Eine Außenansicht von Shashi Tharoor

Die weltweiten Pro-Tibet-Demonstrationen sind kein Anzeichen für den Beginn eines neuen kalten Krieges zwischen dem den Menschenrechten verpflichteten Norden und einem anti-kolonialen Süden. Die Empörung der Europäer wird sich wieder legen.

Shashi Tharoor, 52, war von 2002 bis 2007 stellvertretender Generalsekretär der Vereinten Nationen. Er ist einer der führenden Schriftsteller Indiens.

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Indonesische Polizisten nehmen einen Pro-Tibet-Aktivisten fest. Die olympische Flamme wurde am Dienstag unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen durch Jakarta getragen. (© Foto: AFP)

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Übersetzung: Roman Deininger.

In der indischen Hauptstadt Delhi gab es einen kollektiven Seufzer der Erleichterung, nachdem der olympische Fackellauf ohne Zwischenfall über die Bühne gegangen war. Der Lauf war auf läppische 2,3 Kilometer gekürzt, die Umgebung für die Öffentlichkeit gesperrt worden.

Eine Ansammlung aus Sportlern und Berühmtheiten joggte mit der Fackel einzig und allein für die Medien - und für die chinesischen Sicherheitskräfte, die sie eskortierten. Die indischen Behörden beglückwünschten sich selbst dazu, Zwischenfälle wie in Paris, London und San Francisco vermieden zu haben.

Aber um welchen Preis? Der Fackellauf soll eigentlich den Geist der Spiele um den Erdball tragen, und die Menschen in 48 Ländern in den Bann des größten Sportereignisses der Welt ziehen. Wenn aber irgendetwas in Delhi durch seine Abwesenheit auffiel, dann die Menschen, die ferngehalten wurden, um Proteste gegen die chinesische Tibet-Politik zu verhindern. Der Fackellauf geriet zum hohlen Versuch, die chinesische Würde zu wahren - und nicht den Geist der Olympischen Spiele.

Das Nichtereignis von Delhi

Manche sind überrascht, dass genau dies die Priorität für Indien sein sollte, eine Demokratie mit einer langen Tradition darin, friedliche Proteste zuzulassen, auch solche gegen andere Länder, deren Führer gerade zu Besuch sind.

Andere sehen in dem Nicht-Ereignis von Delhi den Beweis für eine tiefe Kluft in den internationalen Beziehungen - nämlich zwischen den Ländern des sich entwickelnden Südens, die sich der Empfindlichkeiten Chinas ob seiner Souveränität vollauf bewusst sind, und den Ländern des entwickelten Nordens, die aufgebracht sind ob des scharfen Durchgreifens Pekings in Lhasa.

Erlebt unser Planet ein Revival der lange schlummernden Debatte über Souveränität und Menschenrechte, diesmal mit Tibet als Kernstück? Oder, noch beunruhigender: Könnte dies der Beginn eines neuen kalten Krieges sein, zwischen einem den Menschenrechten verpflichteten Norden und einem von China geführten anti-kolonialen Süden?

Auf der einen Seite sind die Indizien für eine solche Spaltung stark. Die Regierungen und Medien des Nordens sind nahezu einmütig in ihrer Verurteilung des chinesischen Vorgehens in Tibet, der Verhaftung und Internierung von Demonstranten und der permanenten Schmähung des Dalai Lama, der als Mann der Gewaltlosigkeit und als verehrter geistlicher Führer des tibetischen Volkes betrachtet wird.

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat offen über einen Boykott der Eröffnungsfeier der Spiele gesprochen, und andere Staatsmänner des Nordens haben angekündigt, nicht teilnehmen zu wollen. Im Süden dagegen ist der Grundtenor der offiziellen und medialen Reaktionen respektvoll gegenüber den Chinesen, trotz einiger Zeitungskommentare, die Sympathie für das tibetische Volk zeigen.

Indien zum Beispiel hat - obwohl es dem Dalai Lama und 110.000 Tibetern Asyl gewährt - klargemacht, dass es sich es nicht leisten kann, seinen größten Handelspartner vor den Kopf zu stoßen, einen Nachbarn, der auf gutem Weg ist, eine globale Supermacht zu werden, und noch dazu dafür bekannt ist, äußerst empfindlich auf mutmaßliche Angriffe auf seine Souveränität über Tibet zu reagieren. Indiens Nachbarn, zum Beispiel Pakistan und Nepal, waren sogar noch deutlicher in ihrer Unterstützung für das Vorgehen Pekings.

Lesen Sie weiter, warum die Angst vor einem neuen kalten Krieg unbegründet ist.

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