Wohlstand Unsere Art zu leben

Es gibt Menschen, die die freien Gesellschaften mit Gewalt bekämpfen. Und es gibt Menschen, denen diese freien Gesellschaften Gewalt antun - ohne dass dies hier groß auffallen würde.

Von Detlef Esslinger

Immer, wenn irgendwo auf der Welt Terroristen gemordet haben, müssen Regierungschefs vor Kameras treten und einige Sätze dazu erklären. Eine traurige Routine ist das geworden; Angela Merkel bewältigt sie mit Variationen ein und derselben Bemerkung. Die Terroristen zielten auf "unser freies Leben in freien Gesellschaften", sagte sie nach dem Anschlag von Istanbul. Sie griffen "unsere Art zu leben" an, sagte sie nach dem Horror von Paris, vor zwei Monaten. Es sind Worte des Trotzes und des Beharrens - was in dem Moment auch angemessen ist. Doch in ihnen verbirgt sich viel mehr, als das Floskelhaftige in ihnen zum Ausdruck zu bringen scheint.

Dass Gesellschaften sich von Terroristen nicht intellektuell herausfordern (oder gar einschränken) lassen, ist eine Binsenweisheit, die nur Terroristen nie kapieren. Wer andere in die Luft sprengt oder erschießt, mit dem diskutiert man nicht, den bekämpft man. Dennoch steckt in einer Formulierung wie "unsere Art zu leben" nicht allein eine Kampfansage an Mörder. Denn zum einen mag sie die Freiheit beschreiben, nach Istanbul zu reisen und dort die Hagia Sophia zu besichtigen; oder den Besuch von Kneipen, Restaurants und Konzerten in Paris, München, Kopenhagen. Sie mag zum Ausdruck bringen, dass in freien Gesellschaften jeder nach seiner Façon leben darf; Männer, Frauen, Schwule, Heteros, Fleischesser, Vegetarier, Gläubige, Atheisten.

Das ist das eine, das von dem Begriff umfasst wird. Das andere ist das, worauf ausgerechnet Angela Merkel einmal hingewiesen hat, und zwar ganz und gar nicht im Zusammenhang mit Terror. Es ist einige Jahre her, es war die Neujahrsansprache kurz nach dem gescheiterten Weltklimagipfel von 2009. Da dachte sie laut darüber nach, "wie wir unseren Wohlstand erhalten" - nämlich "indem wir unsere Art zu leben und zu wirtschaften ändern".

Es wäre geboten, die Lebensart in den reichen, freien Gesellschaften als beides wahrzunehmen: als Errungenschaft und als gigantisches Problem. Gelebt wird hier ein Freiheitsverständnis, das absolut ist. Nichts ist den Menschen hier fremder als Beschränkung im persönlichen Alltag. Freiheit ist erstens der Kneipenbesuch und zweitens, dass der Wirt Heizpilze auf den Gehsteig stellt, damit man auch im Januar den Wein und den Barsch draußen genießen kann. Freiheit ist, dass Amerikaner 6,6 Milliarden Kilowattstunden Strom allein für Weihnachtsbeleuchtung aufwenden, mehr als Tansania im gesamten Jahr verbraucht. Freiheit ist, ein Auto zu bauen (und zu kaufen), das pro Kilometer 224 Gramm Kohlendioxid ausstößt. Benedikt XVI. war ein Papst, der nicht mit Beispielen erklärte, sondern der lieber grundsätzlich formulierte. So gelang ihm der Satz, "dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist" - den Menschen des 21. Jahrhunderts muss man an eine solche Banalität erinnern. Denn der macht und macht; und wer denkt schon über Terrorismus, Klimawandel und Flüchtlinge nach, wenn er unterm Heizpilz sitzt.

Das ist in Wahrheit die größte Herausforderung: die Auseinandersetzung mit einem so alltäglich gewordenen Lebensstil. Das Nachdenken darüber, ob zum Beispiel aus Westafrika auch deshalb so viele Flüchtlinge kommen, weil europäische Kutter den Einheimischen dort die Barsche weggefischt haben? Wie viele ökonomische und kulturelle Konflikte künftig allein deshalb drohen, weil Menschen ihre Heimat für unbewohnbar erklären und nach Europa aufbrechen; mal der Armut wegen, mal um einem Krieg zu entkommen, immer aus Perspektivlosigkeit? "Wir haben unseren Wohlstand auf dem Rücken der Entwicklungsländer aufgebaut. Das wird nicht mehr lange gut gehen. Diese Spannungen entladen sich." Hört sich nach Brot-für-die-Welt-Sätzen an. Ihr Urheber kommt aber aus der CSU, es ist der Entwicklungsminister Gerd Müller. Er fügt noch hinzu, dass man sich nur nichts von Obergrenzen für Flüchtlinge versprechen soll: "Die Menschen werden uns nicht fragen, ob sie kommen können."

Die Klima-Apokalypse wird zwar nicht dadurch verhindert, dass Politiker im Dezember in Paris eine Vereinbarung dazu getroffen haben. Doch ohne eine solche Vereinbarung würde sie ganz gewiss eines Tages zur Realität. So wie der Vereinbarung erst noch Taten folgen müssen, so werden Menschen zu ebenjenen Taten nur bereit sein, wenn es eine Instanz gibt, die sie orchestriert. Niemand gibt auch nur Teile seiner Lebensweise auf, also von Freiheit, solange er mit Recht sagen kann: "Nützt ja doch nichts." Solange bleibt die Menschheit ein Gewusel aus Räuberbanden - und in dem trachtet jeder nach Beute, solange es noch Beute gibt. In diesem Gewusel wird es immer einen Unterschied geben zwischen abstrakten Einsichten und konkretem Handeln. Ausgerechnet ein katholischer Bischof lebt diesen Unterschied auf unübertreffliche Art vor. Erst schrieb er neulich einen Aufsatz, in dem er "die Industrienationen" aufforderte, die Emissionen zu reduzieren. Dann schaffte er als Dienstwagen einen VW Phaeton an, das Auto, das 224 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstößt. Typisch Bischof? Typisch Mensch.

Die Frage des 21. Jahrhunderts ist, ob der Mensch lernen wird, dass Wohlstand nur durch Verzicht zu sichern ist - siehe Merkels Neujahrsansprache von 2009 -, und ob er bereit ist, sich diesen Verzicht organisieren zu lassen. Jeder Gemeinschaft geht es schlecht, wenn der Einzelne alle Freiheiten haben darf; sei es eine Nation oder eine Weltgemeinschaft. Jeder Staat beschneidet - zum Beispiel durch Steuern - die Freiheit seiner Bürger. Wenn die Einzelnen weniger haben, haben alle zusammen mehr. Das ist der Gedanke dabei. Lässt sich dieses Prinzip auf die Welt als Ganzes übertragen?

Es gibt Menschen, die "unsere Art zu leben" mit Gewalt bekämpfen, und es gibt Menschen, denen diese Lebensart ihrerseits Gewalt antut. Auf einen "sozialen Klimawandel" stimmt der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck die Deutschen deshalb ein (der mit dem Phaeton, übrigens). Er meint damit, dass Zuwanderung kein vorübergehendes Phänomen sein wird. Nur welches Ausmaß sie bekommen wird, das können die Menschen in den reichen Ländern mitbestimmen - noch.