Wohin mit dem Kohlendioxid? Einfach wegdrücken

Bei München, unter Hamburg, Bremen oder dem Wattenmeer: Erstmals ist bekanntgeworden, wo in Deutschland Kohlendioxid unter die Erde gepresst werden könnte. Die Technik soll helfen, das Weltklima zu retten - doch sie ist umstritten.

Von Martin Kotynek

Manchmal blubberte es in den Tümpeln von Jane und Cameron Kerr, dann fand das kanadische Bauern-Ehepaar tote Katzen, Hasen und Ziegen im Garten. Nachts hörten sie Kanonendonner, am Morgen sahen sie, dass Explosionen ein Loch in ihre Kiesgrube gerissen hatten, Schaum spritzte heraus. Irgendwann wurde es den Kerrs zu gefährlich; sie zogen weg.

Weg vom Weyburn-Ölfeld und damit weg vom weltweit größten CCS-Experiment. CCS ist die Abkürzung für "Carbon Capture and Storage" und steht für das Auffangen und Einlagern von Kohlendioxid, die Buchstaben stehen für die Hoffnung der Stromversorger, weiterhin Kohlekraftwerke betreiben zu können und trotzdem das Weltklima zu schützen.

Beim CCS-Verfahren wird das klimaschädliche Gas am Kraftwerk aufgefangen, verflüssigt und mit großem Druck unter die Erde gepresst, zum Beispiel in ein leeres Ölfeld. Doch die Kerrs sind sich sicher: Das Kohlendioxid bleibt dort nicht - zumindest wollen sie das mit einem Gutachten belegt haben.

Das Problem der Farmer aus Kanada ist auch ein deutsches Problem. Längst wird die umstrittene Technologie in Ketzin bei Potsdam ausprobiert, die Bundesregierung setzt in ihrem Energiekonzept auf CCS, und die Behörden arbeiten schon daran, geeignete Standorte für solche Gas-Endlager im ganzen Land zu finden.

408 Orte kommen dafür nach Ansicht der Bundesanstalt für Geowissenschaften (BGR) in Frage, wie die Umweltorganisation Greenpeace nun herausgefunden hat. Damit ist erstmals bekanntgeworden, wo es künftig Tiefenspeicher für CO2 geben könnte. Nach geologischen Kriterien ließe sich das Gas vor allem in Norddeutschland, aber auch östlich von München einlagern. Dort gibt es in der Tiefe poröse Gesteinsschichten, die Salzwasser führen - sie bieten optimale Bedingungen.

Die größten potentiellen Lagerstätten sieht das Amt unterm Wattenmeer, unter den ostfriesischen Inseln Spiekeroog und Langeoog sowie zwischen Bremerhaven und Oldenburg. Auch unter Großstädten wie Hamburg, Bremen und im Südosten von Berlin seien die Bedingungen für CCS gut.

Klimaschützer halten jedoch wenig von der Technologie; Wissenschaftler warnen vor unerforschten Risiken, etwa wenn das eingepresste CO2 Salzwasser oder Schwermetalle aus dem Gestein ins Grundwasser drückt. Und die Bürger antworten auf CCS-Projekte mit massiven Protesten. Lange hielt das Bundesamt die Liste der Orte unter Verschluss - angeblich aus Urheberschutz.

"Hinter dem Rücken der Bevölkerung bereiten Staat und Industrie die Einführung dieser gefährlichen Technologie vor," sagt Greenpeace-Klimareferent Karsten Smid, "die Bevölkerung soll vor vollendete Tatsachen gestellt werden." Umweltschützer vermuten, dass es die Angst vor Bürgerprotesten war, die das Amt vor der Veröffentlichung zurückschrecken ließ.

Energie-Experten halten es daher für unwahrscheinlich, dass es bald kommerzielle CO2-Endlager in Deutschland geben wird. Die meisten Pilotprojekte sind bislang gescheitert. Kaum jemand scheint auf einem solchen Lager wohnen zu wollen. Zuletzt musste RWE von dem Plan abrücken, eine mehr als 500 Kilometer lange CO2-Pipeline von Nordrhein-Westfalen zu einem unterirdischen Lager in Schleswig-Holstein zu bauen. Und in Beeskow östlich von Berlin kämpfen die Bürger derzeit gegen ein CCS-Projekt von Vattenfall. Auf ihren Plakaten steht: "Wir sind keine Versuchskaninchen".