Westerwelle nahm das Karlsruher Hartz-IV-Urteil zum Anlass für eine Abrechnung mit dem deutschen Sozialstaat und verstieg sich zu antiker Größe: "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, der lädt zu spätrömischer Dekadenz ein."

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Seither hagelt es Kritik am FDP-Chef. Die Opposition freut sich über die Steilvorlagen, doch die erwartbare Kritik von Sigmar Gabriel, Cem Özdemir, Klaus Ernst und selbst CSU-Ministerin Christine Haderthauer ("Wer keine konstruktiven Ideen hat, macht eben Getöse") geht fast unter. Für mehr Aufsehen sorgte da schon ein kleiner Satz, den Angela Merkel über ihre Sprecherin ausrichten ließ: Westerwelles Worte seien "sicherlich weniger der Duktus der Kanzlerin".

Oder aber die Bemerkung von Heiner Geißler, des Enfant terrible der CDU: In Anspielung auf Westerwelles Ausflug ins alte Rom erläuterte Geißler in einem Interview mit der Welt, die spätrömische Dekadenz habe unter anderem darin bestanden, dass Kaiser Caligula einen Esel zum Konsul ernannt hatte. "Insofern stimmt Westerwelles Vergleich: Vor 100 Tagen ist ein Esel Bundesaußenminister geworden."

Bei aller Kritik an Westerwelles Äußerungen: Der FDP-Chef schafft es - wie von Gesundheitsminister Philipp Rösler nach der Krisensitzung gefordert - "klare Kante" zu zeigen.

Der Hamburger Politik-Psychologe Thomas Kliche attestiert dem FDP-Chef "Meisterwerke der Klientel-Rhetorik" zu liefern. "Lange gab es in der deutschen Politik keine so erfolgreiche Positionierung und Polarisierung in der Öffentlichkeit. In dieser Hinsicht ist Westerwelle der Beste seit Franz Josef Strauß", sagte Kliche in einem Interview mit sueddeutsche.de.

Gerade in den Springer-Medien verfängt Westerwelles Strategie: In der Dienstagsausgabe von Bild kommt der FDP-Chef zwar - ausnahmsweise - nicht zu Wort, dafür widmet das Blatt der Debatte den Titel und vier Stücke auf Seite zwei. "Sind Hartz-IV-Empfänger wirklich so arm?", fragt die Boulevardzeitung. Motto: "Deutschland diskutiert". Und Westerwelle grinst.

"Guten Tag, warum stehen Sie bei der Suppenküche an?"

Auf Seite zwei schreibt das Blatt, dass der Steuerzahler 137 Milliarden Euro für Soziales ausgibt. Die Zahl steht in der Überschrift, alle Nullen sind ausgeschrieben. Der Text beginnt mit den Worten: "Es ist eine unvorstellbare, gigantische Summe." Fazit: "Und trotzdem leisten wir uns eine Debatte, ob das alles noch zu wenig ist ...".

Darüber eine Umfrage: "Guten Tag, warum stehen Sie bei der Suppenküche an?" Garniert ist die Seite mit einer ausführlichen Liste dessen, worauf Hartz-IV-Empfänger Anspruch haben. Hier erfährt der Leser, dass der Steuerzahler sogar für den Schnaps der "Hartzer" aufkommen muss. Hieße der Chefredakteur Guido Westerwelle - er würde kaum etwas verbessern wollen.

Ob der FDP-Chef aus seiner Klientel-Rhetorik auf Dauer auch politisch Kapital schlagen kann, ist ungewiss. Zwei Dinge hat Westerwelle aber jetzt schon erreicht: Die miese Stimmung in der Koalition verschlechtert sich weiter - und die Spannung vor dem politischen Aschermittwoch steigt.

Dann werden sich Westerwelle und CSU-Chef Seehofer rhetorisch weiter streiten - ein Fernduell der Alphatiere.

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(sueddeutsche.de/gba)