Weltkriegsausstellung in Berlin Von der Pickelhaube zum Stahlhelm

Zwanzig Millionen Tote, einundzwanzig Millionen Verwundete, keine Sieger: Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt eine Ausstellung über den Ersten Weltkrieg - und entlässt den Besucher ratlos.

Von Jens Bisky

Der Weltkrieg", hieß es am Dienstag, den 4. August 1914 auf der Titelseite der Czernowitzer Allgemeinen Zeitung: "Frankreich verletzt brutal das Völkerrecht. - Die Türkei mobilisiert gegen Rußland. - Gute Haltung Rumäniens. Frankreich erklärt seine Mobilisierung als ,Mittel zur Erhaltung des Friedens' - Deutschland notifiziert in Rom den Kriegszustand. - Italien bleibt gemäß Dreibundvertrag neutral." Diese Schlagzeilen kann neben Dutzend anderen aus jenen Tagen lesen, wer durch das Zeitungsportal in der Weltkriegsausstellung des Deutschen Historischen Museums geht.

Man verlässt dann den Einführungsraum - "Die moderne Welt von gestern" - und begibt sich auf einen Parcours zu vierzehn Schauplätzen des Großen Krieges. Voll ist es hier - 500 Objekte auf 1100 Quadratmetern, feldgrau die Ausstellungsarchitektur. Wegweiser bezeichnen die Stationen, für jede wurde eine Koje, eine Art Unterstand gebaut: Marne, Brüssel, Tannenberg, Galizien, Ostafrika, Ypern, Gallipoli, Isonzo, Gorlice und Tarnów, Petrograd und so weiter bis hin zum Ausgang "Der unbewältigte Krieg". Wie hätte auch eine Welt der zusammenstürzenden Imperien, vernichteten Vermögen, der Krüppel und Versehrten, der Revolutionen und radikalen Nationalismen die Jahre des Schlachtens bewältigen können?

Wo der Weltenbrand begreifbar wird

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Während des Rundgangs bleibt der Blick immer wieder an Hauben, Helmen, Mützen hängen - es war der Krieg, in den die Deutschen mit Pickelhauben zogen, aus dem sie mit Stahlhelmen zurückkehrten. Die Kuratoren um Juliane Haubold-Stolle und Andreas Mix haben vieles richtig gemacht. Doch überzeugt die Ausstellung im Ganzen nicht, scheint geprägt von einer Scheu vor Thesen, Streit, Effekten.

Die Erzählung fehlt, die all diese Exponate zusammenhält

Seit Christopher Clarks Buch "Die Schlafwandler", das wohl besser "Die Zocker" hieße, treibt die Kriegsschuldfrage viele wieder um. Die Ausstellung lässt sich darauf mit guten Gründen nicht ein. Dem verwickelten Geschehen wird ein Buch eher gerecht, auch kannten nur verschwindend wenige im Sommer 1914 die Randbemerkungen, Tagebücher, die Dokumente der Geheimdiplomatie, aus denen die Mechanik der Eskalation heute rekonstruiert wird. Dankbar registriert der Besucher, dass hier nicht allein die Westfront für den gesamten Krieg stehen muss. Auch die Schlachten im Osten, wo immer Bewegung war, die besetzten Gebiete, das Reich von Ober Ost, kommen ebenso vor wie die russischen Revolutionen, die deutschen Bemühungen, einen Dschihad zu entfesseln, der Krieg in Afrika.

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Die Reihe beeindruckender, mit historischer Bedeutung aufgeladener Objekte ist lang: Karl Liebknechts Waffenrock, Ernst Jüngers Stahlhelm, Holzfiguren, die ein verwundeter französischer Soldat 1914 anfertigte. Er entwarf mit ihnen eine Siegesszene, eine "Rückkehr nach der Jagd". Weiterhin: Fliegerpfeile; die Propagandazeitung El Dschihad, die ab März 1915 in deutschen Kriegsgefangenenlagern an die "muhammedanischen Kriegsgefangenen" verteilt wurde; Maschinengewehre, Gasmasken. In einer Vitrine liegt der Friedensvertrag zwischen dem bolschewistischen Russland und den Mittelmächten, unterzeichnet am 3. März 1918 in Brest-Litowsk , das Muster eines Raub- und Ausplünderungsfriedens. Wie ein Vorgriff in die spätere Geschichte des 20. Jahrhunderts wirken die Dokumente der Fotografieaktion im besetzten Polen. Ober Ost hatte 13 Passkommandos - jeweils ein Offizier und 600 Fotografen - losgeschickt, um Passbilder machen zu lassen. Um rascher fertig zu werden, entschied man sich für Gruppenaufnahmen: fünfzehn auf einen Schlag, wobei jeder eine Nummer umgehängt bekam.

