WM und Olympia in Rio de Janeiro Rebellion gegen das Monster

Wie ein gefräßiges Ungeheuer rücken die Baumaschinen vor, um die Sportstätten für Fußball-WM und Olympia in Brasilien zu errichten. Doch wo in knapp zwei Jahren gekickt, geschwommen und gelaufen werden soll, wohnen noch Hunderte Menschen. Gegen die Zwangsumsiedlung wehren sich viele erbittert.

Von Peter Burghardt, Rio de Janeiro

Olympia kommt, die Party ist nicht mehr aufzuhalten. Das wissen sie auch in Vila Autódromo, dem Armenviertel, das dem Fest weichen soll wie einem gefräßigen Monster. Rio de Janeiro werde 2016 die besten Sommerspiele organisieren, verspricht Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff. Vorher, 2014, ist Fußball-WM, die Baumaschinen rücken näher. Im Reichen-Vorort Barra da Tijuca mit seinen Shopping Malls am Strand fordert ein Plakat: "Lächle, du bist in der olympischen Barra". Es liegt nur eine halbe Stunde Stau von den Rebellen in der Favela entfernt.

Inalva Mendes Brito ist gar nicht zum Lachen zu Mute, wenn es um die fünf Ringe geht. "Das wird ein olympisches Inferno", sagt sie. "Das sind Glücksspiele, bei denen große Firmen gewinnen und das Volk verliert. Wir zahlen die Rechnung." Inalva Mendes Brito sitzt in ihrem Wohnzimmer in Vila Autódromo in Rios Südwesten. Es ist eines von Hunderten Armenvierteln der "Wunderbaren Stadt". Favelas werden sie genannt. Inalva Mendes sagt lieber Comunidade, Gemeinschaft. Laut Behörden leben in 236 Gebäuden auf 84.774 Quadratmetern 939 Menschen, laut der Bewohner sind es aber ungefähr 2500.

Mendes' Haus hat sogar ein Tor und einen wilden Garten, der Rest sind meist rohe Ziegelbauten. Sie drängen sich auf Marschland zwischen der verdreckten Lagune von Jacarepaguá und einer ehemaligen Rennstrecke, daher der Name Vila Autódromo. Die Lehrerin Mendes ist 66 Jahre alt und wohnt seit 35 Jahren hier. Jetzt sollen sie alle weg. Auf dem lehmigen Boden wächst bald der Olympiapark. In vier Jahren wird in dieser Gegend Handball gespielt, Basketball und Tennis, geschwommen, geturnt, geboxt. Außerdem entsteht hier das Pressezentrum, Pläne und Computeranimationen sind längst fertig.

Der frühere Kurs der Formel 1 wird bereits abgerissen. Demnächst soll die Gemeinschaft verschwinden, aber das wollen Inalva Mendes Brito und ihre Mitstreiter verhindern. "Es lebe Vila Autódromo", steht auf ihrem T-Shirt. "Rio ohne Abrisse." Die resolute Frau gehört zum "Volkskomitee WM und Olympia Rio", das sich gegen Zwangsumsiedlungen wehrt. Ihr Ort ist wie das gallische Dorf bei Asterix. Ihre Römer sind die brasilianische Regierung, Rios Stadtverwaltung, Baukonzerne sowie das Internationale Olympische Komitee.

Es ist ein ungleicher Kampf, die Verteidiger geraten immer mehr in die Defensive. Als Senhora Mendes an Rios Peripherie zog, da war dies ein Kaff für Fischer. Mittlerweile schwemmt die Brühe Müll an, kürzlich strandete ein Fernseher unter ihren Bananenstauden und Kaffeepflanzen. Pharmariesen ließen sich nieder, das Gewässer verkam zur Kloake. Gegenüber entstanden geschlossene Wohnanlagen mit Hochhäusern, das Festival Rock in Rio beschallte die Ufer, das Kongresszentrum Rio Centro beherbergte ergebnislose Umweltgipfel. Für die Panamerikanischen Spiele 2007 wurden nebenan Schwimmstadion, Rad-Bahn und Turnhalle hochgezogen. Schon damals wollte das Rathaus Vila Autódromo abreißen. Nun wird es ernst.

