Wahlkreis-Atlas Merkels einsamster Kämpfer

Anderswo wäre er Favorit, hier ist er für viele ein Feindbild: Götz Müller kandidiert im traditionell linken Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost für die CDU. Es ist ein mühsamer Kampf. Gegen Intoleranz gegenüber Konservativen, gegen wütende Frauen und gegen Hans-Christian Ströbele, den Liebling der Massen.

Von Michael König, Berlin

"Hau ab!", haben sie ihm zugerufen, als er zum Plakatekleben kam. "Falscher Kiez!" Auf Götz Müllers Stirn treten Falten hervor, als er davon erzählt. Er will sich einen Zigarillo anzünden, Marke "Al Capone" mit Cognac-Geschmack, aber das Feuerzeug ist kaputt. Die Kellnerin hilft aus. Müller gibt ihr zum Dank einen Kugelschreiber aus seiner Wahlkampf-Kollektion. Sie schaut ihn an und fragt: "Oh, Sie sind von der CDU?" Müller nickt. Die Kellnerin versucht ein Lächeln.

Von der CDU zu sein, das ist für Politiker in weiten Teilen Deutschlands ein Vorteil. CDU-Kandidaten haben gute Chancen, mit der Erststimme in den Bundestag gewählt zu werden. 2009 gewann die Union die mit Abstand meisten Direktmandate, 173 an der Zahl, mehr als alle anderen Parteien zusammen. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe erinnert dieser Tage häufig daran, wenn er über den Wahlkampf spricht. Er nennt es eine Stärke seiner Partei.

An Götz Müller denkt Gröhe dabei vermutlich nicht. Der Verwaltungsbeamte, 46 Jahre alt, Vater zweier Söhne, ist Direktkandidat in Berlin, genauer: in Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost. Ein Wahlkreis, anders als die anderen. Nirgendwo war der Abstand zum Bundesergebnis so groß wie hier. Wenn in der Südpfalz die durchschnittlichsten Wähler der Republik leben, dann sind es im Berliner Osten die extremsten.

Volkspartei sind hier die Grünen, die 2009 mit 27,4 Prozent der Zweistimmen die Mehrheit holten. Gefolgt von den Linken (25 Prozent) und der SPD (20,2). Die CDU kam mit 11,9 Prozent nur auf Platz vier. Noch deutlicher war es bei den Erststimmen: 46,7 Prozent für Hans-Christian Ströbele von den Grünen, als einziger Vertreter zum dritten Mal in Folge als einziger Vertreter seiner Partei direkt in den Bundestag gewählt.

Für die CDU kandidierte 2009 Vera Lengsfeld, eine ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Auf ihren Plakaten posierte sie neben Angela Merkel, beide in tief ausgeschnittenen Kleidern, dazu der Slogan: "Wir haben mehr zu bieten". Das Ergebnis: 11,6 Prozent für Lengsfeld.

Müller will es besser machen. Er will dem 74 Jahre alten Ströbele das Mandat streitig machen, obwohl das eine Sensation wäre, wie er selber sagt. Obwohl es ein Kampf mit ungleichen Waffen ist.

Ströbele ist momentan häufig im Fernsehen, er gibt Interviews für Zeitungen und Online-Medien. Seine Stimme klingt heiser am Telefon, er kann die Nummern der Journalisten nicht mehr auseinanderhalten, die mit ihm über die Internet-Überwachung der Briten und Amerikaner reden wollen. Ströbele ist Experte auf diesem Gebiet, er gehört dem Parlamentarischen Kontrollgremium zur Kontrolle der Nachrichtendienste an.

Götz Müller ist Fraktionschef der Union in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg. Er verweist gerne auf seinen Online-Auftritt. Bei Facebook hat er 71 Fans. Ströbele mehr als 6000.

"Ich bin konservativ im besten Sinne"

Die Grünen haben ihren Kandidaten auf 3700 Plakate gedruckt, einmal klassisch im Porträt, einmal als Comic-Zeichnung. Von Müller gibt es 1300 Plakate und nur ein Motiv: Müller im schwarzen Sakko, weißes Hemd, keine Krawatte. Die grauen Haare ordentlich gescheitelt. Das Parteilogo rechts unten.

Er will seriös wirken, Extravaganzen sind Müller fremd. Von den Zigarillos vielleicht abgesehen. Und von seinem Handy-Klingelton. Der geht so: "Halloooo, Guten Mooooorgen, Deutschland. Ich wünsch dir einen guuuuuten Tag."