Wahlen in Indien gehen zu Ende Diese Demokratie lebt

Gestützt auf ein junges Mädchen verlässt eine ältere Wählerin das Wahllokal in Kolkata (Kalkutta).

(Foto: dpa)

Heute gehen in Indien die Unterhauswahlen zu Ende - eine fünf Wochen dauernde Mammutoperation, bei der mehr als 800 Millionen Menschen aufgerufen waren, ihre Stimme abzugeben. Die meisten sind dem nachgekommen. Wahlmüdigkeit ist in Indien dieser Tage ein Fremdwort.

Von Arne Perras, Mirzapur

Der hagere Mann ist noch flink auf den Beinen. Erst als er näher kommt und die Abendsonne in sein zerfurchtes Gesicht scheint, ahnt man, dass er ein langes, entbehrungsreiches Leben hinter sich haben muss. Badri Prasad Maurya ist achtzig Jahre alt. Aber in diesem Moment, da die Kundgebung auf dem großen Feld gerade zu Ende gegangen ist, lacht er wie ein kleiner Junge.

"Natürlich gehe ich am Montag zur Wahl", sagt er, "ich weiß, was meine Stimme wert ist." Als junger Mann hat der Inder das Wählen manchmal verpasst, weil er weit weg von seinem Heimatort gearbeitet hat. Aber seit den Siebzigerjahren habe er keine Wahl mehr versäumt, versichert der alte Mann aus dem Dorf Purjagir. Gerade kommt er von einer Rede des Kandidaten Narendra Modi. Der Hindu-Nationalist führt die Opposition in Indien und will der regierenden Kongresspartei die Macht entreißen.

An diesem Montag ist der letzte Abstimmungstag, fünf Wochen liefen die Wahlen zum indischen Unterhaus. Männer wie Maurya zeigen, dass diese Demokratie lebt. Von einem mustergültigen System kann zwar keine Rede sein. Aber was Indiens Demokratie stark macht, ist der ungebrochene Wille seiner Bewohner, mitzureden. Sie reden offen und halten mit Kritik nicht hinterm Berg. Es ist eine Gesellschaft, in der leidenschaftlich gestritten und diskutiert wird.

Wahlkampfreden im Schlüsselstaat

Allerdings sind indische Politiker auch seit Langem daran gewöhnt, Wahlgeschenke aller Art zu verteilen, um sich Stimmen zu sichern. Maurya sagt, dass schon viele an seine Tür geklopft hätten, um ihm vor der Wahl ein paar Almosen zuzustecken. Darauf sei er aber nie hereingefallen, behauptet er stolz. Und das will er auch jetzt nicht.

Früher hat er öfter für die Kongresspartei gestimmt. Er erinnert sich, dass er einst besonders von Premierministerin Indira Gandhi beeindruckt war, die später von ihren Leibwächtern ermordet wurde. Aber jetzt? "Die bringen nichts mehr zustande im Kongress", klagt er. Also wird er sich diesmal anders entscheiden. Maurya will noch einmal ein Zeichen setzen, für den Wandel: "Meine Stimme wird zählen, auch wenn ich nur ein einfacher Bauer bin."

Begegnungen dieser Art sind gar nicht selten in diesen Tagen im Bundesstaat Uttar Pradesh, einem dicht besiedelten Schlüsselstaat, der von allen heftig umkämpft wird, die an die Macht wollen. Modi hat hier seine letzten lautstarken Wahlkampfreden gehalten, und auch Rahul Gandhi von der Kongresspartei hat am Samstag noch einmal Flagge gezeigt. Er rollte im Wagenkonvoi durch Varanasi, die heilige Stadt, um seinen Widersachern, den Hindu-Nationalisten von der Bharatiya Janata-Partei (BJP), die Stirn zu bieten.