sueddeutsche.de: Wie finden Sie es, dass manche Unternehmen konzerneigene Zeitarbeitsfirmen schaffen?

Wolfgang Clement hält Zeitarbeit für das Arbeitsmodell der Zukunft. Foto: dpa

Wolfgang Clement hält Zeitarbeit für das Arbeitsmodell der Zukunft. Foto: dpa (© 135)

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Clement: Das muss beendet werden. Solche Unternehmen ziehen natürlich den Verdacht des Lohndumpings auf sich. Diese Firmen sollten an normale Zeitarbeitsunternehmen übergeben werden. Nichts spricht übrigens dagegen, in der Zeitarbeit einen tariflichen Mindestlohn zu vereinbaren und ihn für allgemeinverbindlich zu erklären. Das sollte der Bundesarbeitsminister machen. Der Antrag dazu liegt vor.

sueddeutsche.de: Ist es nicht ungerecht, wenn der Kollege Zeitarbeiter am Fließband weniger verdient als der Festangestellte drei Meter weiter?

Clement: Der Zeitarbeiter ist bei der Zeitarbeitsfirma angestellt. Das ist sein Arbeitgeber. Dort ist er abgesichert wie jeder andere Arbeitnehmer bei seinem Unternehmen. Aber es ist vernünftig, wenn das niedrigere Gehalt nach und nach an das Einkommen der Festangestellten angepasst wird. In einigen Unternehmen wie Audi sind wird schon bei diesem Prinzip des equal pay.

sueddeutsche.de: Zeitarbeit als Arbeitsmodell der Zukunft.

Clement: Sicher. Die Zeitarbeit muss eine führende Rolle auf dem Gebiet der Qualifikation einnehmen. Die Unternehmen haben ein Interesse dran, dass sie möglichst gut ausgebildete Mitarbeiter vermittelt bekommen. Es wird Zeitarbeitnehmer geben, die werden demnächst teurer werden als Festangestellte, weil sie besser qualifiziert sind. Auf die längere Sicht werden diejenigen Vorteile haben, deren Berufsbiographie von Flexibilität geprägt wird.

sueddeutsche.de: Die Große Koalition scheint auf ganzer Linie versagt zu haben, wenn man Sie interpretiert.

Clement: Das würde ich nicht sagen. Es ist ja eine Stabilisierung der Haushalte erreicht worden, wenn auch verbunden mit einer erheblichen Steuererhöhung. Das ist schon was. Aber Wesentliches ist darüber hinaus in der Tat nicht erreicht worden. Wir verspielen unsere Chancen, wenn das so weitergeht. Damit wären wir wieder beim Thema Demographie und Bildung. Wir haben nicht mehr viel Zeit.

sueddeutsche.de: Ihnen fehlt es an Mut in der Politik?

Clement: Wir haben doch auch gewusst, was wir getan haben, als wir uns an die Agenda 2010 gesetzt haben. Ich nehme für Gerhard Schröder und für uns in Anspruch, dass wir im Landesinteresse gehandelt und Parteiinteressen zurückgestellt haben. Die Agenda 2010 war ein schwerer Crashkurs für die Partei.

sueddeutsche.de: Wenn eine Große Koalition den Weg in die Bildungsgesellschaft nicht schafft, wer dann?

Clement: Das geht nur mit einer Großen Koalition.

sueddeutsche.de: Die Beteiligten sind doch alle froh, wenn es 2009 vorbei ist.

Clement: Wenn alles schiefgeht, dann werden wir vielleicht noch froh sein, wenn eine Große Koalition weitermachen kann.

sueddeutsche.de: Ist das Land noch nicht reif für ein Dreierbündnis, zum Beispiel aus Rot, Grün und FDP?

Clement: Ich habe ja nun einige Erfahrung mit Koalitionen. Ich halte eine Dreierkoalition für einen ziemlichen Husarenritt, sie ist leichter heraufbeschworen als tatsächlich geführt.

sueddeutsche.de: Wie lässt sich das Problem der zunehmenden Zersplitterung der Parteienlandschaft in den Griff bekommen?

Clement: Unser Grundgesetz geht von einem Dreiparteiensystem aus. Diesen Zustand haben wir nicht mehr. Ich glaube, ein Mehrheitswahlrecht wäre eine vernünftige Antwort.

sueddeutsche.de: Herr Clement, nach diesem Gespräch stellt sich die Frage, ob die SPD noch Ihre politische Heimat ist

Clement: Ja, aber es gibt natürlich Grenzen.

sueddeutsche.de: Welche Grenze meinen Sie?

Clement: Zwischen Rot und Lafontaine-Rot liegt meine Grenze. Und nicht nur meine. Sie würden sich wundern.

sueddeutsche.de: Dann treten Sie aus der SPD aus?

Clement: Das würde ich nicht mitmachen. Das ist klar.

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(sueddeutsche.de/jja)