Wahlkreis-Atlas Der braune Fleck verschwindet

"Wir sind fit fürs Reich" - Auftritte mit solchen T-Shirts gehören in der Sächsischen Schweiz der Vergangenheit an. Die NPD kämpft in ihrer Hochburg ums Überleben. Da, wo angeblich der Hass wohnen soll, haben sich Bürgermeister und Initiativen zusammengetan und die Partei zurückgedrängt.

Eine Reportage von Antonie Rietzschel, Sächsische Schweiz

Die NPD war mal wieder die Erste. Bereits Mitte August hat sie in der Sächsischen Schweiz großflächig plakatiert. Ob links oder rechts der Elbe, überall wurden die Plakate um Laternenmasten geschnürt. Sie tragen die Slogans "Natürlich deutsch" oder "Grenzkriminalität stoppen" und hängen so weit oben, dass es schon eine sehr lange Leiter braucht, um sie herunterzuholen.

Die Flut der Plakate soll dem Vorbeifahrenden vorgaukeln, was längst nicht mehr ist. Zwar ist die Sächsische Schweiz immer noch NPD-Hochburg - zur Bundestagswahl 2009 erzielte sie hier bundesweit die höchsten Wahlergebnisse, bei Kommunalwahlen erreichte die NPD teilweise mehr als 20 Prozent. Aber die Partei hat schon vor Jahren ihren Einfluss in der Region verloren.

"Der Schwung ist raus", sagt Olaf Ehlrich. Er ist ehrenamtlicher Bürgermeister von Reinhardtsdorf-Schöna. Während der vergangenen Wahlen konnte die NPD hier die meisten Stimmen holen. 2008 wählte jeder Vierte der 1400 Einwohner die rechtsextreme Partei. Drei NPD-Anhänger sitzen im Gemeinderat. Reinhardtsdorf-Schöna hat das den Ruf gekostet. "Ich erschoss einen Faschisten in Schöna", singt die Band Tomte. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung ließ schon 2006 für eine Geschichte über No-Go-Areas eines der Fachwerkhäuser im Ort fotografieren. Spießbürgerliche Dorfidylle, verbunden mit der Zeile "Hier wohnt der Hass".

Ehrlich haben diese Schlagzeilen "fuchsig" gemacht. Vor sieben Jahren war er mit dem Versprechen angetreten, anders als sein Vorgänger klare Kante gegen die NPD zu zeigen. "Das hier ist mein Heimatdorf. Es gefällt mir nicht, wenn die geballte Weltpresse über uns herfällt", sagt er und klingt immer noch empört. Der 45-Jährige sitzt im leeren Schankraum seines Gasthauses. Erst zur Mittagszeit trudeln hungrige Wanderer aus Richtung Zirkelstein ein. Der Sandsteinfels liegt wie der Kopf eines Riesen mitten in der Landschaft.

Öffentliche Auftritte der NPD gibt es nicht mehr. Im Gemeinderat verhalten sie sich ruhig. Doch für Ehrlich wählen immer noch zu viele im Ort NPD. "Es gibt immer Leute, die zum Beispiel wegen der Eurokrise frustriert sind. Die sehen dann die NPD-Plakate und wählen die", sagt er und zuckt mit den Schultern. "Das ist so", wiederholt Ehrlich immer wieder, als müsse er sich selbst ins Gedächtnis rufen, dass er bestimmte Dinge nicht ändern kann.

Ehrlich liebt sein Dorf - wegziehen kam für ihn nie in Frage. Deswegen setzt er sich ein.

Doch was soll er gegen Michael Jacobi, seinen Sohn Matthias und Mario Viehrig machen? Sie sitzen für die NPD im Gemeinderat und sind wie der Bürgermeister Alteingesessene. Der Installateur Michael Jacobi hat bei den meisten Anwohnern die Heizung eingebaut. Wenn jemand im Ort Geburtstag hat, kommt er mit einem Blumenstrauß vorbei. Mario Viehrig ist Mitbegründer des Heimatvereins. Das sind im Ort die Identifikationsfiguren der NPD und Gift für Ehrlichs Bemühungen. Die seien doch nett, muss er sich immer wieder anhören. Manche befürchteten, der Jacobi würde ihnen nicht mehr mit der Heizung helfen, wenn sie nicht entsprechend wählen. "So funktioniert halt ein kleines Dorf", sagt Ehrlich.