Von Von Nico Fried

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat Entschädigungsforderungen deutscher Vertriebener an Polen abgelehnt. Schröder war als erster deutscher Regierungschef zu der Gedenkfeier für den Warschauer Aufstand eingeladen worden.

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat Deutsche und Polen aufgerufen, ihre Partnerschaft zu einem "Zukunftspakt" im vereinten Europa auszubauen. "Bessere Ehre können wir den Helden und Opfern des Warschauer Aufstands nicht erweisen", sagte Schröder bei einer Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag der Erhebung gegen die deutschen Besatzer in der polnischen Hauptstadt.

Gerhard Schröder verbeugt sich vor einer Gedenkstätte für die Warschauer Aufstände 1944. (© Foto: dpa)

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Die Versöhnung wirke noch heute wie ein Wunder. Deutlich lehnte Schröder sowohl Entschädigungsforderungen deutscher Vertriebener an Polen als auch Pläne für ein "nationales Zentrum gegen Vertreibungen" in Berlin ab. Der Kanzler gedachte als erster deutscher Regierungschef mit der polnischen Staatsführung der etwa 200 000 Opfer des Warschauer Aufstandes, der 1944 nach zwei Monaten von deutschen Soldaten und der SS niedergeschlagen worden war.

Leuchtendes Beispiel

"Wir beugen uns heute in Scham angesichts der Verbrechen der Nazi-Truppen", sagte Schröder am Sonntagabend. Unzählige polnische Frauen, Männer und Kinder seien ermordet oder in Lager und Zwangsarbeit verschleppt worden.

"An diesem Ort des polnischen Stolzes und der deutschen Schande hoffen wir auf Versöhnung und Frieden", sagte der Kanzler bei der Veranstaltung auf dem Platz der Warschauer Aufständischen, an der auch US-Außenminister Colin Powell teilnahm.

63 Tage lang hätten die Warschauer den deutschen Besatzern heroisch Widerstand geleistet und für die Freiheit und Würde Polens gekämpft. "Ihr Patriotismus steht als leuchtendes Beispiel in der Geschichte der polnischen Nation", sagte der Kanzler. Allerdings sei das Gedenken an die Aufständischen viele Jahrzehnte lang "von einer auswärtigen Macht" unterdrückt worden, sagte er, ohne die Sowjetunion zu nennen.

Er räumte aber ein, dass man auch in Deutschland lange nicht die Kraft zum Gedenken an die Opfer gefunden habe. "So wurden die Warschauer Aufständischen, die schon 1944 ohne Hilfe blieben, auch im Erinnern im Stich gelassen", sagte Schröder.

Die Versöhnung beider Staaten wirke wie ein Wunder angesichts der gemeinsamen Geschichte, "in der gerade Deutsche über Polen unendliches Leid gebracht haben", sagte der Kanzler. Diese Versöhnung sei "für uns Deutsche und für ganz Europa von ausschlaggebender Bedeutung, wie die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland". Polen und Deutschland seien heute "Freunde in einem geeinten Europa, das auf unsere enge Zusammenarbeit angewiesen ist."

"Wie Deutsche wissen sehr wohl, wer den Krieg angefangen hat"

Deutschland und Polen könnten miteinander Anstöße für eine gemeinsame Politik in der Europäischen Union entwickeln - "auch und gerade gegenüber unseren Nachbarn", sagte Schröder offenbar in Anspielung auf Russland. Der Kanzler mahnte, es gelte Versuchen entgegenzutreten, Geschichte um- oder fehlzudeuten. "Wir Deutschen wissen sehr wohl, wer den Krieg angefangen hat, und wer seine ersten Opfer waren."

Deshalb dürfe es heute keinen Raum mehr geben "für Restitutionsansprüche aus Deutschland, die die Geschichte auf den Kopf stellen". Mehrere Vertriebenen-Funktionäre wollen in einer Vereinigung namens "Preußische Treuhand" Entschädigungsansprüche geltend machen, was in Polen für Verärgerung gesorgt hat. Schröder wies auch die Pläne der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, zurück, in Berlin ein nationales Zentrum gegen Vertreibungen einzurichten.

Die Bundesregierung unterstütze stattdessen die Bemühungen um ein europäisches Netzwerk, wie es die Präsidenten beider Länder, Aleksander Kwasniewski und Horst Köhler, vorgeschlagen hatten. Am Nachmittag hatte Polens Ministerpräsident Marek Belka nach einem Gespräch mit Schröder in Anspielung auf die Forderungen der Vertriebenen von Problemen gesprochen, die aus der Vergangenheit kämen und für das deutsch-polnische Verhältnis "nicht förderlich" seien. Schröder sagte, seine Regierung werde solchen Ansprüchen entgegentreten und dies auch vor jedem internationalen Gericht deutlich machen.

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(SZ vom 2.8.2004)