Bald leben acht Milliarden Menschen auf der Welt, zwei Drittel davon in armen oder sehr armen Ländern. Deshalb wird sich die Entwicklungshilfe ändern müssen.
Jedes Jahr werden 80 Millionen Kinder geboren, so dass im Jahr 2024 vermutlich acht Milliarden Menschen auf der Erde leben werden. Die Weltbevölkerung wird bis dahin um die Einwohnerzahl Chinas wachsen. Zwei Drittel der Erdenbürger werden in den armen oder sehr armen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas leben.
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Besonders in armen Ländern nimmt die Bevölkerungsrate zu. (© Foto: dpa)
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Dort tobt schon jetzt ein harter Verteilungskampf um Wasser, Holz und Nahrung. Noch viel mehr Menschen werden deshalb in Zukunft versuchen, dem Elend zu entfliehen. Was tun? Mehr Entwicklungshilfe geben? Leider haben die seit 60 Jahren praktizierten Rezepte wenig bis nichts gebracht. Dort, wo das meiste Geld hinfloss, sind die Probleme sogar am größten.
Das hat viele Gründe. Die Entwicklungshilfe, wie wir sie heute kennen, entstand ja nur bedingt aus Menschenfreundlichkeit. Als der Kolonialismus zu Ende ging, übernahmen Entwicklungshelfer die Rolle der Missionare als Boten westlicher Lebensanschauung und westlichen Wirtschaftens. Ihre Arbeit sollte Hunger lindern, aber auch das Umfeld schaffen für den Absatz von Gütern.
Sogenannte gebundene Entwicklungshilfe fließt nur, wenn Investoren aus den reichen Ländern von ihr profitieren. Vor allem die USA handeln nach diesem Prinzip, aber auch asiatische Länder wie Taiwan. Sie erkaufen sich mit Schecks politisches Wohlverhalten lokaler Eliten, in deren Taschen das Geld oft verschwindet.
Die Geber bestimmen, was die Armen brauchen
Die armen Länder wiederum haben sich gewöhnt an Hilfe, das bremst die Eigeninitiative - was zum Teil gewollt ist. Nicht zufällig haben noch dieselben Staaten das Sagen auf der Welt wie vor hundert Jahren. Diese Geber handeln patriarchalisch, sie bestimmen, was die Armen brauchen. In den neunziger Jahren zwangen Weltbank und Währungsfonds die Regierungen Lateinamerikas im Gegenzug für Kredite zur Liberalisierung ihrer Märkte, auf die nordamerikanische und europäische Investoren drängten.
Die dominierten vorher Minen und Plantagen, inzwischen auch Telekommunikation und Energieversorgung. Die Ströme des Profits nehmen dieselben Wege wie zu Kolonialzeiten. Versucht einer diese umzulenken, wie der Indio-Präsident Evo Morales in Bolivien, wird er ermahnt, die Finger von fremdem Eigentum zu lassen.
Niemand kann erwarten, dass die reichen Länder freiwillig faire Preise zahlen werden. Wer das fordert, sollte prüfen, wie viel er für Bananen im Supermarkt hinlegen will. Aber es wäre schon eine neue Entwicklungshilfe, wenn die Reichen aufhörten, Druck auf die Armen auszuüben, ihre Märkte für subventionierte Produkte aus der EU oder aus den USA zu öffnen.
Neue Eliten in den armen Ländern
Haiti etwa, das ärmste Land des Westens, wurde in den neunziger Jahren mit billigen US-Lebensmitteln überschwemmt, der eigene Reisanbau lohnte nicht mehr. Ähnliches passiert nun in Mexiko mit dem Mais. Die Tigerstaaten Asiens hingegen schotteten sich so lange ab, bis sie stark genug waren für den freien Markt.
Darüber hinaus sollten die Geber neue Eliten in den armen Ländern suchen, mit denen sie zusammenarbeiten. Marktwirtschaftlich denkende Nichtregierungs-Organisationen machen das seit langem vor. Sie müssen Geld verdienen oder Spenden sammeln, dafür müssen sie Erfolge vorweisen. Sie verlassen sich dabei vielfach auf lokale Fachkräfte, etwa bei der Zertifizierung von Ananas oder Kaffee. Das schafft qualifizierte Jobs in den Armuts-Staaten und schärft dort den Blick für die eigenen Bedürfnisse.
Eine indirekte, aber wirksame Entwicklungshilfe ist die Migration. Auswanderer schaffen neue Handelsströme, sie schicken Geld nach Hause, in vielen armen Ländern ist das bereits die wichtigste Einnahmequelle. Migrationsforscher wissen, dass viele Auswanderer gar nicht vorhaben, für immer in der Fremde zu bleiben. Auch historisch gesehen, liegt die Wanderung im Wesen des Menschen. Bewegungsfreiheit zu gewähren, ist auf Dauer fairer als alle Almosen.
