mann auf einem Spaziergang, erst scheint die Sonne, dann verfärben sich die Blätter, Sekunden später fällt Schnee. Der Mann wird älter, die Haare schütterer, die Bäume ergrünen, ein Leben im Zeitraffer. So etwa muss man sich die 37 Jahre von Kurt Marti vorstellen, unterlegt mit dem Geräusch seines Reisigbesens, chrrrrt-chrrrrt. Er fegte und fegte, immer dasselbe Gebiet, fing oben an der Badenerstraße an, arbeitete sich vor bis zur Unterführung Richtung Limmatplatz, fünfmal die Woche, während die Monate an ihm vorbeischossen; Häuser wurden abgerissen, andere gebaut; Autowerkstätten wurden nach Altstetten umgesiedelt, und in den neuen Bordellen feierte man bis zum Morgen. Marti stand immer draußen, ein stummer Zeuge der Zeit: Bierflaschen, Spritzen, Kondome, Energydrinks, Marlboro und Bubblegum, in den Ecken das Erbrochene. Marti sah die Schweiz 37 Jahre lang von unten.

Nicht, dass es anderswo keinen Wandel gegeben hätte in diesem Land, auch die Innenstadt von Altdorf im Kanton Uri sieht heute anders aus als Ende der Siebzigerjahre, als Marti mit dem Fegen begann. Aber nur wenige Quartiere in der Schweiz haben sich so oft neu erfunden wie die Gegend um die Zürcher Langstraße, was man auch an der Zusammensetzung des Mülls erkennt. Müll sagt viel über einen Ort und eine Zeit aus, in der Menschen nach ihrem Glück suchen, Marti weiß das: "Der Abfall ist auch nicht mehr, was er mal war."

Um zu verstehen, wer Kurt Marti ist und warum er am letzten Tag seines Arbeitslebens denkt, wie er denkt, muss man ihm durch die Jahre folgen, durch seine 444 Monate, die knapp 10 000 Tage, die er damit verbracht hat, anderer Menschen Dreck auf der Langstraße aufzulesen, die, sobald er sie sauber gefegt hat, sofort wieder neuen Schmutz produziert. In dieser Absurdität liegt Martis Lebensaufgabe, das hat er mit Sisyphos gemein, König zu Korinth, der mit dem Stein.

1980, als Littering noch Verschmutzung hieß, stand Marti da, wo er auch heute steht, am Helvetiaplatz, mit seinem Besen in der Hand, das Geräusch war dasselbe, chrrrrt-chrrrrt, sonst war einiges anders. Die Abfallsäcke, die die Einwohner Zürichs vor die Häuser stellten, waren noch nicht normiert, mal braun, mal schwarz. Marti hatte mehr Haare auf dem Kopf, und er hinkte noch nicht. Noch gab es keine "Waschmaschinen", wie Marti die Putzwagen mit Staubsaugern und Bürsten nennt, er fegte alles von Hand, noch war das hier wie der Flur seiner Wohnung: von Montag bis Freitag, das Wochenende war frei, denn gefeiert wurde damals noch woanders, in der Altstadt oder in der Roten Fabrik, draußen am See. Es gab nur wenige Restaurants, und wenn, dann wurde mit Maggi gewürzt, nicht mit "bisschen scharf", wie die Kebab-Verkäufer sagen. Es gab Hähnchen vom Grill, kein Kebab im Fladenbrot, und kaum Graffiti an den Wänden.

Kurt Marti hatte neben dem Fegen genug Zeit, leichte Handwerkerarbeiten zu verrichten, von Straßenwischern wurde das verlangt, Schilder anzuschrauben, Löcher zu bohren, solche Sachen. Er war neu in der Stadt, kam aus Biel, wo er seine Frau kennengelernt hatte; gemeinsam zogen sie in den dritten Stock eines Hochhauses, wo sie bis heute wohnen, kinderlos, knapp oberhalb der Baumwipfel.

Einmal hat ihn ein Schwarzer attackiert. Da gab's was mit dem Besen. "Krematorium, weisch?"

"Im ganzen Haus gab es nur Schweizer", sagt Marti, nicht wie heute, wo sich niemand mehr grüßt, und wo es "sogar im Lift nach Urin riecht". Seine Kollegen bei der Stadtreinigung hießen noch Werner oder Köbi, die meisten jedenfalls. Mit den Jahren änderten sich die Namen, Alberto, José, Manuel, Vlado, Dragan, Ali, Sunil, Mamadou.

Lange währte Martis Idylle nicht. Schon Ende der Achtzigerjahre wurde aus dem Arbeiterquartier ein Problemquartier. Junkies richteten sich am Platzspitz in der Nähe des Hauptbahnhofs ein, und Kurt Marti musste sich, obwohl er sich anfangs wehrte, gegen Hepatitis impfen lassen und Handschuhe tragen, wenn er die Säcke aus den Kübeln nahm. "Ich habe den einen oder anderen Zombie mit meinem Besen geweckt", sagt er, "die waren alle ballaballa." Lagen am Boden, in ihren Exkrementen, wie Tiere. "Angst?", oh nein, die habe er nicht mal vor den Dachsen, die ihm unterkommen. Mulmig werde ihm bei den ausländischen Dealern, weil er die Gebüsche kennt, in denen sie ihre Drogen verstecken; er fegt die Zellophansäckchen fort, in denen sie ihren Stoff verkaufen.

