Wiesenthal-Zentrum Deutsche Justiz ermittelt gegen Auschwitz-Aufseherin

"Selektion" an der Rampe von Auschwitz (Archivbild vom 27. Mai 1944)

Auf Initiative der Nazi-Jäger vom Wiesenthal-Zentrum haben die deutschen Behörden vier Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Hinweise auf mögliche Kriegsverbrechen kamen aus der Bevölkerung - auch auf eine Frau, die am Holocaust beteiligt gewesen sein soll.

Von Oliver Das Gupta

Efraim Zuroff hatte in ein Hotel in der Münchner Altstadt geladen. In unmittelbarer Nähe des Hofbräuhauses, wo Adolf Hitler einst die NSDAP gründete, konnte der Direktor des Jerusalemer Simon-Wiesenthal-Zentrums den anwesenden Journalisten erste Erfolge der Kampagne mit dem Titel "Operation Last Chance II" verkünden. In drei deutschen Großstädten hatte das Wiesenthal-Zentrum im Juli zur Suche nach noch lebenden NS-Kriegsverbrechern aufgerufen - mit Erfolg. Nun ermitteln in Ludwigsburg, Berlin und Dortmund die Staatsanwaltschaften gegen vier Personen.

In allen Fällen handelt es sich um deutsche Staatsbürger - es sind also keine NS-Helfer, die ihre Wurzeln in anderen Ländern haben wie etwa John Demjanjuk. Die Verdächtigen seien älter als Mitte achtzig, sagte Zuroff. Genauere Angaben zu den Personen und ihren Wohnorten wollte er wegen der laufenden Verfahren nicht machen. Aber zu ihrer Vergangenheit.

In einem Fall handele es sich um eine Frau, die im Lager Auschwitz an der Judenvernichtung beteiligt gewesen sein soll. Sie sei auch in anderen Konzentrationslagern tätig gewesen, sagte Zuroff. Dieser Fall werde von der Zentralen Stelle zur Verfolgung von NS-Kriegsverbrechern in Ludwigsburg behandelt.

Ein weiterer mutmaßlicher Verbrecher war als Wächter im Konzentrationslager Dachau bei München eingesetzt. Wie SZ.de erfuhr, soll ein Zeuge den ehemaligen SS-Mann stark belasten. Der habe sich angeblich vor ihm gebrüstet, "Russenweiber erledigt" zu haben. Dieser Fall werde von der Staatsanwaltschaft in Berlin behandelt.

Außerdem ermittelt die Staatsanwaltschaft Dortmund gegen einen Mann, der als Mitglied der Waffen-SS an dem Massaker im französischen Oradour im Jahr 1944 beteiligt gewesen sein soll. Angehörige der SS-Division "Das Reich" ermordeten in dem Dorf damals 642 Menschen. Möglicherweise war der Verdächtige auch an anderen Massakern in Frankreich beteiligt.

Beim vierten Fall handelt es sich um einen alten Mann, der allerlei Nazi-Memorabilien hortet, auch von Waffen war die Rede. Inwiefern er im Zweiten Weltkrieg in Verbrechen verwickelt war, ist noch unklar.

Hinweise auf 110 NS-Verbrecher

Insgesamt 285 Menschen hätten konkrete Informationen bei der Suche nach NS-Kriegsverbrechern liefern können, sagte Zuroff. Diese hätten auf 110 Verdächtige hingedeutet, die heute in 17 verschiedenen Staaten leben. Die meisten Verdächtigen leben demnach in Deutschland.

Erst im September waren 30 neue Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche Aufseher des früheren Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau eröffnet worden. Zuroff nannte dies "ein Wunder".

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Das Simon-Wiesenthal-Zentrum will seine Kampagne nun auf acht weitere Städte ausweiten. In München, Stuttgart, Frankfurt, Nürnberg, Leipzig, Dresden, Magdeburg und Rostock sollten in den kommenden Tagen mehr als 2000 Plakate aufgehängt werden.

Zuroff hofft insbesondere auf Tipps, die zu ehemaligen Mitgliedern der sogenannten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) führen. Die Bildung der ideologisch ausgerichteten Sondereinheiten war schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges offensichtlich von NS-Diktator Adolf Hitler direkt angeordnet worden. Die Kommandos agierten in Osteuropa hinter den Fronten. Sie ermordeten Zehntausende Frauen, Männer und Kinder.

Zuroff sprach davon, dass es etwa 3000 Angehörige der Einsatzgruppen gegeben habe. "Ich kann nicht glauben, dass die alle schon verstorben sind."