Von Sebastian Schoepp

Bald leben acht Milliarden Menschen auf der Welt, zwei Drittel davon in armen oder sehr armen Ländern. Deshalb wird sich die Entwicklungshilfe ändern müssen.

Jedes Jahr werden 80 Millionen Kinder geboren, so dass im Jahr 2024 vermutlich acht Milliarden Menschen auf der Erde leben werden. Die Weltbevölkerung wird bis dahin um die Einwohnerzahl Chinas wachsen. Zwei Drittel der Erdenbürger werden in den armen oder sehr armen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas leben.

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Besonders in armen Ländern nimmt die Bevölkerungsrate zu. (© Foto: dpa)

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Dort tobt schon jetzt ein harter Verteilungskampf um Wasser, Holz und Nahrung. Noch viel mehr Menschen werden deshalb in Zukunft versuchen, dem Elend zu entfliehen. Was tun? Mehr Entwicklungshilfe geben? Leider haben die seit 60 Jahren praktizierten Rezepte wenig bis nichts gebracht. Dort, wo das meiste Geld hinfloss, sind die Probleme sogar am größten.

Das hat viele Gründe. Die Entwicklungshilfe, wie wir sie heute kennen, entstand ja nur bedingt aus Menschenfreundlichkeit. Als der Kolonialismus zu Ende ging, übernahmen Entwicklungshelfer die Rolle der Missionare als Boten westlicher Lebensanschauung und westlichen Wirtschaftens. Ihre Arbeit sollte Hunger lindern, aber auch das Umfeld schaffen für den Absatz von Gütern.

Sogenannte gebundene Entwicklungshilfe fließt nur, wenn Investoren aus den reichen Ländern von ihr profitieren. Vor allem die USA handeln nach diesem Prinzip, aber auch asiatische Länder wie Taiwan. Sie erkaufen sich mit Schecks politisches Wohlverhalten lokaler Eliten, in deren Taschen das Geld oft verschwindet.

Die Geber bestimmen, was die Armen brauchen

Die armen Länder wiederum haben sich gewöhnt an Hilfe, das bremst die Eigeninitiative - was zum Teil gewollt ist. Nicht zufällig haben noch dieselben Staaten das Sagen auf der Welt wie vor hundert Jahren. Diese Geber handeln patriarchalisch, sie bestimmen, was die Armen brauchen. In den neunziger Jahren zwangen Weltbank und Währungsfonds die Regierungen Lateinamerikas im Gegenzug für Kredite zur Liberalisierung ihrer Märkte, auf die nordamerikanische und europäische Investoren drängten.

Die dominierten vorher Minen und Plantagen, inzwischen auch Telekommunikation und Energieversorgung. Die Ströme des Profits nehmen dieselben Wege wie zu Kolonialzeiten. Versucht einer diese umzulenken, wie der Indio-Präsident Evo Morales in Bolivien, wird er ermahnt, die Finger von fremdem Eigentum zu lassen.

Niemand kann erwarten, dass die reichen Länder freiwillig faire Preise zahlen werden. Wer das fordert, sollte prüfen, wie viel er für Bananen im Supermarkt hinlegen will. Aber es wäre schon eine neue Entwicklungshilfe, wenn die Reichen aufhörten, Druck auf die Armen auszuüben, ihre Märkte für subventionierte Produkte aus der EU oder aus den USA zu öffnen.

Neue Eliten in den armen Ländern

Haiti etwa, das ärmste Land des Westens, wurde in den neunziger Jahren mit billigen US-Lebensmitteln überschwemmt, der eigene Reisanbau lohnte nicht mehr. Ähnliches passiert nun in Mexiko mit dem Mais. Die Tigerstaaten Asiens hingegen schotteten sich so lange ab, bis sie stark genug waren für den freien Markt.

Darüber hinaus sollten die Geber neue Eliten in den armen Ländern suchen, mit denen sie zusammenarbeiten. Marktwirtschaftlich denkende Nichtregierungs-Organisationen machen das seit langem vor. Sie müssen Geld verdienen oder Spenden sammeln, dafür müssen sie Erfolge vorweisen. Sie verlassen sich dabei vielfach auf lokale Fachkräfte, etwa bei der Zertifizierung von Ananas oder Kaffee. Das schafft qualifizierte Jobs in den Armuts-Staaten und schärft dort den Blick für die eigenen Bedürfnisse.

Eine indirekte, aber wirksame Entwicklungshilfe ist die Migration. Auswanderer schaffen neue Handelsströme, sie schicken Geld nach Hause, in vielen armen Ländern ist das bereits die wichtigste Einnahmequelle. Migrationsforscher wissen, dass viele Auswanderer gar nicht vorhaben, für immer in der Fremde zu bleiben. Auch historisch gesehen, liegt die Wanderung im Wesen des Menschen. Bewegungsfreiheit zu gewähren, ist auf Dauer fairer als alle Almosen.

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(SZ vom 22.08.2008/jtr)