Mit den Bordellen kamen ein paar Jahre später die Imbisse - Freier hatten auch mal Lust auf eine Wurst -, die Bars durften von 1998 an länger offen bleiben, und Kurt Marti musste jetzt vor allem am Wochenende arbeiten. Wenn er morgens um vier Uhr bereit stand, sah er den einen oder anderen Politiker, "und die vom Fernsehen", aus den Etablissements schleichen. Für ihn begann damit der Abstieg seiner Straße: "Sodom und Gomorra" nennt er das, andere nennen es Gentrifizierung. Das Quartier wurde zum Vergnügungsviertel, noch mehr Bars, Klubs, alles rund um die Uhr geöffnet, daneben Straßenpartys, Freiluft- Kinos, Galerien. "Ja um Herrgotts Willen", sagt Marti wieder, "schau doch, dieser ganze Dreck". Es ist nicht sicher, ob er die Kebabreste am Boden meint oder die Menschen, die vor den Klubs stehen, junge Männer in offenen Hemden, leicht bekleidete, fröstelnde Frauen.

"Einmal hat mich einer angegriffen, so ein Schwarzer", sagt Marti, worauf er ihm mit seinem Besen auf die Hände gedroschen habe. "Beim nächsten Schlag bist du tot", sagte er ihm: "Krematorium Nordheim, weisch?" Er lasse sich nichts mehr gefallen, "man wehrt sich heute", stellt er fest und fegt weiter.

Ob man mal an einem Wochenende in einem Park gewesen sei, fragt er plötzlich, ob man mal gesehen habe, wie sie da "ganze Lämmer" grillen? "Man muss sich das vorstellen, ganze Lämmer am Spieß, aber glaubst du, die Kopftücher würden ihren Dreck mitnehmen?" Nein, niemals, die seien es nicht gewohnt, sagt er, dass man die Straßen sauber hält. "Die lungern lieber herum, die Ausländer, das darf man doch noch sagen?", sagt Marti, "oder etwa nicht?" Nein, er habe keine Lust zu differenzieren. "Fertig Multikulti." Er sehe es mit eigenen Augen, "jeden gottverdammten Tag", sagt er, "andere Kulturen, andere Sitten". "Früher gab es keine Kopftücher in der Schweiz und noch nicht so viele Fremde, keine Döner-Stände und keine 24-Stunden-Betriebe, und es war noch nicht so eng überall", sagt er und hinkt zum nächsten Abfalleimer, um ihn zu leeren.

An Kurt Martis allerletztem Tag scheint die Sonne, er hat gut geschlafen, Wecker wie immer um 5 Uhr 15, danach "gemütlich" mit der Straßenbahn zur Arbeit. Er hat seine beiden Garderobenschränke aufgeräumt, das meiste weggeschmissen, die schweren Winterschuhe braucht er jetzt nicht mehr. Nein, er sei nicht wehmütig, "man ist in einem solchen Moment auch nicht nachdenklich", sagt er während der Fahrt in seinem Putzwagen durch das Quartier. Noch vier Stunden. Was beginnt danach?

"Hä?"

Danach?

"Ein neuer Lebensabschnitt", sagt Marti, "warten auf den Tod." Und wenn der erste Schnee falle, dann müsse er morgens nicht mehr aufstehen, um zu salzen, zu pflügen, "ich habe lang genug für andere die Straßen sauber gemacht. Hätte ich für jede Zigarette, die ich aufgelesen habe, einen Rappen erhalten, ich wäre heute Millionär."

Geärgert haben ihn die, die ihre Zigarette wegschnippen, bevor sie in die Bahn steigen, dabei gebe es genug Aschenbecher, aber so seien sie eben heute, die Menschen, "es gibt keine Umgangsformen mehr" - und keine Dankbarkeit. Gibt es wirklich gar nichts, was in all den Jahren besser wurde? Marti denkt nach und schweigt. "Früher durfte der Schnee ein paar Tage liegen bleiben, heute muss alles binnen Minuten weg, weil sich ja jemand verletzen könnte."

Von seinem Wagen aus zeigt er auf die "Problemkübel", so nennt er die Abfalleimer, die ständig überquellen, weil die Anwohner in ihnen "ihr ganzes Leben entsorgen" würden, anstatt gebührenpflichtige Säcke zu kaufen. Je mehr Menschen, desto mehr Dreck, sagt er, so laute seine Regel, obwohl statistisch gesehen die Bevölkerung im Quartier abgenommen hat, auch der Ausländeranteil nimmt seit Mitte der Neunzigerjahre ab, aber darauf geht Marti nicht ein, er sieht nur, was er sehen will, den ganzen Müll. Sauberkeit, das sei etwas zutiefst Schweizerisches, findet er, "das ist in unserer D-N-A", er spreizt die drei Buchstaben, wie das Politiker gern tun. "Wir lernen schon im Kindesalter, nichts wegzuschmeißen. Wir halten Ordnung", sagt er, und so wie Kurt Marti denken vielen in diesem Land, das sich so gerne verschließt und absondert und wegschaut, und das dann Neutralität nennt.

