Die Menschheit ist so mit dem Kampf gegen die Wirtschaftskrise beschäftigt, dass sie die Klimakrise vergisst. Es gibt einen Ausweg aus beiden: eine grüne Revolution der Weltwirtschaft.
Wer an einem See sitzt und das Wasser betrachtet, der rechnet womöglich mit vielem, aber sicher nicht mit dem Vorbeiziehen eines schwarzen Schwans. So verhält es sich auch mit der aktuellen Krise: Wenn der schwarze Schwan das Symbol für das völlig Unerwartete ist, für das Unmögliche, das aber dann doch eintrifft und das Weltbild oder gar die Welt auf den Kopf stellt - dann wird es in diesem Jahr reichlich Anlässe geben, schwarzer Schwäne zu gedenken und sich auf die Ankunft weiterer vorzubereiten.
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Joschka Fischer, 61, (Bündnis90/Grüne) war Bundesaußenminister und Vizekanzler von 1998 bis 2005. Er schreibt exklusiv für Project Syndicate und die Süddeutsche Zeitung. (© Foto: dpa)
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So wird sich im November zum zwanzigsten Mal der Fall der Berliner Mauer jähren. In der Nacht des 9. November 1989 begann das Ende der Sowjetunion und ihres Imperiums - und damit auch der bipolaren Welt, die über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg Deutschland und Europa geteilt hatte.
Kaum jemand hatte zuvor dieses weltumstürzende Ereignis für möglich gehalten, und doch geschah es, quasi über Nacht. Nach dem Verschwinden der Sowjetunion und der bipolaren Weltordnung dominierte der damals siegreiche westliche Kapitalismus, angeführt von der alleinigen Weltmacht USA, unangefochten die globale Politik und noch mehr die globale Wirtschaft.
Die weltweite Durchsetzung des Marktprinzips, neue Dimensionen des Reichtums schienen Wirklichkeit zu werden, und nichts und niemand vermochte den globalen Siegeszug des westlichen Kapitalismus aufzuhalten - bis zu jenem 15. September 2008, dem Tag, an dem Lehman Brothers pleite ging und die Kernschmelze des Weltfinanzsystems begann.
Und während eine verstörte Welt noch versucht, die Konsequenzen dieses globalen Absturzes zu verstehen und dessen Folgen zu begrenzen, sind bereits die Schreie des nächsten schwarzen Schwanes zu vernehmen, der sich nähert - denn um nichts anderes handelt es sich bei der Weltklimakrise.
Es gehört wohl zum menschlichen Wesen, die Möglichkeiten großer Krisen zu verdrängen oder wenigstens zu verharmlosen. "Kann nicht sein" oder "Wird schon nicht so schlimm werden", so lauten jene beiden magischen Formeln, auf die wir uns in solchen Fällen zu verlassen pflegen.
Dabei kann den nächsten schwarzen Schwan bereits heute jeder sehen! Aber der Mensch ignoriert ihn, mag nicht glauben, dass sich auch dieser Schwan wirklich nähert. Obwohl die heute lebenden Generationen innerhalb von zwanzig Jahren mit zwei völlig unerwarteten Jahrhundertkrisen konfrontiert wurden, erlaubt sich die Menschheit, die bereits absehbare und in ihren Folgen noch weitaus schlimmere Klimakrise kollektiv zu verdrängen.
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@ s.kraut
Danke für die aufschlussreichen Infos. Da merke ich wieder, dass ich mich zu sehr aufs Prinzipielle und zu wenig auf politische Details konzentriere, die ebenso wichtig sind. Leider kann ich beim Vergleich PV / Solarthermik nicht fundiert mitreden. Allerdings von einer fachlich bewanderten Person gehört, dass PV durchaus ein lohnender Beitrag für einen zukünftigen Energiemix sei, und das deutsche Anreizprogramm nützlich gewesen sei bei der Ankurblung der Forschungsentwicklung.
"Ökologisch besorgte Menschen haben zur Zeit nicht so viel Grund, Optimismus zu Versprühen :D "
Das sehe ich genauso, und übrigens gehöre ich selbst zu diesen Menschen. Meine Bemerkung über die Rhetorik bezog sich auf die Art der Kommunikation, nicht auf den Diskussionsgegenstand. Ich denke, dass gerade bei einem so komplexen Thema eine emotionell aufgebrachte Kommunikation Wasser auf den Mühlen der Gegner ist, da sie sofort eine Angriffsfläche haben. Und das gängige Klischee des hysterisierenden Öko kommt sicher nicht von ungefähr.
