Acht Seiten waren es, die ein 28 Jahre langes blutiges Kapitel deutscher Zeitgeschichte beendeten: Vor zehn Jahren erklärte die Rote Armee Fraktion ihre Auflösung - die Justiz beschäftigen ihre Taten noch heute.
Die Erklärung umfasst acht Seiten - auf der letzten prangt der berüchtigte fünfzackige Stern mit Maschinengewehr. "Vor fast 28 Jahren, am 14. Mai 1970, entstand in einer Befreiungsaktion die RAF", lautet der erste Satz des achtseitigen Schriftstückes, das mit Poststempel 20. April 1998 mehreren Medien zugestellt wurde.
Bild vergrößern
Das letzte Schreiben der RAF: Mit dieser Mitteilung, die an mehrere Medien geschickt wurde, erklärte die Rote Armee Fraktion am 20. April 1998 ihre Auflösung (© Foto: dpa)
Anzeige
"Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte." In der Tat endete mit der Auflösung der Rote Armee Fraktion vor zehn Jahren ein blutiges Kapitel Zeitgeschichte. Für die Justiz indes ist die Akte RAF noch lange nicht geschlossen: Ihre Morde beschäftigten die Fahnder noch heute, vor allem die der letzten RAF-Generation.
Vor allem im vergangenen Jahr, als der so genannte Deutsche Herbst 1977 drei Jahrzehnte zurücklag, wurde heftig diskutiert über die Geschichte der RAF. Im Rahmen dieser Debatte lehnte Bundespräsident Horst Köhler ein Gnadengesuch des inhaftierten Ex-Terroristen Christian Klar ab, während seine frühere Komplizin Brigitte Mohnhaupt vorzeitig aus der Haft entlassen wurde.
Klar und Mohnhaupt gehörten zur sogenannten zweiten Generation der RAF, mit der konkrete Namen und Gesichter verbunden sind. Das gleiche galt für die erste Generation um Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin.
Bei der "Befreiungsaktion", die in der letzten RAF-Erklärung erwähnt wird und die als Geburtsstunde der RAF gilt, handelte es sich um die Flucht Andreas Baaders aus dem Berliner Institut für Soziale Fragen. Gesinnungsgenossen, darunter die linke Journalistin Meinhof, befreiten Baader an jenem Mai-Tag 1970 mit Gewalt und schossen dabei einen Mann nieder.
"Kriminalistisch nahezu perfekt"
Zwar wurden Baader und die anderen Gründungsmitglieder schon 1972 gefasst. Doch die zweite Generation der Terrorgruppe führte den Krieg gegen den Staat weiter - er fand seinen Höhepunkt im Deutschen Herbst 1977 mit dem Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, der Entführung des Urlauberjets "Landshut" durch Palästinenser und dem Tod Meinhofs, Baaders, Ensslins und Jan-Carl Raspes in Stammheim.
Die Angehörigen der dritten Generation aus den 80er und 90er Jahren sind hingegen weitgehend unbekannt. Niemand weiß bis heute, wer die Verantwortlichen für die tödlichen Attentate unter anderem auf Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts, den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, und auf Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder sind.
Diese Taten seien "kriminalistisch geradezu perfekt" ausgeführt worden, schreibt der Autor und Rechtsanwalt Butz Peters. Das Rohwedder-Attentat 1991 war der letzte von 34 Morden der RAF - allein neun gehen auf das Konto der dritten Generation. Ein Jahr später erklären die Terroristen den Verzicht auf "Angriffe auf führende Repräsentanten aus Wirtschaft und Staat", es folgt noch ein Sprengstoffanschlag auf das Gefängnis im hessischen Weiterstadt.
Wenige Monate danach wird die Terroristin Birgit Hogefeld auf dem Bahnhof in Bad Kleinen gefasst, ihr Komplize Wolfgang Grams und ein Polizist kommen bei einem Schusswechsel ums Leben. Hogefeld zählt zur dritten Generation - neben Klar ist sie heute das einzige noch inhaftierte Ex-RAF-Mitglied. Zu einzelnen Straftaten und Mittätern schweigt sie - wie die Häftlinge vor ihr auch.
Ein Haar an einem Handtuch
Von Grams fanden die Ermittler am Tatort des Rohwedder-Mords ein Haar an einem Handtuch, das ihm Jahre nach seinem Tod mittels einer DNA-Analyse zugeordnet werden konnte. Gleichzeitig gestanden die Behörden ein, dass dies für den Beweis einer Tatbeteiligung viel zu wenig sei.
Grams war also tot und Hogefeld bereits im Gefängnis, als 1998 die Auflösungserklärung der RAF folgte - eine von mehreren Mitteilungen und Leserbriefen, die seit Weiterstadt im Namen der Terrorgruppe verfasst wurden. Die Autoren räumen darin das Scheitern des Projekts ein ("Das Ergebnis kritisiert uns."). Die dritte Generation habe dort weiter gemacht, wo die zweite aufhörte: Man wollte den Staat "durch die Schärfe des Angriffs" zerrütten.
Es sei ein Fehler gewesen, parallel zum gewaltsamen Kampf keine "politisch-soziale Organisation" aufgebaut zu haben. Trotz aller Selbstkritik sei das Vorgehen aber "grundsätzlich richtig gewesen".
Die Anonymität der dritten RAF-Generation hat dazu geführt, dass eine Reihe von Theorien über sie aufblühten. Die bekannteste davon besagt, dass die Erklärungen und womöglich auch die unaufgeklärten Morde gar nicht auf das Konto der RAF gehen. Stattdessen hätten Geheimdienste und andere verschwörerische Organisationen die angeblich noch existierende Terrorgruppe zur eigenen Tarnung ins Spiel gebracht. Solche Gedankenspiele sind in Fachkreisen umstritten, widerlegt werden können sie mangels Ermittlungsergebnissen allerdings auch nicht.
Vorerst bleibt also ein Rätsel, wer die RAF 1998 für aufgelöst erklärte. "Authentisch" war der Text zumindest in einem Punkt: Wie in den Verlautbarungen der RAF zuvor gibt es kein Wort des Mitleids für die Opfer und ihre Angehörigen.
(sueddeutsche.de/dpa/AFP/aho)
Debatte über Militäreinsatz in Syrien