Wiesenthal-Liste zu Einsatzgruppen Justiz recherchiert zu Hitlers Mordkommandos

Soldaten der Waffen-SS und des Reichsarbeitsdienst sehen einem Einsatzgruppenmitglied bei der Ermordung eines Juden zu. Das Foto entstand nahe der ukranischen Stadt Winnyzja.

(Foto: AP)

Sie töteten gnadenlos: Hitlers "Einsatzgruppen" waren berüchtigt für ihre Grausamkeit. Nun weist das Wiesenthal-Zentrum deutsche Behörden auf 80 Mitglieder hin, die möglicherweise noch leben - und gesund genug seien, um angeklagt zu werden.

Von Oliver Das Gupta

Im November 2013 lud das Wiesenthal-Zentrum zum Pressetermin in einem Hotel in der Münchner Altstadt. Der Ort war von den Nazi-Jägern wohl mit Bedacht gewählt worden: Einen Steinwurf entfernt, im Münchner Hofbräuhaus, hatte Adolf Hitler einst das 25-Punkte-Programm der NSDAP verkündet, in dem vom Lebensraum im Osten fabuliert und Judenhass propagiert wurde (hier mehr dazu).

Efraim Zuroff, der Chef des Wiesenthal-Zentrums, informierte über Nazi-Schergen, die aufgespürt worden waren, darunter eine ehemalige Aufseherin des Konzentrationslagers Auschwitz (hier mehr dazu). Zuroff sprach damals auch von der Rolle der Einsatzgruppen bei der systematischen Ermordung Hunderttausender Menschen hinter der Front in Osteuropa. Nach dem Krieg wurden die Männer der NS-Todeskommandos kaum zur Rechenschaft gezogen.

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Etwa 3000 Personen hätten den Einsatzgruppen angehört, sagte Zuroff. "Ich kann nicht glauben, dass die alle schon verstorben sind."

In den elf Monaten, die seitdem vergangen sind, scheinen Zuroff und seine Mitarbeiter fündig geworden zu sein: Das Wiesenthal-Zentrum schickte nun eine Liste mit Namen von 80 mutmaßlichen NS-Verbrechern nach Berlin. Darunter seien auch vier Frauen, hieß es. Sie seien alle zwischen 1920 und 1924 geboren worden. Man gehe davon aus, dass sie wahrscheinlich "noch am Leben und gesund genug sind, um angeklagt zu werden", sagte Zuroff in Jerusalem.

Erste Erkenntnisse bald erwartet

Die Listen seien Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) und Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mit der Aufforderung zur Strafverfolgung übergeben worden. In Berlin bestätigte man den Eingang des Schreibens. Man habe die Liste "umgehend an Ludwigsburg weitergeleitet", sagte ein Sprecher des Bundesjustizministeriums zu SZ.de. In der schwäbischen Stadt hat die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen ihren Sitz.

Die Mitarbeiter der Behörde haben sich sofort daran gemacht, die Namen auf der Liste zu überprüfen. Wie SZ.de erfuhr, könnten erste Erkenntnisse schon in wenigen Wochen vorliegen.

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Im vergangenen Jahr haben deutsche Behörden Dutzende mutmaßliche SS-Wachmänner ausfindig gemacht, aber kein Mitglied der sogenannten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD). Die Bildung der ideologisch ausgerichteten Sondereinheiten war schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wohl von NS-Diktator Adolf Hitler direkt angeordnet worden. Die Kommandos agierten in Osteuropa hinter den Fronten und sind für den Tod von bis zu einer halben Million Menschen - meist Juden - verantwortlich. Sie mordeten gnadenlos, auch Frauen und Kinder.

Wiesenthal-Chef Zuroff sagte, es sei damit zu rechnen, dass noch "zwei Prozent der Nazi-Verbrecher am Leben" seien. Von ihnen könne noch "etwa die Hälfte" vor Gericht gestellt werden.

Mit Material von AFP und dpa

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