Wie aus Todes-Schwadronen "Elite-Formationen" werden: Die Regierungen im Nahen Osten sind Meister der Desinformation - viele Medien sind nicht in der Lage, die Lügen aufzudecken.
Am Anfang steht die Quelle. Sie ist der Ursprung, weil aus ihr das lebensspendende Wasser fließt. Das bescherte der "Quelle" eine große Karriere: Rohstoffe und Reichtum haben ihre Quelle, das Glück ebenso.
Exil-Iraker Ahmad Tschalabi (© Foto: AP)
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Geheimdienste schöpfen gern aus trüben Quellen, und es gibt Quellen, die es zu schützen gilt, weil dort die Wiege der Zivilisation stand. Die Auslandskorrespondenten der SZ suchen in diesem Sommer nach den Ursprüngen.
Arabische Kollegen nannten ihn "Bad News Ali". Eigentlich hatte der saudi-arabische Informationsminister Ali al-Schaer diesen Namen nicht verdient. Denn wenn er den Journalisten überhaupt Nachrichten über sein Königreich anbot, dann waren es positive, die - gelinde gesagt - zur Realität in einem ungezwungenen Verhältnis standen.
Den Spitznamen hatte der Minister, der selten lächelte, seiner Lektüre von Zeitungen aus den arabischen Bruderländern zu danken, die er eilig nach negativen Darstellungen Saudi-Arabiens durchsuchte - um entsprechend darauf zu reagieren.
Dann gab es "Comical Ali". So tauften Korrespondenten den irakischen Informationsminister Said al-Sahaf. Es war eine Anspielung auf den sinistren Ali Hassan al-Madschid, den jeder als skrupellosen Helfer von Saddam Hussein kannte und fürchtete. Er hatte 1987 im Norden des Irak die mörderische Giftgas-Offensive gegen die Kurden geführt.
Im Gegensatz zu dieser finsteren Figur tat Comical Ali niemandem weh. Er sorgte nur für Heiterkeit, wenn er während des US-Vormarsches im Irak auf seinen täglichen Pressekonferenzen skurrilen Blödsinn als Desinformation zu verkaufen suchte. So sagte er bei seinem letzten Auftritt, als die Panzer des Feindes schon auf der anderen Seite seines Ministeriums vorfuhren: "Es gibt keine amerikanischen Ungläubigen in Bagdad, niemals!" Comical Ali wurde von den Amerikanern gefangen genommen, aber bald freigelassen. Mit einem Lächeln zu lügen, ist für Regierungssprecher kein Verbrechen.
"Sag nie, aus dieser Quelle werde ich nie trinken!"
In einer Weltgegend, in der die Nachrichtenquellen so sparsam fließen wie Brunnen in der Wüste, können es sich Journalisten nicht leisten, auch nur auf einen einzigen Schluck zu verzichten, der Wahrheit, Halbwahrheit oder glatte Lüge enthalten kann.
Für sie gilt das Sprichwort: "Sag nie, aus dieser Quelle werde ich nie trinken!" In den meisten Fällen ist Propaganda leicht zu durchschauen. Aber es ist ein Fluch dieses Gewerbes, dass die Medien die offizielle Version selbst dann weitergeben, wenn sie nicht die Mittel haben, diesen Inhalt zu hinterfragen.
Um irreführende Darstellungen kritisch zu durchleuchten, fehlt oft die Zeit und noch öfter die Kenntnis des Hintergrunds.
Auftritt von PR-Firma produziert
Der Nahe Osten ist besonders reich an Beispielen für Desinformation. Als die Iraker 1991 Kuwait überfielen, sah die ganze Welt eine weinende Krankenschwester - sie schilderte vor den Kameras, wie die brutalen Soldaten Saddam Husseins kuwaitische Säuglinge aus den Brutkästen geworfen hätten, um die modernen Geräte nach Bagdad zu verfrachten.
Erst viel später stellte sich heraus, dass die angebliche Schwester eine Tochter des kuwaitischen Botschafters in Washington war. Ihren Auftritt hatte eine PR-Firma in den USA produziert.
Nichts hat sich geändert. Das aktuelle Geschehen im Irak, in Palästina und im Libanon bringt täglich Meldungen hervor, die manipulationsverdächtig sind. Aber sie sind zu frisch, um auf ihren Gehalt abgeklopft zu werden. Besser illustrieren deshalb historische Fälle die regierungsamtliche Misshandlung der Wahrheit, zumal einige der Akteure - Israel und die Araber - noch die selben sind.
Wer arabische Sender eingeschaltet hatte, hörte am 5. Juni 1967 Triumphmärsche, unterbrochen von Bulletins, wonach sich die ägyptische Armee in raschem Vormarsch auf dem Sinai befand. Niemand sagte, dass Israels Kampfflugzeuge schon in der ersten Stunde des Sechstagekriegs die arabischen Luftwaffen am Boden zerstört hatten und der Konflikt damit entschieden war: Die Araber logen, um ihre Niederlage noch ein paar Tage zu verschleiern, die Israelis logen, weil sie nicht zugeben wollten, dass sie den Erstschlag geführt hatten.
Aids-Virus v on der CIA
Aber nicht nur in der Heimat der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht werden Fakten arrangiert oder frei erfunden. Die Sowjets waren Altmeister in diesen Disziplinen. In Afrika wird zwei Jahrzehnte danach immer noch fest an die KGB-Dichtung geglaubt, die CIA habe das Aids-Virus gezüchtet und verbreitet.
