Irans geistlicher Führer Chamenei verspricht die Präsidentschaftswahl zu überprüfen. Das klingt nach einem Erfolg für die Opposition. Doch das könnte täuschen.
Nach drei Tagen der Demonstrationen, der Krawalle und der Gewalt auf Teherans Straßen gab Ayatollah Ali Chamenei nach: Er forderte den "Wächterrat" auf, das umstrittene Ergebnis der iranischen Präsidentschaftswahl "eingehend zu überprüfen".
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Nach drei Tagen mit Krawallen und Gewalt auf Teherans Straßen, lässt Ayatollah Ali Chamenei die Wahl überprüfen. (© Foto: dpa)
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Chamenei fügte hinzu: "Diese Frage muss auf rechtmäßigem Weg geklärt werden." Der Geistliche Führer, in Iran fast allmächtig, reagierte damit auf die Straßenschlachten zwischen der Polizei und den Demonstranten, die immer wieder das Wort "Wahlbetrug" skandierten.
Offenbar hat auch ein Brief Wirkung gezeigt, den der bei der Wahl angeblich unterlegene Oppositionskandidat Mir Hussein Mussawi geschrieben hat. Mussawi, der sich inzwischen mit Ayatollah Chamenei getroffen haben soll, erhebt den Vorwurf massiver Wahlfälschungen. Er sieht "die Säulen der Islamischen Republik durch Betrug und Diktatur" gefährdet.
Das bringt Chamenei in eine schwierige Lage: Denn er hatte den Wahlsieg des alten und neuen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bereits anerkannt. Aber Chamenei muss nun fürchten, dass die vorerst vor allem auf die iranische Hauptstadt begrenzte Revolte sich auf andere Landesteile ausweiten könnte.
Das Einlenken des Geistlichen Führers klingt nach einem Erfolg der Opposition. Doch das könnte täuschen: Möglicherweise spielt Chamenei, der sich schon vor der Wahl indirekt für Achmadinedschad ausgesprochen hatte, einfach nur auf Zeit. Der Wächterrat hat nun zehn Tage, sein Urteil zu fällen.
Offen ist, ob Mussawi seine protestierenden Anhänger für diesen Zeitraum auf der Straße halten kann - und ob es ihm dabei gleichzeitig gelingt, die frustrierten Wähler von jeglicher Gewalt abzuhalten. Chamenei hat Mussawi bereits gewarnt: Es gehe darum, "jede Eskalation zu vermeiden und mit Würde zu handeln".
Das könnte angesichts der jüngsten Bilder von den Straßenschlachten in der Hauptstadt schwierig werden. So begannen die Protestierenden am Montagnachmittag einen Marsch durch Teheran - und das, obwohl das Innenministerium die Demonstration verboten und Mussawi seine Anhänger zum Verzicht aufgefordert hatte.
Die Wahrscheinlichkeit, dass der gelegentlich mit einem "iranischen Politbüro" verglichene Wächterrat das Wahlergebnis nach Ablauf der Zehn-Tages-Frist grundsätzlich in Frage stellt, ist allerdings gering. Der Opposition dürfte es zudem schwer fallen, Verstöße wasserdicht zu belegen. Ihre Wahlbeobachter hatten Medienberichten zufolge keinen ungehinderten Zugang zu den Wahlbüros. Das Innenministerium hingegen, das die Präsidentschaftswahl überwacht hat, untersteht einem Ahmadinedschad nahestehenden Politiker: Alle Wahlunterlagen sind in der Hand des Innenministeriums.
Und der Wächterrat ist dem Revolutionsführer institutionell verbunden. Der Rat ist ein Verfassungsorgan, das westlichen Demokratien unbekannt ist. Das von Ayatollah Ruhollah Chomeini nach der Revolution von 1979 eingeführte Regierungssystem der Islamischen Republik ähnelt nur auf den ersten Blick dem westlichen Staatsmodell. Es sieht einen direkt gewählten Präsidenten vor, ein Parlament und eine formal unabhängige Justiz.
Chomeinis "Wächterschaft des Rechtsgelehrten" unterscheidet sich aber in einem zentralen Punkt: Über der klassischen Triade aus Legislative, Exekutive und Judikative steht der "Oberste geistliche Führer". Dieser Revolutionsführer wird von einem Kreis religiöser Würdenträger bestimmt. Er hat das letzte Wort in allen entscheidenden Fragen. Als Kontrollorgane sind ihm mehrere "Räte" beigeordnet; und deren Mitglieder werden teilweise direkt vom Revolutionsführer bestallt.
Die Räte kontrollieren, ob die Politik mit den islamischen Prinzipen übereinstimmt. So überprüft der Wächterrat, ob die Gesetzgebung des Parlaments gegen islamisches Recht verstößt. Der mit sechs Geistlichen und sechs Rechtsgelehrten besetzte Rat entscheidet auch über die Zulassung von Präsidentschaftskandidaten. Und er hat die Oberaufsicht über die Wahlen.