Am Ende gibt es vom Chef einen Blumentopf und einen Gutschein für die Müllverbrennungsanlage

"Den anderen ist Hygiene eben nicht im Blut", sagt Marti, die würden ganz anders aufwachsen. Ob er denn mal woanders war? "Hä?", aber sicher, er sei in Brüssel gewesen, da sah es nicht aus wie in der Schweiz, und die Stadtreinigung hatte auch nur schlechtes Equipment. "Wir sind eben Perfektionisten", sagt Kurt Marti, aber das Niveau sei auf Dauer nicht aufrechtzuerhalten, "sauberer wird das Land nicht mehr", davon ist er überzeugt.

In seiner letzten Arbeitsstunde gönnt er sich ein Bier, obwohl er eigentlich noch im Dienst ist, aber "die können mich ja gar nicht mehr feuern, bin ja schon weg". Er trinkt es in großen Schlucken, dann noch eins. Er kannte die Kellnerin hier, aber die sei auch schon länger weg, "wie hieß die noch?" Marti tippt sich an die Stirn - und das war's. Aus. Er steht auf, geht zu seinem Wagen, fährt zurück ins Büro, gibt den Schlüssel ab und hinkt nach Hause in den dritten Stock zu seiner Frau, die auf ihn wartet.

Ein paar Wochen später gibt es dann noch eine kleine Feier zu seinen Ehren. 50 Straßenfeger sitzen an Festbänken draußen vor dem Parkplatz der Reinigungszentrale nahe dem Fußballstadion Letzigrund, die Jüngeren mit aufwendigen Frisuren, die älteren mit runden Bäuchen, als hätte jeder von ihnen eine Wassermelone verschluckt. "Die ganze Erdkugel ist versammelt", murmelt Marti vor sich hin. Am Wurstgrill hat sich eine Schlange gebildet. "Ist da Schwein drin?", wollen viele wissen, "und da? Und in dem?", worauf der Mann am Grill, ein Schweizer mit vergilbten Bartstoppeln vom Rauchen, sagt: "Na, was denn sonst?"

Marti holt sich Senf, da kommt überraschend seine Frau vorbei, Martis Chef hat sich das ausgedacht. "Du kommst rechtzeitig zum Essen", sagt Marti, als er sie sieht. Er ist kein Mann großer Worte.

"Weißt du noch damals, Kurt?", wird er von seinen Kollegen gefragt, die ihm zum Abschied ihre Pranken auf die Schulter hauen. "Ja", antwortet er abwesend. "Hä?", "klar doch", vielleicht ist es der Rummel, der ihm nicht behagt, vielleicht erinnert er sich auch nicht mehr richtig. Er wirkt, als wolle er nach Hause. Er setzt sich mit seiner Frau in die Sonne, ein älteres Ehepaar aus einer anderen Zeit. "Wir werden walken gehen", sagt Martis Frau, "das mit den Stöcken." Und ins Aquafit wolle sie auch. "Wohin?", fragt Marti. "Ins Aquafit!", antwortet die Frau etwas lauter, "dein Rücken, die Hüfte, darüber haben wir doch gesprochen."

Marti winkt ab.

Dann hält der Chef seine Rede. Herr Schwaller bedankt sich erst bei allen für die tägliche gute Arbeit, 80 000 Kilometer habe die Flotte zurückgelegt, zwei Mal um die Erde, damit alles immer sauber bleibt in der schönen Stadt Zürich. Spezieller Dank gebühre Kurt Marti, alle klatschen. Die ganze Zeit sei er für dasselbe Gebiet zuständig gewesen. "Man wird Dich vermissen", sagt der Chef und übergibt ihm eine Urkunde der Stadtpräsidentin von Zürich, einen Blumentopf und Gutscheine für das Kehrichtheizkraftwerk Hagenholz, falls er mal aus seiner Wohnung in eine Alterssiedlung zieht.

So endet das Arbeitsleben von Kurt Marti, geboren 1950 in Biel, nach 37 Jahren Dienst als Straßenwischer in der oberen Langstraße. Als Marti wieder Platz nimmt, wird Kaffee serviert. Er verschüttet die Milch; sie tropft vom Tisch auf den Boden. "Um Herrgotts Willen", seine Frau bückt sich hinunter, um die Spritzer mit der Serviette aufzuwischen. "Ach, lass doch sein", herrscht Marti sie an, "musst doch nicht." Sie richtet sich langsam wieder auf.

"Jemand wird's schon wegmachen", sagt er.

Erschienen in der SZ vom 9.2.2016