Wahlkampf in Thüringen Althaus auf Mitleidstour

Personality-Show à la Althaus: Thüringens Ministerpräsident scheint nicht davor zurückzuschrecken, den Tod der Skifahrerin auszuschlachten.

Ein Kommentar von Christiane Kohl

Wahlkämpfe werden nicht mit politischen Sachthemen gewonnen. Entscheidend ist zumeist die allgemeine Stimmungslage. Das ist keine neue Erfahrung. Schon Willy Brandt wurde anno 1972 mit seiner SPD und dem Slogan "mehr Demokratie wagen" auf einer Welle der Sympathie zum Wahlerfolg getragen.

Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) rettete sich im Jahr der Wiedervereinigung 1990 nur Dank des Vertrauensvorschusses der einheitsseligen Wähler aus der früheren DDR vor dem drohenden Machtverlust. Doch was derzeit in Thüringen zu beobachten ist, zeigt eine neue Dimension der Emotionalisierung, die zugleich eine bedenkliche Entpolitisierung mit sich bringt.

Da reist der amtierende Ministerpräsident Dieter Althaus durchs Land und geht mit seinem persönlichen Schicksal hausieren. Im Kampf um seine Wiederwahl gibt der CDU-Politiker den Empfindsamen und Geläuterten. Er erzählt von der neu entdeckten Liebe zu seiner Ehefrau und davon, wie er durch sein schweres Skiunglück am Neujahrstag menschlich gereift sei.

Der Unfall sei für ihn "ein Schub für mehr Sensibilität" gewesen, erklärt Althaus, der zuvor erschreckend emotionslos mit dem Geschehen umgegangen war. Bei so viel gefühlsduseliger Nabelschau darf vielleicht kurz daran erinnert werden, was eigentlich geschah an jenem Neujahrstag: Dieter Althaus war auf offener Piste mit einer Skifahrerin zusammengestoßen, die tödlich verletzt wurde. Die Frau hinterließ ein gerade ein Jahr altes, heute mutterloses Kind; Althaus wurde wegen fahrlässiger Tötung rechtskräftig verurteilt, da ein österreichisches Gericht es als erwiesen ansah, dass er den Unfall ausgelöst hatte.

Zur Klarstellung: Es war ein tragisches Unglück auch für Althaus, ein Moment der Unachtsamkeit mit fatalen Folgen, der auch anderen Menschen hätte passieren können - Althaus ist insofern nur begrenzt ein Vorwurf daraus zu machen. Die Gegenkandidaten aus SPD und Linkspartei, Christoph Matschie und Bodo Ramelow, haben daher recht daran getan, den Unfall nicht im Landtagswahlkampf zu thematisieren.

Umso schwerer wiegt es jedoch, dass Althaus dies nun selber tut und sich dabei auch noch zum Opfer stilisiert. Statt über politische Themen zu streiten, hat er sich auf die Mitleidstour begeben. Und er scheint nicht einmal davor zurückzuschrecken, den Tod der Skifahrerin auszuschlachten. Warum sonst plaudert der Christdemokrat wohl ständig darüber, dass er angeblich täglich für die Tote betet?

Selbst wenn dies so wäre: Es geht niemanden etwas an. Und so verstößt die Art, wie Althaus die Folgen des Skiunfalls für seinen persönlichen Wahlkampf missbraucht, letztlich auch gegen wichtige Spielregeln der Demokratie. Da verschwimmen die Grenzen zwischen Politik und Privatleben, mangels politischer Sachthemen werden die Menschen mit Gefühligkeiten abgespeist. So wird Politik zur Personality-Show degradiert, bei der Inhalte keine Rolle mehr spielen.