Ein eigener Rundgang würde sich lohnen zu all den Tagebüchern und Briefen, seien sie nun von Max Pechstein, Ernst Jünger, August Stramm oder Unbekannten, etwa einem Kriegsgefangenen, dem die Zensur einfach ein Loch in den Brief schnitt.

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Die Filmdokumente auszuhalten, ist nicht immer leicht, am einfachsten noch, wenn ein erstes Denkmal für den Helden von Tannenberg zu sehen ist, ein Hindenburg aus Schnee. Wer aber die Aufnahmen aus dem besetzten Belgien anschaut, dem klingt angesichts der Trümmerlandschaften die Formel "Remember Belgium" nicht mehr hohl; kaum zu ertragen sind die Bilder der Verwundeten und eine Dokumentation über die Anlieferung von Granaten in die Schützengräben von Verdun. Im Film klappt das wie am Fließband - modern times. Der Verwundeten- und der Granatenfilm laufen, jeder wenige Minuten lang, auf einem Bildschirm hintereinander - so sieht er aus, der industrialisierte Krieg.

Interessante Dokumente und Objekte kann man entdecken, aber sie haben im Untergeschoss des für Ausstellungen nur mäßig geeigneten Erweiterungsbaus kaum Luft zum Atmen, weshalb dann auch die Aufmerksamkeit des Besuchers rasch ermüdet. Kleines, Großes, Massenware und Persönliches folgen aufeinander, als sei alles gleich wichtig. Ist es sinnvoll, den Geschlechtskrankheiten in der Heimat so viel Raum zu widmen wie den Hungertoten im Reich? Wozu Jüngers Stahlhelm und einen von ihm erbeuteten britischen Stahlhelm zeigen, wenn beide nebst den Kriegstagebüchern in einer Ecke liegen? Was sollen sie erzählen?

Szenen ohne Dramaturgie

Eben da liegt das Problem der Ausstellung, sie informiert auf dem Stand unserer Kenntnisse über das Schlachten zwischen August 1914 und November 1918, aber sie unterfordert den Besucher emotional und intellektuell. In ihr zerfällt der Krieg in eine Fülle einzelner Szenen - Grabenkampf, Völkermord an den Armeniern, Gefangene -, diese Szenen aber folgen keiner Dramaturgie, es fehlt der Rahmen, es fehlt die Erzählung, die sie zusammenhalten könnten. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat in seiner Geschichte des Großen Krieges gezeigt, wie damals gelernt wurde, taktisch, strategisch, politisch. Und er hat gefragt, was für uns heute aus dem Geschehen zu lernen sei.

Der Historiker Jörn Leonhard geht in seiner Monumentalgeschichte des Ersten Weltkriegs unter dem Titel "Die Büchse der Pandora" den Wandlungen nach, die der Krieg mit sich brachte, den sozialen, politischen, ideologischen Transformationen. Irgendeine Frage aber muss man schon stellen, wenn man sich dem unübersichtlichen Kriegsverlauf widmet, in dem alles mit allem zusammenhängt und doch vieles isoliert oder gar nicht erinnert wurde.

Als Europa zum Schlachthaus wurde

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Sollte man Fragen und Thesen nicht auftreiben können, wären wenigstens die Objekte zum Strahlen zu bringen, in ihrer Aussagekraft auszuleuchten. Wie das geht, zeigt der Begleitband zur Ausstellung, eingeleitet mit einem munteren, starke Akzente setzenden Text von Gerd Krumeich. Es folgen Bild und Kommentar zu 100 Objekten aus den Sammlungen des Deutschen Historischen Museums: vom Porträt Wilhelms II. bis zum Stahlhelm - mit Hakenkreuz - eines Freikorpsmannes. Hier lernt man was. Die Ausstellung aber lockt in ein Labyrinth von Einzelheiten und entlässt den Besucher belehrt und ratlos.

Der erste deutsche Aufklärungsfilm kam 1917 in die Kinos: "Es werde Licht!". Der vierte Teil hieß dann Ende 1918 "Sündige Mütter" - eine Fußnote zum Krieg als Labor der Modernisierung.

1914-1918. Der Erste Weltkrieg. Bis 30. November. Deutsches Historisches Museum Berlin. www.dhm.de/ausstellungen. Zur Ausstellung erschien im Theiss Verlag: Der Erste Weltkrieg in 100 Objekten (224 Seiten, 24,95 Euro).

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