(SZ vom 22.08.2008/jtr)
Kanzlerin Merkel und die Macht
Nur ein paar Klar- bzw. Richtigstellungen:
1. "Dort, wo das meiste Geld hinfloss, sind die Probleme sogar am größten."
Das läßt sich so pauschal nicht sagen und i. ü. kann man auch in den Fällen, wo die Aussage zutrifft, nicht so ohne weiteres einen so eindeutigen Kausalzusammenhang herstellen.
2. "Gebundene Entwicklungshilfe" (im Fachjargon: Lieferbindung) wird mittlerweile von den meisten Geberländern (inkl. Deutschland) nicht mehr angewandt. (Hierzu gibt es auch einen entspr. Beschluss des OECD-Entwicklungsausschusses DAC).
3. Nennenswerte "neue Eliten", die sich in den jeweiligen Entwicklungsländern ernsthafte Gedanken um das Wohlergehen der armen Unterschicht (z.T. über 90% der Bevölkerung) machen, ist gar nicht so einfach. Mit örtlichen Nichtregierungs-Organisationen wird hingegen schon vielfach seitens der westlichen Geber kooperiert, wobei selbst dort es manchmal nicht einfach ist, die Spreu vom Weizen zu trennen.
4. Vielen Studien zeigen, dass die Überweisungen von Migranten an ihre Familien in der Heimat dort vorwiegend verkonsumiert werden und zu einer Lethargie führen, anstatt selbst produktiv tätig zu werden.
Christian Widmann (chrwid@web.de)
Wohl als verspäteter 68-ger zuviel von Marcuses eindimenionalen Menschen gelesen ? Folgt man Marcuse, dann ist das "eindimenionale Denken" durch die Hinnahme und Nichtänderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse gekennzeichnet. Dieser Denkrichtung folgt aber der SZ-Verfasser nicht. Im Gegenteil. Er ist nicht bereit die Armut der dritten Welt hinzunehmen.
Nur, mein Einwand: "Lineares Denken" führt zu Scheinlösungen. Der angestrebte Erfolg stellt sich vielleicht rasch ein, aber nach einiger Zeit zeigen sich die unbeabsichtigten und nicht in das Denken mit einbezogenen Folgewirkungen. Einfaches Ursache-Wirkung-Denken entspricht nicht den komplexen Zusammenhängen und kybernetischen Wechselwirkungen in der Natur und der Gesellschaft. Die Folgewirkungen in einem Akt 2 und 3 sind zu berücksichtigen (wie in meinem Kommentar aufgezeigt). Und das geht über das lineare Denken hinaus
(Buchtipp hierzu: Frederic Vester: Neuland des Denkens. statt lineares Denken ist vernetztes Denken in System-Zusammenhängen gefragt
Bitte bleiben Sie genau. Sie meinten nicht linear, sondern eindimensional.
Das ist ja ganz schön zuwanderungsfeindlich, was Sie da von sich geben. Um nicht zu sagen: ausländerfeindlich. Sogar antirassistisch, wenn man bedenkt, daß die Zuwanderer meistens einen nicht-kaukasische Gensatz haben ............ . .
Aber wenn Sie schon so negativ gegen Migration aus armen Ländern sind, warum formulieren Sie nicht weniger verfänglich, etwas dergestalt, daß die reichen Länder - sagen wir mal mit einer Bevölkerung von 1 Milliarde Menschen - nicht eine Milliarde Zuwanderer aufnehmen können, damit diese Milliarde Zuwanderer den Rest von den 2/3 der Armen dieser 6 oder 8-Milliarden-Weltbevölkerung ausreichend alimentiert?
Italien und Spanien kriegen ja heute schon nicht mehr die paar Tausend pro Jahr mit Fischer-Bötchen an Land geschwemmten Elendsflüchtlinge aus Afrika unter.... Das Boot ist voll, heißt der unselige Spruch- wieder.
Excellenter Beitrag, ...
dem es im Grunde eigentlich nichts hinzuzufügen gibt. Vielleicht dieses:
Daß der Inhalt mit punkt und comma an allen Schulen den nächsten Generationen solange
vorgebetet wird daß dieses auch endlich verstanden wird.
Bedauerlich, in Erinnerung an Alfred von Herrhausen, welcher leider einem Attentat zum Opfer fiel, ehe er über diese Problematik mit seiner Ausarbeitung zur eventuellen Lösung
dieser Problematik vor dem Weltbankrat sprechen konnte. Hierbei ging es in der Hauptsache zwar um den Schuldenerlass für ärmere ausgebeute Länder, glaube es waren die A -B - C Staaten. Doch die Ursachen für die Verschuldung haben Sie hier
treffend beschrieben.
mit freundlichen Grüßen
carlcomma
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