Woher Nairobi, Neapel und Ruhpolding ihre Namen haben und wieso die alten Germanen nur bis zehn zählen konnten - der etymologische Wochenrückblick von Wolfgang Koydl.
Kriminellen in deutschen Knästen müssten eigentlich ebenso sehr die Ohren klingeln wie deutschen Jugendlichen - so oft werden sie von Politikern in diesen Wahlkampfzeiten erwähnt. Etymologisch betrachtet sind beide Worte etwas Besonderes, weil es sie schon lange gibt, ohne dass sie ihre Bedeutung verändert hätten. Dies geschieht gemeinhin mit vielen Ausdrücken, die sich verändernden Zeitläufen anpassen.
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Biathlet bei einem Rennen im bayerischen Ruhpolding: Etymologisch lässt sich einfach erklären, woher der Ort seinen Namen hat. (© Foto: ddp)
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Am Anfang des Verbrechens stand das lateinische crimen, das - soweit Sprachforscher dies ermitteln konnten - schon immer die Bedeutung Beschuldigung, Verbrechen oder Schuld besaß. Möglich, aber nicht bewiesen, ist, dass es sich von cernere = entscheiden ableitet, das uns auch die Krise geschenkt hat.
Noch älter ist die Jugend - sprachlich gesehen. Eine proto-indoeuropäische Wurzel yeu bedeutete schon in Urzeiten Lebenskraft und Vitalität - die man nicht mit Greisen in Verbindung bringt. Proto-Indoeuropäisch ist eine von Linguisten theoretisch angenommene Ursprache, aus der sich alle indogermanischen Sprachen entwickelten. Aus yeu wurde in Urzeiten schon iunen = jung. Im Lateinischen war ein iuvencus zunächst nur ein junger Stier, bevor daraus iuventus = die Jugend wurde.
Lateinischen Ursprungs ist übrigens auch ein anscheinend so treudeutsches Wort wie der Herd, der sich in der Herdprämie - dem Unwort des Jahres - findet. Man muss freilich ein wenig mit den Buchstaben herumspielen wie beim Scrabble, aber es stimmt: Am Anfang stand cremare = verbrennen, das seinerseits auf eine indogermanische Wurzel ker = brennen, glühen zurückgeht. Wenn das nächste Mal etwas anbrennt, kann man es auf die Etymologie schieben.
Seine lateinische Verwandtschaft nicht verleugnen kann die Prämie, die erst im 16. Jahrhundert als Plural des lateinischen praemium = Belohnung, Preis in die deutsche Sprache gelangt ist. Doch das ist nicht die ganze Geschichte: In dem Wort steckt das vielfältig verwendbare Verb emere = nehmen, an dem man diverse Vorsilben befestigen kann. Ein prae-emium bezeichnete zunächst etwas Vorweggenommenes und beschrieb jenen Anteil einer Siegesbeute, der als Opfergabe für die Gottheit bestimmt war und von dem ganzen Haufen an Gold und Edelsteinen abgezogen wurde, bevor der Plunder an die siegreiche Truppe verteilt wurde.
Emere steckt in vielen anderen alltäglichen Wörtern: von promere = hervornehmen kam prompt; aus sumere = an sich nehmen wurde als re-sumere = sich wieder vornehmen das deutsche resümieren, und con-sumere = verwenden, verbrauchen wandelte sich gar nicht so weit zum Konsum. Ex-imere bedeutete herausnehmen - und alles, was man aus einer Masse auswählt wird zu einem Beispiel, einem Exempel.
Über die meisten Wörter, die wir täglich in den Mund nehmen, machen wir uns nie Gedanken, weil sie so alltäglich sind. Mitunter aber haben gerade sie die interessanteste Geschichte aufzuweisen. Das Zahlwort elf gehört dazu - das wir ausgewählt haben, weil die Lokführer sich eine elfprozentige Lohnsteigerung erstreikten. Die Zahlen von eins bis zehn klingen logisch, ebenso die Abfolge ab der Nummer dreizehn. Doch elf und zwölf fallen aus der Reihe.
Tatsächlich wenden viele Sprachen die Zehn-Plus-Regel konsequenter an: On bir und on iki sind - wörtlich - "zehn eins" und "zehn zwei" im Türkischen. Hedasha und ethnasha im Arabischen, undici und dodice im Italienischen, odinnadzat und dwenadzat im Russischen - sie alle folgen dieser Formel. Selbst das anscheinend quere französische onze und douze kommt vom lateinischen undecim und duodecim - abgeschliffen von französischen Zungen.
Das deutsche elf hingegen (und ebenfalls das englische eleven) hieß ursprünglich einlif - wörtlich: eines bleibt übrig. Auf elf kamen die Germanen, wenn sie an den Fingern bis zehn gezählt hatten - und dann noch ein Finger (den man sich denken musste) addiert wurde. Entsprechend wurde auch die Zwölf gebildet: twalif - zwei bleiben.
Lassen Sie uns ein paar Städte abhandeln, die in den vergangenen Tagen in die Nachrichten gelangt sind. In Nairobi haben Regierung und Opposition ihre gewaltsam ausgetragenen Differenzen noch immer nicht beigelegt. Das ist umso bedauerlicher, wenn man weiß, dass der Name der Stadt eine erfrischend positive Bedeutung hat: enkare nyorobi ist in der Sprache der Massai ein Ort der kühlen Wasser.
Der Staat Kenia wiederum ist nach dem gleichnamigen, 5199 Meter hohen Berg benannt. Er hat seinen Namen von den Kikuyu erhalten: kere-nyaga ist ein Berg der Weiße - wegen des Schnees, der seinen Gipfel bedeckt.
Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie die Städte Ruhpolding, Neapel und Detroit zu ihren Namen kamen - und woher Nokia und Chevrolet ihre Markennamen haben.
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FKK-Slackliner Alexander Schulz