Zeuge im NSU-Prozess Ehemaliger V-Mann hat "keene Ahnung" von eigener Spitzeltätigkeit

  • Marcel D. war eine der Führungsfiguren der rechtsextremen Organisation "Blood & Honor" - und er soll früher einer der wichtigsten V-Männer in Thüringen gewesen sein.
  • Bei seiner Aussage im NSU-Prozess bestreitet er jedoch seine Spitzeltätigkeit. Offenbar will er auf keinen Fall als Verräter gelten.
Aus dem Gericht von Tanjev Schultz, München

Er soll Ende der 1990er Jahre eine der wichtigsten Verfassungsschutz-Quellen in Thüringen gewesen sein: Marcel D., Deckname "Hagel". Bei der bundesweit aktiven, rechtsextremen Organisation "Blood & Honour" war er eine Führungsfigur - und angeblich lieferte er auch ein paarmal Hinweise über das untergetauchte Neonazi-Trio aus Jena. Über Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Nun sitzt Marcel D. als Zeuge im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München und verblüfft das Publikum. Er sei nie V-Mann gewesen, behauptet er. Das wirkt ungewöhnlich dreist.

Verfahren wegen Falschaussage möglich

Denn Richter Manfred Götzl hatte zu Beginn eine uneingeschränkte Aussagegenehmigung des Landesamts für Verfassungsschutz in Erfurt verlesen, und das bedeutet: Ginge es nach der Behörde, dürfte Marcel D. alles über seine frühere Spitzeltätigkeit erzählen. Er tut es nicht. Immer wieder fragt Götzl nach. Der Zeuge bleibt dabei.

Er muss damit rechnen, dass ein Verfahren wegen Falschaussage gegen ihn eingeleitet wird. Denn dass Marcel D. früher V-Mann war, ist mehr als nur ein Gerücht. Mehrere Beamte haben das bezeugt und zwei Untersuchungsausschüsse und eine Fachkommission haben sich mit dem Fall beschäftigt. Offenbar will der Mann aus Gera aber um keinen Preis als Verräter gelten.

Deshalb weiß man auch nicht, was man von seinen sonstigen Aussagen halten soll. Ihm wird eine alte Quellen-Meldung des Verfassungsschutzes vorgehalten: Demnach erkundigte sich Marcel D. im November 1999 bei einem anderen Neonazi nach dem untergetauchten Trio und bot eine Geldspende an.

Schleppende Vernehmung

Die Antwort sei gewesen: Die drei würden kein Geld mehr benötigen, weil sie mittlerweile "jobben würden". Ermittler werten dies als Hinweis auf den Beginn einer Serie von Raubüberfällen, die dem NSU zugeschrieben werden.

Vor Gericht will sich Marcel D. zunächst nicht so recht an das Gespräch erinnern. Schließlich bestätigt er die Angaben doch - zumindest in groben Zügen. Ob das Wort "jobben" fiel, könne er aber nicht mehr sagen. Angeblich kannte er das Trio auch nicht persönlich.

Es seien viele Gerüchte über den Verbleib der drei im Umlauf gewesen. Südafrika, Ungarn, Kroatien - es sei "Käse" erzählt worden. "Da hat jeder so seine Theorien gehabt". Es sei alles sehr geheim gewesen, man habe nicht offen über das Thema reden können, sondern nur "durch die Blume".

Die Vernehmung verläuft sehr schleppend. Einen Ausdruck benutzt der Zeuge besonders oft: "keene Ahnung".