Wikileaks: Nahost Die Krankheit des Ayatollah
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sueddeutsche.de: Auch Israel würde nicht einfach zuschauen.
Perthes: Richtig, das heißt aber nicht, dass es politisch nicht opportun ist, zu sagen: "Wenn ihr nicht diplomatisch verhindert, dass die Iraner Atomwaffen erlangen, dann könnte es unkontrollierbare Entwicklungen geben." Vor allem in dem Bereich, der den Amerikanern so wichtig ist: die Proliferation. Aber die Saudis fühlen sich nicht wirklich bedroht von Atomwaffen. Sie achten auf andere Dinge: darauf, ob die Iraner im Irak weiter intervenieren können, ob sie im Bahrain intervenieren und dort die schiitische Mehrheit mobilisieren können, ob sie Minderheiten im Jemen oder in Saudi-Arabien unterstützen. Die Dominanz am Persischen Golf wäre, sollte Teheran auch noch Atomwaffen besitzen, überhaupt nicht mehr in Frage zu stellen.
sueddeutsche.de: In der kommenden Woche kommt es voraussichtlich wieder zu Atom-Verhandlungen zwischen Iran und der Sechser-Gruppe. Ist das nicht reine Zeitverschwendung?
Perthes: Der journalistische und mitunter politische Vorwurf ist falsch, dass die Diplomatie nichts tue, außer auf Zeit zu spielen. Zeitgewinn ist etwas Gutes. In dieser Zeit kann es politische Veränderungen geben, nach dieser Zeit urteilen die Iraner vielleicht anders über ihr Bestreben. Nach einem Militärschlag, der von den Hardlinern in den USA, in Israel und auch im arabischen Raum ins Feld geführt wird, ist für Diplomatie kein Platz mehr. Die Iraner würden mit ihrem Programm in den Untergrund gehen, eine viel feindlichere Haltung einnehmen und mehr den Terrorismus in der Region unterstützen.
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sueddeutsche.de: Aber besonders optimistisch hinsichtlich der Gespräche kann man angesichts der verfahrenen Lage nicht sein, oder?
Perthes: Natürlich könnte man sagen, mit dem Zeitgewinn löst man das eigentliche Problem nicht. Aber Zeit schafft Spielraum für weitere diplomatische Verhandlungen und verhindert die Eskalation. Außerdem haben wir doch gesehen, wie es in Iran in den letzten Jahren schon gebrodelt hat. Das Regime kann sich verändern.
sueddeutsche.de: Die veröffentlichten Depeschen haben auch Gerüchte um die schwere Krankheit des Ayatollah Khamenei befeuert. Wie geht es in Iran weiter, wenn der Khamenei nicht mehr an der Spitze steht?
Perthes: Es ist schwer, Prognosen abzugeben. Die Nachfolgefrage in Iran wird aber eine ganz besondere Bedeutung haben, weil mehrere Konflikte innerhalb des Systems in dieser Frage kumulieren werden. Wer wird der Nachfolger? Und welche Kompetenzen soll das Amt in Zukunft noch haben? Ein säkularer Präsident wie Ahmadinedschad etwa würde eher einen schwächeren Führer haben wollen. Innerhalb der systemtragenden Kräfte wird es interessante Auseinandersetzungen geben. Allein an dieser Frage sieht man wieder: Der Faktor Zeit ist immer im Spiel.
Man muss die Nachfolgedebatte in Iran aber in breiterer Perspektive betrachten. In den nächsten Jahren werden wir in Nahost in mehreren Staaten sehr komplizierte Nachfolgefragen haben. Wir wissen, wie wichtig der Reformer und saudische König Abdullah in diesem System ist. Ähnlich ist es in Ägypten, wo Präsident Mubarak bereits 82 Jahre alt ist und an der Macht weiter festhält. Diese offenen Fragen sind ein Unruhefaktor für die Region. Und diese Fragen müssen nicht in jedem Fall friedlich gelöst werden.