Wikileaks-Gründer Ecuador will weniger Schutz für Assange

Julian Assange, Gründer der Wikileaks-Plattform, auf dem Balkon der Botschaft von Ecuador in London.

(Foto: dpa)
  • Ecuadors Staatschef Lenín Moreno reagiert damit auf die Enhüllungen der Süddeutschen Zeitung, des britischen Guardian und der ecuadorianischen Publikation Focus, wonach das Land mehr als fünf Millionen Dollar für die Bewachung von Julian Assange ausgegeben hat.
  • Der Wikileaks-Gründer lebt seit 2012 in der Botschaft in London; er befürchtet, von Großbritannien an die USA ausgeliefert zu werden, wo ihm eine Anklage droht.
  • Moreno möchte, anders als sein Vorgänger, die Beziehung zu der US-Regierung wieder verbessern.
Von Bastian Obermayer und Nicolas Richter

Der ecuadorianische Präsident Lenín Moreno hat das millionenschwere Schutzprogramm für Wikileaks-Gründer Julian Assange mit sofortiger Wirkung gestrichen. Fortan sollten die Sicherheitsvorkehrungen der Botschaft Ecuadors in London jenen aller anderen Botschaften entsprechen, verfügte das Staatsoberhaupt laut einer Erklärung. Moreno reagierte damit auf eine Enthüllung der Süddeutschen Zeitung, des britischen Guardian und der ecuadorianischen Publikation Focus, wonach Ecuador seit 2012 mehr als fünf Millionen Dollar ausgegeben hat, um Assange zu bewachen. Assange hat 2012 in der diplomatischen Vertretung um Asyl gebeten und lebt seitdem in dem Botschaftsgebäude. Er fürchtet, dass die britische Polizei ihn festnimmt und er an die USA ausgeliefert wird, wo ihm eine Anklage droht, weil er auf seiner Internet-Plattform Wikileaks geheime US-Dokumente veröffentlicht hat.

In Ecuador ist es ein offenes Geheimnis, dass Staatschef Moreno die Anwesenheit Assanges in der Botschaft als Problem betrachtet, das er von seinem Vorgänger Rafael Correa geerbt hat. Correa wollte damit die USA provozieren, Moreno möchte hingegen die Verwerfungen mit Washington hinter sich lassen. Bereits im Frühjahr hat er Assange den Zugang zum Internet gestrichen, weil der Gast durch seine mediale Präsenz die Beziehungen Ecuadors zu anderen Regierungen gefährdet habe. So hatte sich Assange zum Beispiel Ende 2017 mit katalanischen Separatisten getroffen und sich über Twitter für deren Anliegen ausgesprochen. In der ecuadorianischen Botschaft befürchtete man deswegen Ärger mit der spanischen Zentralregierung in Madrid, die eine Loslösung Kataloniens kategorisch ablehnt.

Die Besucherlisten führen auch russische Gäste auf

Die Geheimdienst-Operation "Hotel" kostete bis zu einer Million Dollar im Jahr. Eine Sicherheitsfirma beobachtete Assange Tag und Nacht und führte Buch über dessen Gäste. Die Besucherlisten könnten noch zum Politikum werden; sie dürften etwa den US-Sonderermittler Robert Mueller interessieren, der die Einflussnahme Russlands auf die US-Wahl 2016 untersucht. Damals hatte Wikileaks Tausende E-Mails aus der demokratischen Partei veröffentlicht und damit den Wahlkampf von Hillary Clinton ums Weiße Haus gestört. Clinton verlor die Wahl gegen Donald Trump. Aus Sicht der US-Geheimdienste wurden die Mails von russischen Hackern im Staatsauftrag erbeutet und dann Wikileaks zugespielt.

Die Besucherlisten zeigen, dass Assange im Frühsommer Dutzende Besucher aus etlichen Ländern empfangen hat. Auch Russen waren darunter, unter anderem Nikolay Bogachikhin, Londoner Bürochef des russischen Senders RT, der als Kreml-nah gilt. Bogachikhin besuchte Assange am 4. Juni und blieb fünf Minuten, sowie am 8. Juni, als er 22 Minuten verweilte. Was beide Männer besprochen haben, ist unklar. Bekannt ist, dass sie sich schon länger schätzten; Bogachikhin hatte Assange im Jahr 2012 angeworben für eine Talkshow auf RT. Der Sender erklärte auf Anfrage, Bogachikhin habe sich im Juni 2016 mit Assange nie über die gehackten E-Mails unterhalten und habe davon, wie jedermann, erst später aus den Medien erfahren.

Der merkwürdige Herr Assange

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