Selbst die Klima-Erwärmungsskeptiker sollten sich überlegen, was wir morgen ohne Öl und Kohle noch machen können.....
@Parandro
"Emotionalität ist notwendig um Menschen zu bewegen, aber vielleicht würde für ökologisch besorgte Menschen eine optimistischere, weniger panische Rhetorik die Überzeugungsarbeit erleichtern. "
Ökologisch besorgte Menschen haben zur Zeit nicht so viel Grund, Optimismus zu Versprühen :D
Und nochwas, ich habe es zuerst auch im Spiegel überlesen, wurde aber in einer anderen Veröffentlichung darauf hingewiesen. Im Spiegel wird kund getan, dass die Solarenergie bald den Preis erreicht, den der Kunde für Konventionellen Strom inkl. Leitungsgebühren und Steuern zahlt. Das heisst nicht, dass der deutsche Solarstrom nach heutigen Marktbedingungen konkurenzfähig ist. Denn Steuern und Leitungsgebühren (inkl. Konzerngewinnen) werden auch hier zuaddiert.
Ich bin also nach wie vor der Ansicht, dass mit dem Etat was auf deutschen Dächern liegt eine Wertvolle Forschung hätte finanziert werden sollen, um morgen bessere und Konkurenzfähigere Solarmodule zu installieren. Gern auch statt in Deutschland jenseits der Alpen oder in Südfrankreich. Gern auch Solarthermische Kraftwerke statt der resourcenaufwändigen Photovoltaik.
Aber was die Rot-Grüne Regierung initiiert hat, war trotzdem besser, als was ihre Vorgängerregierung auf diesem Sektor getan hat. Schlicht "besser als nichts".
@Der Weisse Wal:
Ein gutes Bild mit der Sicherung und dem Elektriker.
Damit sich die Vernunft im Kollektiv der Industrienationen einen Weg bahnt, wäre es womöglich hilfreich, in der öffentlichen Wahrnehmungen Konsumentscheidungen als demokratische Prozesse zu werten. Konsumentscheidungen wie z.B. die Wahl des Energieversorgers, die Wahl der Urlaubsreise usw.
Dann wäre das Argument 'warum sollte ich anfangen, wenn doch mein Nachbar ..." der selben Ächtung ausgesetzt wie das Nicht-Wählen. Vielleicht hielte der Gedanke Einzug, dass wenn alle den Weg der Bequemlichkeit nehmen, bald gar nichts mehr läuft.
Dies käme übrigens nicht nur dem Klima zugute, sondern auch ganz unmittelbar den derzeitig Leidtragenden der Konsumwelt.
"Wie wirkt wohl folgender Satz auf einen Skeptiker: Experten halten die von Menschen freigesetzten Treibhausgase mit hoher Wahrscheinlichkeit für die Ursache des Klimawandels "
Yep, seriöse Experten (wie Mojib Latif) reden vorsichtshalber immer von "hoher Wahrscheinlichkeit" und nicht von "absoluter Sicherheit", schliesslich haben wir einen solchen Klimawandel noch nicht ausführlich auf einem anderen, von Menschen bewohnten Planeten untersuchen können ... ein kleines Fragezeichen bleibt immer.
Aber was ist schlimmer:a) Wir stellen uns mühsam um, hemmen das Wirtschaftswachstum, ändern unser privates Verhalten hin zu verantwortlichem Umgang mit Energie etc. ... und stellen dann irgendwann fest, dass alles unnötig war, weil es keine Auswirkung hat ?
Oder b) Wir machen weiter wie bisher... und stellen dann irgendwann fest, dass dadurch unser Lebensraum unwiderbringlich verloren ist, obwohl wir das hätten verhindern können ?
Selbst, wenn man nur an eine "geringe Wahrscheinlichkeit" glaubt, gebietet es die Logik, auf Nummer sicher zu gehen, solange wir noch können.
Ich schaue jedenfalls immer nach, ob die Sicherung draussen ist, bevor ich in die Steckdose greife. Und erst recht, wenn mir der Elektriker sagt, da ist "mit hoher Wahrscheinlichkeit" Strom drauf.
dww
Nachdem ich neulich in einem Park auf einem kleinen Weiher ein schwarzes Schwänepaar gesehen habe (und kein weißer Schwan weit und breit!), frage ich mich, wer für den grünen Wal namens Josef F. in diese löchrige Metapherntüte gelangt hat
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