Bürgermeister Eduardo Paes und Gouverneur Sérgio Cabral wünschen sich die Räumung von Vila Autódromo. Ersatzweise bieten sie ein Neubauviertel namens Minha Casa Minha Vida, "mein Haus, mein Leben", an. Da würde jeder Vertriebene eine Einheitswohnung von 40 Quadratmetern bekommen. Die meisten Leute von Vila Autódromo würden aber lieber zwischen ihren selbstgebauten Wänden bleiben.

Der Umzug ist für sie ein Albtraum wie die grausige Trabantenstadt Cidade de Déus - die aus dem Film bekannte "Stadt Gottes", die nicht weit entfernt ist. Die Bürgerbewegung hat gemeinsam mit Universitäten ein Gegenmodell zur Urbanisierung ihrer Gemeinde vorgelegt. 13,5 Millionen Reáis würde das nach ihrer Rechnung kosten, gut fünf Millionen Euro. Das Projekt der Mächtigen ist mehr als doppelt so teuer.

Die Rebellen von Vila Autódromo demonstrierten vor dem Hotel Copacabana Palace, als das IOC 2010 die Spiele zuteilte und Rio feierte. Einmal erklärten sie ihr Anliegen auch Vermittlern aus Deutschland. Es waren der damalige Vizekonsul und Willi Lemke, einst Manager von Werder Bremen und heute UN-Sonderberater für Frieden und Entwicklung. Man traf sich im barackenartigen Büro der Anwohnervereinigung, wo das feuchte Klima die Farbe abblättern lässt. "Ich hätte sie fast rausgeschmissen", berichtet Inalva Mendes Brito, aber Herr Lemke habe gut zugehört. Die Politiker machen trotzdem weiter. Für Vila Autódromo soll kein Platz mehr sein.

Brasilien fackelt nicht lange, wenn eine Minderheit dem Fortschritt im Weg ist. Für das Kraftwerk Belo Monte an einem Nebenfluss des Amazonas müssen Dschungel und Indianer verschwinden, für Olympia trifft es eben Vila Autódromo. Rio versucht, strategisch wichtige Favelas zu befrieden und aufzuräumen. In dieser Kleinsiedlung gibt es zwar weder schwer bewaffnete Drogendealer noch Milizen, doch als Schandfleck gilt das Gewirr trotzdem. "Umweltschutz ist ein Argument gegen die Armen, damit sich die Reichen noch weiter ausbreiten können", findet Inalva Mendes Brito. Für sie ist dies ein abgekartetes Spiel. "Die Gesetze machen die Fifa und das IOC."

Man ruckelt in ihrem Fiat über unbefestigte Straßen. Ein Nachbar kommt heraus, Senhor Pernambuco stammt aus dem Norden. "Olympia ist gut, unser Rauswurf nicht", nuschelt der alte Fischer. Olympia werde man sowieso bloß im Fernsehen sehen, glaubt Inalva Mendes Brito. Der TV-Gigant Globo hat seine Zentrale in der Nähe, Eintrittskarten werden teuer. Außerdem sei der Sport Vorwand, damit sich Immobilienhaie und Bauherren diese Grundstücke unter den Nagel reißen. "Es geht um die Privatisierung des öffentlichen Raumes", schimpft Mendes Brito. "Die Milliarden hätte man für Erziehung, Gesundheit und Kultur ausgeben können." Manche behaupten allerdings, Vila Autódromo wolle bloß seinen Preis hochtreiben. Inalva Mendes Brito sagt: "Wir reden nicht über Geld, sondern über unser Zuhause."