Selbst renommierte Zeitungen sind nicht dagegen gefeit, zu glauben, was Sieger an Ort und Stelle erzählen. Das berüchtigtste Exempel: Als die Roten Khmer im April 1975 Phnom Penh besetzt hatten, meldete Le Monde: "Die Stadt ist befreit" oder "Kambodscha wird demokratisch sein, alle Freiheiten werden respektiert, der Buddhismus bleibt Staatsreligion".
Über die Massendeportation der Bevölkerung schrieb die Zeitung, die Stadt werde geleert, "um eine Höchstzahl an Bürgern zur Feldarbeit zu bringen".
"Chirurgische Luftschläge"
Das erste Opfer jedes Krieges ist bekanntlich die Wahrheit, dicht gefolgt an zweiter Stelle von der Sprache. Vielfach entrichten Medien dabei freiwillig ihre Quellensteuer. Der gegenwärtige Krieg im Libanon begann vor einem Monat, als die radikal-islamische Hisbollah zwei israelische Soldaten in ihre Gewalt brachte.
Im Laufe ihrer Repressalien unternahmen die Israelis letzte Woche eine Luftlandeoperation im nordlibanesischen Baalbek, unter anderem - so die ZDF-Abendnachrichten - um sechs Terroristen zu "verhaften". Hisbollah und Hamas "entführen", die Israelis "verhaften" - ob ein Drittel des palästinensischen Kabinetts, Dutzende von Abgeordneten oder den Parlamentspräsidenten.
Aus Luftangriffen werden "chirurgische Schläge", aus Todes-Schwadronen "Elite-Formationen", aus Mord "gezielte Tötung". Wären die Folgen nicht so furchtbar, könnte man sich darüber amüsieren, dass Manipulatoren gelegentlich auf ihre eigenen Tricks hereinfallen und aus vergifteten Quellen trinken.
So hatte die Spitze der US-Regierung dem Exil-Iraker Ahmad Tschalabi geglaubt und seinen "Nationalrat" ab 1989 mit 100 Millionen Dollar subventioniert, erst für einen Kurden-Aufstand, aus dem nichts wurde, dann in der Hoffnung auf den begeisterten Empfang der US-Truppen im Irak, den Tschalabi versprach.
Auch die New York Times und die Washington Post nahmen gierig und ohne viele Gegen-Recherchen erfundene Enthüllungen über Massenvernichtungswaffen auf, die Tschalabis falsche Deserteure aus Saddams Reich ihnen präsentierten.
Geschäftstüchtig und kriegslustig
So wurden die berühmten Aluminiumröhren, angeblich für Zentrifugen zur Uran-Anreicherung bestimmt, zwar von Technikern sofort als ungeeignet für diesen Zweck erkannt. Dennoch wurden sie zu Argumenten, die Condoleezza Rice, damals Sicherheitsberaterin des Präsidenten, Außenminister Colin Powell und Vizepräsident Dick Cheney öffentlich gebrauchten.
Als ruchbar wurde, dass sich Tschalabi, ebenso geschäftstüchtig wie kriegslustig, noch acht weiteren westlichen Geheimdiensten angeboten und Iran US-Geheimnisse verraten hatte, fiel er in Ungnade.
Aber da hatten die Waffen längst gesprochen. Die Kriegsgründe waren falsch, der Krieg echt.
Urteilen mit den Augen
Lügen haben lange Beine. Laut einer Umfrage, welche die New York Times soeben veröffentlichte, glauben 50 Prozent aller Amerikaner noch immer, Saddam habe bei Kriegsausbruch Massenvernichtungswaffen besessen. Zwei Drittel sind davon überzeugt, der irakische Diktator habe enge Beziehungen zu al-Qaida unterhalten - obwohl auch diese Propaganda-These längst widerlegt ist.
Selbst in der Natur fließen viele Quellen nicht mehr frei. Sie werden eingefasst, ihr Wasser wird gespeichert, in Röhren gezwängt, verteilt, rationiert. Doch nur an den Ursprüngen des Nachrichtenflusses können Quellen die Substanz formen oder sogar synthetisch herstellen.
"Menschen urteilen lieber mit den Augen als mit den Händen", schrieb Machiavelli vor 500 Jahren, "sehen kann jeder, abtasten dürfen nur wenige." Was das Publikum zu sehen oder zu lesen bekommt, hängt freilich von der Präsenz von Kameras und Reportern ab, unter den autoritären Regimen des Nahen Ostens von Visa, Akkreditierung, Reisegenehmigung, Dreherlaubnis, Arbeitshindernissen aller Art.
Überall auf Erden thematisieren die Medien automatisch, was führende Staatsmänner mit echter oder vorgetäuschter Autorität offenbaren, urteilen und meinen - bis hin zur Übernahme des offiziellen Vokabulars durch Zeitungen und Fernsehen.
Ohne davon viel Aufhebens zu machen, subventioniert die Londoner Regierung Satelliten-Nachrichten und Features, welche die Firma British Satellite News fast 200 Fernsehsendern in aller Welt gratis zur Verfügung stellt.
Wer gern kritischer Zuschauer wäre, hat davon keine Ahnung. Vietnam war der letzte Krieg, den die Medien weitgehend nach eigenen Erkenntnissen darstellen konnten. Die Vertreter des Militärs haben ihre Lektion gelernt: Heute berichten "eingebettete Journalisten" - ein neues Wort aus dem Irak-Feldzug - zwangsläufig mit militärischen Scheuklappen. Sie sehen das Geschehen durch das Visier des Schützen, nicht mit den Augen des Getroffenen.
(SZ vom 10.8.2006)
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