Wikileaks und Weihnachten Welche Wahrheit könnte Wikileaks über die Kirchen publizieren?

Welche Wahrheit könnte Wikileaks über die Kirchen und Religionsgemeinschaften publizieren? Es handelt sich um die ältesten institutionellen Mächte und um die mit den meisten Geheimnissen. Was gäbe es hier aufzudecken? Aufrufe zum Terror durch Imame? Noch mehr sexuelle Gewalt, verübt von katholischen Geistlichen? Noch mehr Doppelmoral, Unehrlichkeit und Frömmlerei? Noch mehr Bündnisse mit den Mächtigen in Geschichte und Gegenwart? Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche hat sich vor zehn Jahren in einem öffentlichen Schuldbekenntnis für die Verbrechen entschuldigt, die Söhne und Töchter seiner Kirche im Namen Gottes je begangen haben. Es könnte auch aufgezeigt werden, dass immer noch Dinge gelehrt werden, die nicht durch die Bibel gedeckt sind: dass es sich, beispielsweise, bei der Jungfräulichkeit Mariens nicht nur um ein Dogma, sondern um einen Übersetzungsfehler handelt, um einen Lapsus freilich, der das Frauenbild über Jahrhunderte geprägt und Frauenschicksale Jahrhunderte hindurch verdammt hat. Aber das ist schon bekannt, es ist so bekannt wie die furchtbaren Irrtümer und Irrwege der Kirche.

Solche Entdeckungen und Entlarvungen haben dem menschlichen Bedürfnis nach Religiosität wenig anhaben können. Das gehört zu den größten Geheimnissen, die es gibt. Religion ist sozusagen Wikileaks-fest. Sie gründet auf Glauben, nicht auf Fakten. Religion birgt das absolute Geheimnis. Dieses Geheimnis entzieht sich der Aufklärung, es ist der Aufdeckung nicht zugänglich - nicht einfach nur deswegen, weil man es aus Angst vor der Leere dahinter nicht aufdecken will. Das Heilige, das Mysterium, beginnt dort, wo die Möglichkeit endet, Geheimnisse aufzudecken. Alle Versuche, Gott zu beweisen, waren deshalb so vergeblich wie die, ihn für tot zu erklären. Religion schafft und wahrt nämlich Geheimnisse, die um nichts in der Welt aufzulösen sind. Das ist ihr Wesen.

Weihnachten und das Göttliche

Das Weihnachtsgeheimnis ist das wohl geheimnisvollste dieser absoluten Geheimnisse. Es beginnt mit dem verheißungsvollen ersten Satz des Johannes-Evangeliums: "Und das Wort ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt." Der Satz ist nicht Menetekel, er ist Mysterium. Weihnachten ist das possierlich verkleidete Fest dieses Mysteriums. An Weihnachten feiern die Christen einen machtlosen Gott, sie feiern das göttliche Kind - also einen Gott, der sich klein und verletzlich gemacht hat, der nicht mehr allmächtig, sondern menschlich sein will, der Fürsorge braucht. Es ist dies eine Revolution von ganz oben: Die höchste Macht entmachtet sich, sie macht sich freiwillig ganz klein. Sie macht sich zum Opfer der Geschichte, den Menschen ähnlich und ihnen ganz nah; sie macht das mit, was dem menschlichen Leben widerfährt.

Wikileaks versucht, Geheimnisse der Macht aufzudecken. Weihnachten aber ist das Geheimnis der Ohnmacht und, vielleicht, das Geheimnis der Kraft, die aus Ohnmacht wachsen kann. Der heilige Franziskus, Oscar Romero, Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King haben gezeigt, wie das geht: Sie haben im Menschen das Göttliche gesehen und die Menschen auch dergestalt behandelt. Vielleicht kann man von ihnen lernen, wie das geht. Vielleicht kann man an Weihnachten damit beginnen - und in die Krippe also nicht ein Jesulein legen, sondern einen schwachen, einen geschlagenen, hilfsbedürftigen Menschen; jedes Jahr einen anderen.

Verkörperung der vollkommenen Hilfsbedürftigkeit ist heute weniger das ganz kleine Kind, sondern der ganz alte Mensch. Der Respekt vor den Kindern und der Respekt vor den Alten gehören zusammen. Alpha und Omega; es ist dies die Klammer, die das Leben umspannt. Vielleicht muss man in diesem Jahr das Kind aus der Krippe nehmen und die demente Greisin hineinlegen. Vielleicht beginnt man dann, das Weihnachtsmysterium zu verstehen.