Wahlen in Großbritannien Nehmt die Jungen ernst!

Junge Labour-Aktivisten bei einer Wahlkampfveranstaltung im schottischen Edinburgh.

(Foto: AFP)
  • Im Wahlkampf der britischen Parteien spielen junge Menschen kaum eine Rolle. Das liegt an der traditionell niedrigen Wahlbeteiligung der jungen Generation.
  • Dabei könnten die 3,3 Millionen Erstwähler durchaus entscheidenden Einfluss auf das Ergebnis der anstehenden Unterhauswahl haben.
  • Labour versucht, mit einer "Jugend-Strategie" Prioritäten für junge Menschen auszumachen. Doch Umfragen zeigen, dass junge Menschen sich für dieselben Themen interessieren wie andere Wählerschichten.
Von Mathew Shearman, London

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Kooperation "Mein Europa" von Süddeutsche.de mit dem Projekt FutureLab Europe der Körber-Stiftung.

3,3 Millionen Erstwähler - ein wichtiges Klientel

Die Briten wählen ein neues Unterhaus - und der Ausgang dürfte denkbar knapp ausfallen. Die 3,3 Millionen Erstwähler wären in diesem Zusammenhang ein wichtiges Wählerklientel, wenn man sie irgendwie zur Urne bewegen könnte.

Viele junge Briten scheinen sich nicht viel daraus zu machen, an der Bildung eines politisch fragmentierten Parlaments mitzuwirken. Bei der vergangenen Wahl lag die Beteiligung der jungen Menschen weit unter dem landesweiten Durchschnitt von 65 Prozent.

Ähnlich niedrig dürfte sie an diesem Donnerstag ausfallen. Daran wird auch die neue politische Dynamik, die durch die kleinen Parteien entsteht, nichts ändern: die Grünen, die Unabhängigkeitspartei (UKIP) und die schottische Nationalpartei (SNP) könnten zum "Königsmacher" der nächsten Koalitionsregierung werden.

Vorwurf: "Generationendiebstahl"

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Die traditionell niedrige Wahlbeteiligung der jungen Menschen hat dazu geführt, dass diese Generation in den politischen Überlegungen der Parteien an Relevanz eingebüßt hat. Die Parteien hofieren eher ältere Wähler. Den konservativen Tories wurde sogar "Generationendiebstahl" vorgeworfen, nachdem sie den vergangenen Haushalt genutzt hatten, eine neue Anleihe für Über-65-Jährige zu schaffen. Dem Steuerzahler entstanden dadurch hohe Kosten. Die Angebote für die jüngeren Wähler sind weniger großzügig: die Fortzahlung der Ausbildungsförderung wurde mit Kürzungen an der Arbeitslosenunterstützung für junge Menschen gegengerechnet.

Labour versucht, junge Wähler mit Themen anzusprechen, die als "jugendlich" gelten. Zum Beispiel die Zusicherung eines Ausbildungsplatzes für alle Schulabgänger, die Senkung des Wahlalters und die Reduzierung von Studiengebühren. Diese Strategie greift Ergebnisse einer Studie auf, wonach Ausbildung und die Senkung von Ausbildungskosten zu den Prioritäten von Jugendlichen gehören.

Wahlentscheidende Themen für junge Wähler

Doch tatsächlich dürften diese Themen für junge Wähler nicht wahlentscheidend sein. In einer jüngsten Umfrage waren nur 26 Prozent der Ansicht, dass die Senkung von Studiengebühren ein wichtiges Wahlkampfthema ist. Genau wie für andere Wähler sind andere Themen entscheidend: Der Nationale Gesundheitsdienst NHS, ein geringerer Preisanstieg für Alltagsgüter und die Kontrolle der Zuwanderung.

Die überzeugende Bearbeitung eines breiten politischen Themenspektrums dürfte also wichtiger sein als maßgeschneiderte Kampagnen. Nichtregierungsorganisationen berücksichtigen dies in Projekten wie "Bite the Ballot", eine unparteiische Kampagne, die die Bedeutung der Politik für das Leben junger Menschen betont.

Weniger wahlentscheidend als vermutet ist die Frage des Verhältnisses zu Europa. Allerdings könnten junge Wähler in einem möglichen Referendum über die EU-Mitgliedschaft im Jahr 2017 den Ausschlag geben, ob Großbritannien Mitglied der Europäischen Union bleibt. In einer Umfrage gaben 67 Prozent der Erstwähler an, dass sie für einen Verbleib in der EU stimmen würden. Nigel Farage von der UKIP ist der Umfrage zufolge der Parteichef mit der geringsten Unterstützung.

Warum UKIP den Jungwählern misstraut

Die jungen Wähler sind statistisch gesehen eher liberal und sie stehen der Europäischen Union wohlwollend gegenüber. Sollten jüngste Vorschläge über eine Absenkung des Wahlalters vorangetrieben werden, wovon nicht auszugehen ist, würde der Einfluss der jüngeren Generation auf ein Referendum noch steigen. Kein Wunder, dass UKIP diesen Vorschlag ablehnt und den Mythos verbreitet, dass Kinder durch "EU-Propaganda" einer Gehirnwäsche unterzogen werden würden. Die Europaskeptiker dürften sich darum sorgen, dass junge Wähler das Pendel eher in Richtung Verbleib in der Europäischen Union bewegen könnten.

Die Sicherung der Stimmen junger Wähler bei der nächsten Wahl und ein eventuelles Referendum stellen das politische System vor Herausforderungen. Veränderungen im Wahlsystem und die Einführung von Online-Abstimmungen könnten dazu beitragen, Barrieren zu beseitigen. Zusammen mit direkteren Methoden der Ansprache im Wahlkampf wie etwa Online-Videos und soziale Medien könnte dies dazu führen, dass die politische Bedeutung junger Wähler in zukünftigen Wahlen steigt.

Warum junge Menschen wählen sollten

Der britische Comedian und Teilzeit-Revolutionär Russell Brand hat mit seinem Aufruf für Furore gesorgt, wonach junge Menschen im Mai nicht zur Wahl gehen sollten. Das System könne nicht durch eine Wahl revolutioniert werden, so die Argumentation des bekennenden Nichtwählers im Gespräch mit Jeremy Paxman (siehe Video).

Das kann jedoch nicht die Antwort auf politische Unzufriedenheit sein. Verweigern junge Wähler die Stimmabgabe bei der Wahl 2015, wird der Einfluss älterer und eher konservativerer Wähler unverhältnismäßig steigen. Die jungen Menschen sollten wählen, damit die Parteien ihre Stimme ernst nehmen.