Wahlkampf: NPD-Comics Knallbunt und krachdumm

Die NPD versucht mit antidemokratischen Tiercomics bei Schülern auf Stimmenfang zu gehen - die Moral darin ist so aggressiv, wie die Reime falsch sind.

Von Alexander Kissler

Die Einsicht, dass Kitsch immer politisch ist, bewahrheitet sich auch hier: Was ist von einem Comic aus der Welt der Hühner, Enten und Gänse zu erwarten, der anhebt mit dem schiefen Bild vom Wassertropfen, der "im Tau zergeht und rasch zu Staub zerfällt"? Welche Botschaft trägt eine Bilderfolge, deren Texte vor unreinen Reimen, stolpernden Rhythmen und falschen Begriffen strotzen?

"Faschist" reimt sich hier auf "versiehst", Klarheit "atmet" man, eine Schlägerei ist ein "Kampfgerenke". Erzählt aber wird auf 28 bunten Seiten die Geschichte einer Verschwörung: Kriminelle Hühner unterjochen die Welt, die dummen Enten fliehen, die tapferen Gänse sterben den Heldentod.

Neue Wege im Wahlkampf will die NPD beschreiten. Zum, wie es im Begleitschreiben heißt, "Start einer ganzen politischen Comicreihe" wird in einer Auflage von 30.000 Stück "Enten gegen Hühner" kostenlos unter Jugendlichen verteilt.

Texter und Zeichner bleiben anonym, allein der Bundesvorsitzende der "Jungen Nationaldemokraten" ist mit Foto und Name vertreten. Er erhofft sich vom Comic einen gesamtdeutschen "Ruck", einen Aufstand wider die "Herrschenden". Angepriesen wird die laut Untertitel "fabelhafte Geschichte von Intrige, Propaganda und Zerstörung" mit den mittlerweile üblichen Epitheta rechtsextremer Bauernfängerei: Politisch unkorrekt sei das Heft, eine Provokation, frisch und frech, der Auftakt zur antibürgerlichen "Comicoffensive an den Schulhöfen".

Fabeln, die sich den Anschein einer überzeitlichen Moral geben wollen, haben oft eine zyklische Grundstruktur. "Enten gegen Hühner" beginnt und endet mit einem Idyll. Im Teich schwimmen friedlich Enten, die Sonne scheint, grün sind die Wiesen, grün die Bäume, leuchtend rot die Dächer von Erpelstadt. Es sei ein "Paradies auf Erden" gewesen, damals, "in einem freien Land, fern unserer Zeit". Die Enten nämlich und nur die Enten lebten dort, teilten, was sie hatten, und jeder hatte genug. Dann aber geschieht, was die Einleitung holprig in Reime rafft: "Die Hühner, als Gäste sie kamen, um sich damit als Räuber zu tarnen. / Erst einmal im Entenland drin, hatten die Hühner kein Benimm."

Kein Schmähwort ist derb genug für das "gemeine Federvieh", die "Hühnerpest", das "Hühnerpack", das "Lumpengesindel", die "fremde Plage", die sich mitleidheischend Zutritt verschaffte - "Der böse Fuchs, so klagten sie, habe sie vertrieben" - und alsbald die Herrschaft erringt. Der "Überschuss ihrer Lenden" mache es möglich; Hühner also und damit die "Fremden" haben eine höhere Fertilitätsquote. Und dann folgt das ganze rhetorische Arsenal aus der Spätzeit der Weimarer Republik, als Nationalbolschewisten und völkische Revolutionäre gegen die liberale Demokratie agitierten. In deren düsterer Traditionsspur bewegen sich die Texter und Zeichner schlingernd. Weder ein eigenes Idiom noch eine eigene Bildlichkeit nennen sie ihr eigen. Zusammengeklaubt ist alles.

Mal bedient man sich beim Lutherdeutsch, mal bei der "Internationalen", die zur "Hühnerkampfbrigade" umgebildet wird, dann wabert es plötzlich wagnerianisch - "Zu den Waffen, Schwäne von Brabant!". Selbst die Lüge, mit der Hitler den Überfall auf Polen bemäntelte, gibt eine Spottvorlage ab. Die Hühner wollen den Widerstand gegen ihre Regentschaft mittels Propaganda kleinhalten. In einer Redaktionsstube lautet darum die Devise, "seit heut früh wird zurückgeschrieben".

Was ist nun das Schlimme, das mit den Hühnern über die schöne Entenwelt hereinbrach, was das Gute, das sie zertraten? Manichäisch scharf geschieden wird hier jede Tat, jedes Motiv, wie das Licht von der Nacht; auch insofern hält die extreme Rechte von heute den Republikverächtern der dreißiger Jahre die Treue. Die Fremdherrschaft der Hühner lässt demnach die Kriminalität ansteigen, fördert erhöhten Drogenkonsum, die Homosexualität und vollendet die Anbetung des Geldes. Die "alte Sitte" und der "alte Brauch" müssen weichen. Die solchermaßen durch eine neue Pädagogik und durch neue Gesetze, kulminierend in der "Hühner-Anti-Diskriminierungs-Klausel", verführten, durch Stimmenkauf entrechteten Enten sind zeichnerisch der Punk- und Autonomenszene nachempfunden. Der Irokesenschnitt reüssiert. Tiefdunkles Rot und schlammiges Grün sollen die "neue, bunte Kultur" als Ausgeburt der Hölle kenntlich machen.

"Enten gegen Hühner"

Antikapitalistisch ist der ganze Comic "Enten gegen Hühner", ebenso antichristlich, antiamerikanisch und antidemokratisch. Die blaue Fahne der Vereinten Nationen wird zum Globus auf blauem Grund verfremdet, den eine Hühnerkralle umgreift. Nur Hühner haben Rederecht - schließlich imaginiert "Enten gegen Hühner" eine "neue Weltordnung". Nach Erpelstadt fielen Gansfeld sowie Schwanhausen den Hühnern zum Opfer. Auch dort unterjochten oder töteten sie die Einheimischen: "Das fette Huhn kann nur noch grinsen, / seine Macht steigt mit den Zinsen."

Der vorläufige Endpunkt, die Versklavung aller rechtschaffenen Enten, soll jene Mittel rechtfertigen, die als legitime Reaktionsweisen propagiert werden, den Hass und den Straßenkampf. Eine Ente begehrt auf, "ich hasse euch und euer Geschwätz vom ewigen Integrieren", und wird - in Märtyrerpose gefällt sich der Nationalist - prompt von Richter Huhn verurteilt. Die Schwäne unterdessen organisieren im Nachbarland den Widerstand, indem sie den Hühnern tüchtig auf die Schnäbel geben: "Die Straße schallt vom Kampfgerenke, / die Hühner beugen sich unserem ‚Argumente‘."

Das eben ist die aggressive Moral der Bilderfibel für Schülerhände: Schlagt zu, wenn "die Fremden" euch bedrängen, verjagt sie und verschließt die Tore, damit die Heimat wieder wird wie in fernen Zeiten, ein Paradies, in dem "Korn und Stroh" geteilt werden. "Folgt fremden Vögeln nicht", steht auf der letzten Seite. So knallbunt und krachdumm diese Aufforderung zur Absonderung auch daherkommt - sollte man sie als konkrete Handlungsanweisung verstehen, dann wäre sie womöglich doch, was ein Schildchen im Impressum ebenso ausschließt wie herbeisehnt: ein Fall für die Gerichte. Ein "Musterverfahren durch alle Instanzen", lesen wir da, scheuten die Urheber nicht.