Witwe Liu Xiaobos Liu Xia im Visier der Staatsmacht

Liu Xia, Witwe des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo

(Foto: AP)

Als ihr Mann Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis bekam, wurde sie unter Hausarrest gestellt. Nun ist der chinesische Dissident tot und Liu Xia will nach Deutschland ausreisen. Wird sie fliegen dürfen?

Von Christoph Giesen, Peking

"Kafka", hat Liu Xia, die Witwe von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, einmal gesagt, "hätte nichts Absurderes schreiben können." Der Satz galt früher, und er stimmt noch immer. Ihr Mann ist tot, gestorben an Leberkrebs, doch der Partei- und Staatsapparat zieht weiter die Fäden: Trauerfeier, Einäscherung, Bestattung - alles abgeschirmt und in Windeseile. Und Liu Xia, 56, wurde dabei nur eine Statistenrolle gestattet.

Am Samstagmorgen um 6.30 Uhr fand die Andacht statt. Zwei Stunden später waren die Fotos bereits auf einer Leinwand zu sehen: Die Behörden hatten zur Pressekonferenz geladen. Liu Xia hielt ein gerahmtes Bild ihres Mannes in den Armen. Auf der anderen Seite des Sarges standen ein Dutzend Männer und Frauen, angeblich alles Freunde, in kurzen Hosen und T-Shirts. Einer von ihnen wird später als Geheimdienstoffizier identifiziert.

China unterdrückt die Erinnerung an Liu

Der verstorbene Dissident und Held der Demokratiebewegung bekommt keine Grabstätte. Seine Asche wurde im Meer verstreut. In sozialen Medien greift die Zensurbehörde durch. mehr ...

Danach wurde der Leichnam verbrannt und auf See bestattet. Kein Grab, kein Ort der Erinnerung. Am Nachmittag dann die zweite Pressekonferenz. Auftritt: Liu Xiaoguang, einer der älteren Brüder des Verstorbenen, ebenfalls in Shorts. Liu Xiaobo und er hatten sich seit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens nichts mehr zu sagen. Der Bruder fürchtete um seine Karriere.

Ausgerechnet er sprach nun, nicht Liu Xia. Man habe den "Wünschen der Familie entsprochen", sagte er, und dankte der Partei. Eine kurze Rede, keine Fragen zugelassen. An der Tür steckte sich der Bruder eine Zigarette in den Mund. Das unwürdige Schauspiel war vollbracht. Liu Xiaobo soll vergessen werden. Und mit ihm offenbar auch Liu Xia, seine Witwe.

Kennengelernt hatten sich die beiden in den Achtzigerjahren. Die Literaturszene in China war klein. Liu Xia hatte für das Steueramt gearbeitet, dann aber gekündigt und angefangen, Gedichte zu schreiben. Liu Xiaobo war damals noch mit seiner ersten Frau zusammen. Sie ließ sich von ihm scheiden, als er 1989 weggesperrt wurde.

Liu Xia will nach Deutschland ausreisen

Als Liu Xiaobo Mitte der Neunzigerjahre erneut verhaftet und in ein Arbeitslager verlegt wurde, konnte Liu Xia ihn zunächst nicht besuchen: ohne Trauschein keine Visite. Sie heirateten im Lager. Eine Nacht durfte sie bei ihm bleiben.

Als der Schriftsteller 2010 den Friedensnobelpreis bekam, wurde seine Frau unter Hausarrest gestellt. Man nahm ihr das Handy ab und kappte die Internetverbindung. Einmal im Monat durfte sie ihren Mann im Gefängnis besuchen. Zuletzt musste sie sich wegen Depressionen behandeln lassen.

Nun hat Liu Xia einen Antrag gestellt, nach Deutschland ausreisen zu dürfen. Wird sie fliegen dürfen? Das Argument der Behörden war stets: Liu Xiaobo sei ein Krimineller und rechtskräftig verurteilt. Liu Xia aber hat sich nichts zuschulden kommen lassen. "Sie ist chinesische Staatsbürgerin und alle relevanten Behörden werden ihre Rechte schützen", sagt ein Beamter auf der Pressekonferenz. "Meinem Verständnis nach ist sie frei." Was noch zu beweisen ist.

Der Standhafte

Liu Xiaobos gewaltloser Kampf für die Menschenrechte in China brachte ihm den Friedensnobelpreis ein - aber auch viele Jahre im Gefängnis. Zum Tod von einem, der das Unrecht auch dann noch benannte, als enge Weggefährten schwiegen. Nachruf von Christoph Giesen mehr...