Wahlanalyse Ostdeutsch, männlich, unzufrieden

Drei von fünf AfD-Wählern stimmten nicht etwa für die Partei, weil sie Programm und Personal überzeugt. Sie taten es, weil sie enttäuscht sind von den anderen Politikern und von Kanzlerin Merkel genug haben.

Von Jan Bielicki

Wirtschaftlich bewerten die Bundesbürger ihre eigene wie auch die allgemeine Lage so gut wie nie. Und auch regiert fühlte sich eine große Mehrheit von ihnen in den vergangenen zwölf Jahren bestens von Angela Merkel, so jedenfalls sagt die Forschungsgruppe Wahlen in einer ersten Analyse des Wahlergebnisses. Demnach bescheinigten 73 Prozent der Deutschen der Kanzlerin gute Arbeit. Damit habe die CDU/CSU auch weiter von der Arbeit und Reputation ihrer Kanzlerin profitiert, die in einem global fragilen Umfeld Stabilität und Führungsstärke vermittle, so die Analyse der Wahlforscher.

37 Prozent der Befragten bezweifeln, dass Deutschland die Flüchtlinge verkraften kann

Das erklärt, warum die Union trotz großer Verluste weit vor der SPD liegt und die Kanzlerin weit vor ihrem sozialdemokratischen Herausforderer Martin Schulz. 57 Prozent der Deutschen sehen lieber Merkel im Kanzleramt regieren. Sie gilt als sympathischer, glaubwürdiger und vor allem kompetenter. Für 59 Prozent der Befragten kann Merkel, nur für zehn Prozent Schulz "Deutschland eher durch unsichere Zeiten führen".

Nur haben jedoch sowohl Merkels Union wie Schulz' SPD verloren. Und das könnte daran liegen, dass die Wahlforscher trotz der wirtschaftlichen Lage eine eben nicht nur positive Grundstimmung bei einem erheblichen Teil der Wähler erkannt haben. Das Unbehagen fokussiert sich auf das Phänomen, das die Legislaturperiode bestimmt hat wie kein anderes: die Flüchtlinge. 37 Prozent der Befragten bezweifelten, dass Deutschland die vielen Flüchtlinge verkraftet. 42 Prozent kritisierten Merkels Flüchtlingspolitik. Und davon hat vor allem eine Partei profitiert: In der AfD sammelten sich diejenigen, die mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung nicht einverstanden sind. Der AfD sei es gelungen, so die Analyse der Forschungsgruppe, Protest, Sorgen und Unzufriedenheit einer Wählergruppe zu binden, die "ein erheblich gewachsenes Wohlstandsgefälle sowie eine schlechte Zukunftsvorbereitung Deutschlands reklamiert". Von der eigenen Klientel hoch geschätzt, ist die AfD jedoch in der Sicht aller befragten Bürger offenbar weit nach rechts außen gerückt. Ihr Imagewert stürzte zuletzt auf miserable minus 2,8.

Wie wichtig war das Thema Familie bei der Stimmabgabe? Die Wahlbeteiligung ist stark gestiegen, hier ein Wahllokal in Berlin.

(Foto: Jens Schlueter/Getty Images)

Woher aber kommen die Wähler der AfD? Geografisch betrachtet erreichen die Rechtspopulisten ihre größten Stimmanteile in Ostdeutschland: In den fünf Ostländern und in Ostberlin wurde die AfD zweitstärkste Partei nach der CDU und vor der Linken. In Sachsen lieferte sie sich am Wahlabend mit den Christdemokraten sogar ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Rang der stärksten Kraft im Land und lag nach Auszählung fast aller Wahlbezirke kurz vor Mitternacht knapp vorn. Laut einer Analyse von Infratest-dimap schöpfte die AfD ihre Zugewinne vor allem aus dem Reservoir bisheriger Nichtwähler: Demnach stimmten 1,2 Millionen Bürger für die Rechtspopulisten, die am Wahlsonntag vor vier Jahren daheim geblieben waren. Aber auch mehr als eine Million Wähler, die ihre Stimmen 2013 noch der Union gegeben hatten, wechselten diesmal zur AfD. Jeweils eine halbe Million der AfD-Wähler hatten vor vier Jahren noch SPD beziehungsweise die Linken gewählt.

Und warum stimmten sie für die Rechtspopulisten? Drei von fünf der AfD-Wähler taten es jedenfalls nicht, weil Auftritt, Personal und Programm der Partei ihrer Wahl sie überzeugte, sondern weil sie, wie sie den Befragern von Infratest-dimap sagten, enttäuscht waren von den anderen Parteien. Extrem kritisch zeigten sich die befragten Wähler der Rechtspopulisten gegenüber der CDU und der Kanzlerin: 89 Prozent von ihnen meinten, die CDU habe die Sorgen der Bürger nicht ernst genommen. Fast ebenso viele unterstützten den Satz: Zwölf Jahre Merkel sind genug.

Umgekehrt gab nur knapp jeder dritte AfD-Wähler an, auch vom AfD-Programm überzeugt zu sein. Zwei von fünf AfD-Wählern bemängelten, die Partei distanziere sich nicht genug von rechtsextremen Positionen. Bezeichnend waren auch die Unterschiede im Wahlverhalten von Frauen und Männern. So stimmten laut der Analyse der Forschungsgruppe Wahlen 37 Prozent aller Wählerinnen für die Union, aber nur 30 Prozent der männlichen Wähler. Umgekehrt war die AfD bei Männern, von denen sie 16 Prozent erreichte, fast doppelt so stark wie bei Frauen, bei denen sie nur auf neun Prozent kam. Unter ostdeutschen Männern wurde die AfD sogar stärkste Partei vor der CDU. 26 Prozent der männlichen Wähler im Osten votierten Infratest-dimap zufolge für die Rechtspopulisten.