Wahlprogramme in leichter Sprache Politik, plötzlich ganz einfach

Umständlich, abgehoben und viel zu lang - Wahlprogramme versteht üblicherweise kein Mensch. Am allerwenigsten jene mit Leseschwächen. SPD, Grüne und Linke haben ihre Programme deshalb für die Wahl in Berlin vereinfacht. Die konservativ-liberale Konkurrenz sieht keinen Grund nachzuziehen. Grund: Ihre Programme seien ohnehin verständlich. Ein Beispiel gefällig?

Von Andreas Nefzger

Die Politik, sagen viele, sei kompliziert. Politiker seien abgehoben, zu weit weg vom Bürger. Alleine wie sie reden, in verschwurbelten Schachtelsätzen, die kein Mensch versteht. Am allerwenigsten verstehen das diejenigen, die ohnehin Probleme haben, sich in der Welt zurechtzufinden - etwa Menschen mit Lernschwäche oder geistiger Behinderung.

Wahlprogramm der Berliner Grünen "in leichter Sprache": Extragroße Schrift, Comics, kein philosophisch-moralischer Überbau.

(Foto: Screenshot)

Für sie haben SPD, Grüne und Linke vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses deshalb ein Programm "in leichter Sprache" veröffentlicht, sozusagen das Kondensat dessen, was üblicherweise aufgebläht und umständlich präsentiert wird. Die Hauptstadt-Grünen begründen den Schritt auf ihrer Internetseite damit, dass ihr Programm "wirklich für jede und jeden lesbar wird". Und eine Sprecherin der SPD sagt: "Es muss im Interesse der Parteien liegen, dass alle Menschen Zugang zu ihrem Programm haben."

Was auffällt: "Leichte Sprache" bedeutet auch "kurze Sprache". So passen die Kernbotschaften des eigentlich 60 Seiten starken sozialdemokratischen Manifests auf 22 luftig bedruckte Seiten. Vom Programm der Linken gibt es eine "leichte" Version auf acht sowie eine längere, ebenfalls äußerst luftige Fassung auf 64 Seiten; das leicht verständliche Manifest der Grünen hat 78 Seiten.

Auf störende Satzzeichen verzichtet

Alle verzichten auf einen philosophisch-moralischen Überbau, alle benutzen eine extragroße Schrift, alle sind mit Comics angereichert. Und plötzlich ist Politik ganz einfach. Die Linke möchte, dass die "Wohnungs-Unternehmen von der Stadt gute Wohnungen vermieten" sollen, und dort sollte die Miete "nicht so teuer sein".

Formuliert sind die Programme in einfachen Hauptsätzen und ohne Fremdwörter. Im normalen Wahlprogramms schreiben etwa die Grünen: "Ressourcen- und Energieeffizienz ist ein Schlüssel für Wettbewerbsfähigkeit." In leichter Sprache heißt das: "Grüne Industrie kann bei Energie und Material sehr viel sparen." Aus Gründen der Verständlichkeit wurde mitunter auch auf vermeintliche störende Satzzeichen verzichtet. "Ein Mensch der arbeitet soll genug Zeit für die Familie haben", ohne Kommata, steht im Programm der SPD.

Programme im Praxistest

Die leicht verständlichen Programme für die Berliner Wahl hat, im Auftrag der Parteien, das Nueva-Ausbildungsprogramm der Lebenshilfe Berlin erstellt. Das Projekt bereitet eigentlich geistig behinderte und lernschwache Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt vor. Nun übertrugen die Mitarbeiter die Parteiprogramme mit externer Hilfe in eine leicht zu verstehende Sprache und machten anschließend mit ihren Auszubildenden den Praxistest: Was diese nicht verstanden, wurde neu formuliert.

Manchen mag das Ergebnis infantil erscheinen, doch die Programme seien für die Zielgruppe bedeutend, sagt Projektleiterin Janna Harms. "Diese Menschen haben wie jeder andere das Recht, sich politisch zu informieren", sagt sie und verweist auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Was über traditionelle Kanäle gesendet oder geschrieben werde, könnten ihre Auszubildenden häufig schlicht nicht verstehen.

CDU und FDP ließen ihre Programme nicht übersetzen. Diese seien ohnehin verständlich geschrieben, hieß es aus beiden Parteien. Ein Beispiel? Wenn die FDP kritisiert, dass die Berliner Müllabfuhr keine Konkurrenz hat, liest sich das so: "Eine transparente Preisbildung im Wettbewerb ist jeder Rechtsvorschrift zur Gebührenkalkulation überlegen."