Weiterverbreitung von Atomwaffen Im Kalten Krieg war es sicherer

Der Abbau der Atomwaffen muss geregelt werden, solange das Problem überhaupt noch regelbar ist.

Eine Außenansicht von Egon Bahr

Deutschland und die Atomwaffen in der Welt, das ist eine einzigartige Verknüpfung. In Berlin, am Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem, entdeckte Otto Hahn die Atomspaltung, ohne sich dessen bewusst zu werden. Das entdeckte erst seine an den Vorarbeiten beteiligte Kollegin Liese Meitner, die vor den Nazis nach Stockholm emigriert war. Von dort wurde das auch emigrierte deutsche Genie Albert Einstein informiert, dessen unbestreitbare Autorität ausreichte, um Präsident Roosevelt zu alarmieren. Der gab sein Okay für eine einzigartige Anstrengung, um Hitler zuvorzukommen.

Wenige Monate nach dessen Selbstmord wurde die Bombe einsatzfähig. Wäre diese Reihenfolge umgekehrt gewesen, wäre die erste Bombe mit hoher Wahrscheinlichkeit über Berlin erprobt worden.

Vor 50 Jahren stellte die Sowjetunion atomare Interkontinentalraketen in Dienst, und die USA verloren ihre Unverwundbarkeit. Um sie wiederzugewinnen, starteten sie ein Programm, das bis heute diese Aufgabe nicht gelöst hat. Washington und Moskau gewannen die gesicherte Zweitschlagskapazität, also die Fähigkeit, sich gegenseitig umzubringen, egal wer anfängt. Sie lernten, dass gemeinsames Überleben über jedem ideologischen Interesse rangierte.

So unterschiedlich die Männer waren, die über den Einsatz ihrer Superwaffen entscheiden konnten, sie folgten den Gesetzen kühler Rationalität. Ihr System der gegenseitigen Abschreckung funktionierte.

Gleichberechtigung, die es nicht geben konnte

Nachdem Adenauer Atomwaffen als Weiterentwicklung der Artillerie bezeichnet hatte, wandten sich 18 Göttinger Wissenschaftler, darunter der Nobelpreisträger Otto Hahn, gegen Versuche der Regierung, die Bundeswehr atomar zu bewaffnen. Das Diktum General de Gaulles galt schon damals und gilt bis heute: Kein Staat teilt die Entscheidung über den Einsatz seiner Atomwaffe mit irgendeinem anderen, und sei es der beste Freund. Also wurde begonnen, eine Gleichberechtigung vorzutäuschen, die es nicht geben konnte.

In meinem Wahlkreis sah die so genannte Teilhabe so aus: In der Mitte lagen die Atomgranaten, gut bewacht von den Amerikanern vor den Deutschen, drumherum lagen die Deutschen und bewachten die Amerikaner. Von ihrer Feuerstellung nördlich des Nord-Ostsee-Kanals konnten die Geschütze gerade Lübeck und Hamburg erreichen. Natürlich blieben die Versuche des Bundeskanzlers Helmut Schmidt vergeblich, ob es ein deutsches Veto gegen ihren Einsatz geben konnte. Konsultationen wurden zugesagt, "falls es die Zeit erlaubt". Im Ernstfall, hatte Franz Josef Strauß gesagt, würde er befehlen, die Amerikaner zu überwältigen. Der Bundeskanzler hatte intern erklärt: Sein letzter Befehl an die Bundeswehr wäre Befehlsverweigerung gegen amerikanische Weisungen.

Atomwaffen - Ziele für Atomwaffen

Atomwaffen sind auch Ziele für Atomwaffen. Schweden hat deshalb, obwohl es über die technischen Fähigkeiten verfügte, auf die Herstellung der Bombe verzichtet. Für Deutschland kann man nicht von Verzicht sprechen. In Ost und West gab und gibt es die gemeinsame Auffassung, dass es keinen deutschen Fingernagel geben darf, der auch nur in die Nähe eines atomaren Startknopfs kommen darf. Was einige meiner Landsleute als "nukleare Teilhabe" immer noch bezeichnen, ist Selbstbetrug.

Die 20 Atombomben, die ein deutsches Luftwaffengeschwader befördern soll, sind ein Relikt aus dem Kalten Krieg. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie als Landsknechte der Luft amerikanischen Befehlen folgen, ohne dass die deutsche Regierung die Befehlsverweigerung übt.

Auch die Sorge, dass das Wissen um Herstellung der Bombe nicht in einer Truhe des Vergessens verschlossen werden kann, führte zu dem Konzept eines weltweiten Nichtverbreitungs-Vertrags. Seine Mitglieder sollten auf eigene Atomwaffen verzichten, die Kernenergie friedlich nutzen dürfen und erhielten das Versprechen der fünf Kernwaffenstaaten, nuklear abzurüsten. Dieses System ist in einen beunruhigenden Prozess der Erosion geraten.