Wahlkreis-Atlas Wo die Normalwähler wohnen

So sieht also der Durchschnitt aus. Die Stadt Annweiler am Trifels hat 2009 genau so gewählt wie ganz Deutschland. Wer die Menschen dort versteht, versteht das Wahlvolk, oder? Zu Besuch in einer Kleinstadt, die auch im Hobbykeller von Horst Seehofer stehen könnte.

Von Michael König, Annweiler am Trifels

Deutschland liegt in der Südpfalz. Umgeben von Bäumen, durchquert von einem Bach, überragt von einer Burg. Deutschland hat ein Freibad mit 27 Grad Wassertemperatur. Am Kiosk gibt es Bockwurst. Die Plastikmöbel waren mal weiß.

Deutschland hat einen Marktplatz, auf dem Ballspielen verboten ist. Ein Friseurladen heißt "Der Friseur", eine Praxis für Krankengymnastik heißt "Die Wirbelsäule". Der örtliche Metzger wirbt mit dem Slogan: "Geschmackvoll, anders."

Deutschlands bekanntester Sohn ist ein Schlagersänger, der einen roten Cowboy-Hut trägt. Zu ihm später mehr. Er schreibt Autogramme und sagt über seine Heimat: "Das ist die Stelle, an der Gott die Erde geküsst hat."

Deutschland heißt eigentlich Annweiler am Trifels und ist eine Stadt mit knapp 7000 Einwohnern. Fahrrad-Touristen und Wanderer kommen hierher, Meinungsforscher und Parteistrategen sind bislang nicht gesichtet worden. Dabei liegt hier womöglich der Schlüssel zur Bundestagswahl 2013.

SZ.de hat die Ergebnisse der Wahl 2009 ausgewertet und den Wahlkreis Südpfalz als den durchschnittlichsten Deutschlands ausgemacht. Nur um 0,5 Prozentpunkte weichen hier die Zweitstimmenresultate der fünf großen Parteien im Median vom Bundesergebnis ab.

Innerhalb des Wahlkreises war die Verbandsgemeinde Annweiler am Trifels so nah dran wie keine andere. Die Wähler gaben der SPD 22,8 Prozent und lagen damit beinahe punktgenau auf dem desaströsen Wert der Genossen im Bund. Dort waren es 23 Prozent. Auch bei den Grünen - 10,5 Prozent in Annweiler, 10,7 Prozent im Bund - waren die Menschen in der Südpfalz ganz nah dran, näher als viele Meinungsforscher.

Annweiler am Trifels, das Miniatur-Deutschland. Auf der Terrasse eines Gasthofes im Zentrum sitzt Bürgermeister Thomas Wollenweber und verzieht das Gesicht. Die ganze Sache ist ihm nicht geheuer. Sein Städtchen, das durchschnittlichste Deutschlands?

Annweiler hat eine Grund-, Real-, Förder-, eine berufsbildende Schule und ein Gymnasium. Ein kommunales Krankenhaus, das schwarze Zahlen schreibt. Eine Stadthalle aus den dreißiger Jahren, kürzlich für acht Millionen Euro saniert, mit einem bunten Kulturprogramm. Ein kleines 3D-Kino, das aktuelle Hollywood-Filme zeigt, an sieben Tagen pro Woche. Ein beheiztes Freibad mit Blick auf die Burg Trifels, mit Beachvolleyballfeld, Rutsche, Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken.

Annweiler sieht aus wie der Traum eines Modelleisenbahners, es könnte genau so im Keller von Horst Seehofer stehen. Ist das der Grund, warum die Mehrheit Schwarz-Gelb gewählt hat? Und wer kommt hier auf die Idee, die Linke zu wählen?

"Gute Frage", sagt Wollenweber und lacht. Er lacht überhaupt viel, dabei ist sein Job kein dankbarer. Tagsüber arbeitet er im Landesbildungsministerium in Mainz, das ist sein Hauptberuf. Nach Feierabend kümmert sich um die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft, Forstgesellschaft, Stadtwerke, Bücherei und Bauhof und bekommt dafür nicht mehr als eine Aufwandsentschädigung. Er ist Chef von 70 Bediensteten - als Ehrenamtlicher. Damit ist er ist Leidtragender eines verwaltungsrechtlichen Schildbürgerstreichs, der außer ihm noch etwa ein Dutzend andere Bürgermeister in Rheinland-Pfalz betrifft.

Wie Wollenweber sind viele Annweilrer Pendler. Er nennt seine Stadt eine "Bettenburg für viele Unternehmen außen rum." Er meint das nicht abwertend, er pendelt ja selbst. Im Ort selbst gibt es eine Kartonfabrik und eine Firma für Messgeräte. Die Eurokrise sei zwar spürbar, Fachkräftemangel sei ein Thema. Aber: "Wir haben nahezu Vollbeschäftigung."

Ist das die Erklärung für das Wahlergebnis 2009? Deutschland, eine Bettenburg inmitten der europäischen Krise, aber daheim, da ist es schön?