Von Susanne Höll, Hamburg

Von Horoskopen und Nächten ohne Schlaf: Frank-Walter Steinmeier und die SPD starten in Hamburg locker in den Wahlkampf. Doch der Versuch zu menscheln scheitert.

Der stuckverzierte Börsensaal in der Hamburger Handelskammer aus dem 19. Jahrhundert dient oft als Kulisse für Modenschauen, Gala-Essen und Konzerte. Parteitreffen sind hier eher selten. Gerade deshalb lud die SPD am Freitagabend in die Halle ein, zum Auftakt einer neuen Vorwahlkampfkampagne namens "Das neue Jahrzehnt".

Frank-Walter Steinmeier in Hamburg. (© Foto: dpa)

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In drei Dutzend Städten und an eher ungewöhnlichen Orten in der gesamten Republik wollen die Sozialdemokraten bis in die Osterzeit für sich werben, nicht nur bei eingeschriebenen Mitgliedern, sondern in der ganzen Bevölkerung.

Lockere Begegnungen sollten es sein, hatte es in den vergangenen Wochen geheißen, man suche den Dialog mit den Menschen. Der erste, der diesen Dialog suchte, war Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier.

Gut 500 Hamburger waren in den Börsensaal gekommen, viele von ihnen Mitglieder oder zumindest Anhänger der SPD. Ihnen sollte nicht nur der Vizekanzler, Außenminister und Herausforderer näher gebracht werden, sondern, wie Moderator und Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye sagte, auch "der Mensch Frank-Walter Steinmeier, der Gefühle hat und Vorstellungskraft".

Doch die nächste Stunde lang erlebten die Gäste erst einmal den Politiker Steinmeier. Eigentlich hätte er nur etwa 30 Minuten sprechen sollen, das zumindest hatten seine Mitarbeiter vorher angekündigt. Doch Steinmeier gehört zur Gattung jener Redner, die gern und umfassend informieren, sich und die Zuhörer aber dabei zum Ende hin im Detail gelegentlich verlieren.

Kurz und relativ knapp beschrieb der Kandidat seine Vorstellungen vom anstehenden Wahlkampf in Krisenzeiten ("keine Mätzchen"), versprach, die SPD wolle dafür sorgen, dass in den nächsten Jahren nicht der "ausgestreckte Ellenbogen", sondern die "ausgestreckte Hand" das Zusammenleben beherrschen solle und hielt sich ansonsten mit Verheißungen zurück. Teuere Wahlversprechen werde es nicht geben, dafür sei schließlich kein Geld mehr da.

Lieber wieder Geschäftliches

Wer wollte, konnte in solchen Äußerungen einen Seitenhieb auf die Union und die FDP erkennen. Ansonsten aber vermied Steinmeier Angriffe auf die CDU/CSU und seine Konkurrentin, Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sachlich, kompetent, zuverlässig und bedacht, so präsentierte sich der Kandidat.

Nach gut 40 Minuten widmete sich Steinmeier noch den Themen Energie und Klimaschutz ("Wir lassen uns von der neuen Debatte über Atomkraft nicht beeindrucken"), Arbeitslosigkeit ("Kann im nächsten Jahrzehnt beseitigt werden"), dem Schicksal Alleinerziehender, Rentner und Pensionäre und der Schulpolitik ("Da müssen wir neu justieren").

Herzlichem Applaus sollte die Vorstellung des Menschen Steinmeiers folgen - eingeleitet von Heye, der Geburtstag (5. Januar 1956), Geburtsort (Detmold) und Sternzeichen (Steinbock) aufzählte. Ob er Horoskope lese, fragte Heye. "Nie", antwortete der Mensch Steinmeier. Man erfuhr, dass die Leute aus Steinmeiers ostwestfälischer Heimat als stur, bodenständig und sparsam gelten und dass ein Außenminister und Vizekanzler gelegentlich unter Schlafmangel leidet. Darüber hinaus mag oder kann der Kandidat in öffentlichen Auftritten nicht sonderlich menscheln.

Statt über sich selbst sprach er dann bald wieder über Geschäftliches: das deutsche Konjunkturpaket, US-Präsident Barack Obama, harte und weiche Macht in der internationalen Politik und 90 Jahre Frauenwahlrecht. Heyes Schlusswort: "Es ist klar, warum Frank-Walter Steinmeier Bundeskanzler werden will."

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(sueddeutsche.de/sonn)