Westjordanland: Gedenken an Arafat Jubel für einen Gescheiterten

Zum fünften Todestag Jassir Arafats feiern die Palästinenser ihren legendären Führer - und entdecken ihre Zuneigung für Präsident Abbas. Doch der ist politisch am Ende.

Von Peter Münch, Ramalllah

Kinder mit Kerzen, Frauen mit Postern und Männer mit Fahnen - Zehntausende sind aus dem ganzen Westjordanland nach Ramallah gepilgert, um Jassir Arafats zu gedenken. Vor fünf Jahren, am 11. November 2004, war er im fernen Paris gestorben. Gefeiert wird nun ein notorischer Haudegen, eine nationale Ikone, ein großer Führer. Und die Lobrede auf den Helden muss ausgerechnet ein Mann halten, der all das nicht ist: Machmud Abbas, der Palästinenser-Präsident, der kein Präsident mehr sein will.

Ein wenig verloren steht er auf der Bühne, die unterhalb des Arafat-Mausoleums aufgebaut worden ist. Wie immer trägt Abbas einen edlen Anzug, aber zur Feier dieses Tages hat er sich eine schwarz-weiße Kufiya über die Schultern gelegt, in memoriam. Mit dem gebotenen Pathos preist er den Vorgänger, aus dessen Schatten er nie herausgekommen ist. Oft haben sie ihm das vorgehalten, oft ist er geschmäht worden als Weichling. Doch heute geschieht das Unerwartete: Das Volk jubelt ihm zu.

Verklärte Erinnerungen und Beschwörungen

Der Todestag mit all den verklärten Erinnerungen und Beschwörungen besserer Zeiten ist Balsam für die Seele der Palästinenser. Durch die Straßen hallen schon seit Tagen die Hymnen über Arafat alias Abu Amar. "Du bist der Fels in der Brandung, den keine Wellen wegtragen können. Du bist der Berg, den der Wind nicht bewegt", so tönt es auf und ab und immer wieder. Doch in die Oden an den Alten mischen sich jetzt die Durchhalteparolen für seinen Nachfolger, den sie Abu Mazen nennen: "Wir brauchen dich, tritt nicht zurück", schallt es ihm nun überall entgegen.

Es ist gewiss kein gutes Zeichen, dass man in Ramallah entweder tot oder politisch am Ende sein muss, um gefeiert zu werden. Doch mit der resignierten Ankündigung seines Rückzugs hat Abbas ein politisches Paradoxon geschaffen: Je deutlicher er sagt, dass er nicht mehr will, desto lauter kommt das Echo, dass die Palästinenser keinen anderen wollen. "Ich rede nicht über eine Zeit nach Abu Mazen", sagt Abbas Zaki, ein Mitglied im Zentralkomitee der regierenden Fatah. "Ich unterstütze seinen Rücktritt nicht."

Zaki ist ein alter Weggefährte des Präsidenten, und er hat ihn in diesen Tagen bei einer Reise durchs zerstückelte Land nach Hebron und Bethlehem begleitet. Dabei konnte er einen Machmud Abbas erleben, der "wütend ist und sich betrogen fühlt", von Israel und vor allem von den USA.

Irgendwo hat Zaki auch aufgeschnappt, dass die US-Außenministerin Hillary Clinton bald zurücktreten wird. Doch das ist eher Wunschdenken. Denn Clinton war es, deren Lobpreisung des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu bei Abbas den Geduldsfaden hat reißen lassen. Die Außenministerin wird wohl bleiben, Netanjahu auch - die Frage ist allein, was mit Abbas wird.

Abbas soll weitermachen

Und da hat Zaki für den Präsidenten einen Rat parat: Er soll weitermachen, aber ganz anders als bisher. Solange Israel sich nicht bewegt, soll er keine Zeit mehr verschwenden mit Friedensgesprächen, sondern sich um die innerpalästinensische Aussöhnung kümmern. "Nichts mehr mit Israel, alles mit der Hamas", so fasst es Zaki zusammen. "Abu Mazen muss wieder der Führer der ganzen Nation werden."

Dies ist die Linie, auf die sich das offizielle Ramallah geeinigt hat, um aus der Führungskrise irgendwie doch noch eine Chance zu machen. Auch wenn Abbas immer wieder beteuert, dass sein Rückzug kein taktisches Manöver ist, so verfolgt seine Fatah-Partei das Ziel, nun die internationale Gemeinschaft aufzurütteln, den Palästinenser-Präsidenten endlich mehr zu unterstützen und Druck auf die Regierung in Jerusalem auszuüben. Nur so könne Abbas umgestimmt werden, heißt es.

Die Hamas als düstere Drohung

Die Hamas dient dabei als die düstere Drohung im Hintergrund - wenn Abbas fällt, kommen die Radikalen. Das aber ist ein gefährliches Spiel, selbst wenn sich nun bis hin zu Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy alle aufgerufen fühlen, Abbas zum Bleiben zu bewegen. Denn erstens ist es unwahrscheinlich, dass ausgerechnet Netanjahu durch plötzliche Kompromisse im Streit um den Siedlungsbau den Palästinensern aus der Patsche hilft. Und zweitens sieht sich die in Gaza regierende Hamas allein durch die Hängepartie in Ramallah gestärkt.

Eine Überwindung der palästinensischen Spaltung zu anderen als zu ihren Bedingungen ist nicht in Sicht. Wie wenig Sinn für Solidarität die Hamas hat, zeigt sie auch an Arafats Todestag: Trauerfeiern sind im Gaza-Streifen strikt verboten, ein paar Fatah-Führer sollen vorsorglich sogar festgenommen worden sein.

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