Wehrpflicht für orthodoxe Juden in Israel Kluft zwischen Staat und Religion

Und über allem schwebt die Frage, wem ultra-orthodoxe Soldaten im Zweifelsfall folgen würden: dem vorgesetzten Offizier oder dem verehrten Rabbiner? Zwar gibt es bereits Freiwillige, die in einem eigenen Haredim-Bataillon dienen oder eine kombinierte Armeezeit aus Wehrdienst und Thorastudium ableisten. Doch viel mehr als 2000 Soldaten sind das nicht. Eine Zahl von etwa 60.000 Haredim jedoch, die derzeit in Religionsschulen eingeschrieben sind, würde zu einer Zweiteilung der Armee führen.

Dieser Streit berührt die Grundlagen des jüdischen Staates, und er befeuert den Konflikt zwischen den säkularen und den religiösen Kräften. Für dieses Wochenende planen die Befürworter einer Einberufung aller Wehrfähigen wieder einen Massenprotest in Tel Aviv. Und in der Jeschiwa Or Hachaim (Licht des Lebens) haben die Rabbiner alle 300 Schüler aufgerufen, nicht in die dreiwöchigen Sommerferien zu gehen, sondern weiter zu studieren und zu beten, auf dass der Herr ein Wunder geschehen und allen politischen Druck von ihnen abfallen lasse.

Schimon Cohen ist dem Ruf der Rabbis gefolgt und in der Jeschiwa geblieben. Er ist ein schüchtern lächelnder Junge, 16 Jahre alt und damit genau in jenem Alter, in dem junge Israelis erstmals erfasst werden für die Wehrdiensttauglichkeit. Er aber hat vor einem Jahr mit den Thorastudien begonnen. An die Armee möchte er keinen Gedanken verschwenden. "Ich mache, was der Rabbi mir sagt", erklärt er, "und der Rabbi sagt, wer den ganzen Tag lernt, soll nicht zum Militär gehen."

Verteidigungsminister Barak verlangt binnen 30 Tagen einen Plan

Die Rabbiner sind die treibenden Kräfte in diesem Abwehrkampf gegen die Armee, als ihr verlängerter Arm agieren die religiösen Parteien in Parlament und Regierung, die nicht nur Netanjahu unverhohlen mit Koalitionsbruch drohen, sondern gleich den Untergang an die Wand malen. "Das jüdische Volk hat 3300 Jahre überlebt, weil es die Thora studiert hat", sagt Rabbi Schimon Hurwitz aus Mea Schearim. "Vielleicht hat uns die Thora auch in den vergangenen 64 Jahren die Siege gebracht."

Zur Verteidigung des Landes gegen all die Feinde ringsum zählen für ihn die Gebete mindestens so viel wie die ausgeklügeltsten Waffensysteme. Die Entscheidung des Obersten Gerichts nennt er einen "fatalen Fehler". Denn die Richter hätten "die Bedeutung der jüdischen Moral nicht verstanden", die allein aus dem Gottes- und nicht aus dem Militärdienst erwachse, klagt er.

Die Fronten sind verhärtet, eine Lösung ist nicht in Sicht. Verteidigungsminister Ehud Barak hat in dieser Woche den Befehl gegeben, binnen 30 Tagen einen Plan vorzulegen, wo die Haredim sinnvoll im Wehrdienst eingesetzt werden könnten. Dies verschafft ihm vor allem Zeitgewinn. Das Parlament hat sich in die Sommerferien verabschiedet, wenn es im Herbst zurückkehrt, könnte gleich der Wahlkampf beginnen.

Derweil setzt Rabbi Hurwitz darauf, dass die Politiker zur höheren Einsicht gelangen. "Wenn die Säkularen denken, die Religiösen drücken sich und gehen den leichten Weg, warum kommen sie dann nicht auch in eine Jeschiwa und umgehen so die Armee?", fragt er. Die Antwort gibt er selbst: "Die größere Last", so sagt er, "liegt nämlich auf der religiösen Seite."