Allerdings sprechen zahlreiche Indizien für starke Unregelmäßigkeiten bei den Präsidentschaftswahlen. Westliche Medien und iranische Blogger hatten berichtet, dass der Internet- und Mobiltelefonverkehr am Wahltag kaum noch funktioniert habe - die Opposition wollte die Überwachung der Wahl mit E-Mails und SMS-Botschaften organisieren.
Außerdem gab es nicht genug Wahlzettel in einzelnen Wahllokalen. Und das, obwohl angesichts der absehbaren Rekordwahlbeteiligung eigens mehrere Millionen zusätzlicher Wahlzettel gedruckt worden waren. Iran-Experten weisen zudem darauf hin, dass die veröffentlichten Zahlen so kaum stimmen können: Der Amtsinhaber soll fast doppelt so viel Stimmen bekommen haben wie die drei Oppositionskandidaten zusammen.
Auch wenn der Rückhalt für den sich bei jeder Gelegenheit auf die Islamische Revolution berufenden Präsidenten weit größer ist als aus westlicher Sicht nachvollziehbar: Ahmadinedschad hat Gegner auch in der schiitischen Geistlichkeit, im eigenen konservativen Lager und unter den einflussreichen Geschäftsleuten.
Die Mittelschicht und Teile der Jugend tendieren ohnehin zu den als "Reformern" betitelten Oppositionspolitikern. Hinzu kommt die ethnische Zusammensetzung: Fast 45 Prozent der Iraner gehören ethnischen Minderheiten an.
Oppositionskandidat Mussawi entstammt der aserbeidschanischen Bevölkerungsgruppe, sein Mitbewerber Mehdi Karrubi ist ein Lore. Und die ethnischen Minderheiten dürften kaum so geschlossen für den persischstämmigen Amtsinhaber Ahmadinedschad gestimmt haben, wie es die offiziellen Ergebnisse nahe legen. Indizien allein aber werden den Wächterrat kaum überzeugen, die Opposition braucht Fakten.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 16.06.2009/blg)
Da ich die entsprechenden Postings, auf die Sie anspielen nicht gelesen habe, kann ich dazu nichts sagen. In der Provinz Teheran hat Ahmadinedschad allerdings laut veröffentlichten Zahlen gewonnen (im gegensatz zur Stadt selbst). Das bleibt gelinde gesagt eine Überraschung.
Was Sie schreiben ist alles richtig. Aber bedeutetd as automatisch, dass man nichts mehr im Iran kritisieren darf? Die fas.chistoide Religionspolitik z.B.?
Der iran von heute hat außerdem in seiner Politik mit dem in den 180 Jahren davor ja nunmal auch nicht so wahnsinnig viel zu tun.
In den arabischen Monarchien wie Saudi-Arabien und den arabischen "Demokratien" wie Aegypten, wo die Wahl eindeutig eine Farce ist, regen sich sich die wenigsten ueber diesen Zustand auf...und wieso?
Weil dort prowestliche Unterdrueckerregime an der Macht sind...ob jemand Menschenrechte achtet oder nicht, interessiert immer erst dann wenn er nicht prowestlich ist.
Wenn im Iran eine prowestliche Diktatur herrschen wuerde, wuerde Frau Merkel und Co. beruhigt schlafen koennen...
Achja, uebrigens, der Iran hat seit 200 Jahren keinen Krieg mehr begonnen, im Gegensatz zu unseren ach so vorbildhaften westlichen Demokratien, die im selben Zeitraum Millionen von Menschen umgebracht haben, wenn es ihren Zielen dienlich war.
Auch wenn es manche so darstellen wollen, der Iran ist keine Bedrohung fuer unsere Welt, wohl aber....hmmm, es ist so deutlich, ich muss diesen Satz gar nicht zu Ende fuehren.
Alles Gute,
euer Kommentat0r
"Was wollen Sie denn mit dem Link auf die staatliche iranische Presseagentur beweisen? "
Ein paar der wilden Behauptungen hier widerlegen.
Man hat hier im Forum gestern behauptet, dass die Behörden A. als Sieger in Teheran bezeichnet hätten und dies sei ein eindeutiges Zeichen für einen Betrug. Die offiziellen Wahlergebnisse lauten: "In the cities of Tehran and Shemiranat, Moussavi beat Ahmadinejad with 2,166,245 votes to 1,809,855 and 200,931 to 102,433 votes respectively. "
Dieses Argument ist also für den Müll!
Ein Forist schrieb, dass die Behörden behaupteten, A. hätte in Aserbeidschan gewonnen. Dies sei völlig unwahrscheinlich und die Wahl deshalb Betrug. Die offiziellen Wahlergebnisse lauten jedoch.: "West-Azerbaijan Province
Total votes: 1,334,356
Mahmoud Ahmadinejad: 623,946
Mehdi Karroubi: 21,609
Mohsen Rezaei: 12,199
Mir-Hossein Moussavi: 656,508
Spoiled ballots: 20,094
Mir-Hossein Moussavi won over Mahmoud Ahmadinejad in the cities of Oshnavieh with 12,690 to 8,967, Bukan with 35,833 to 16,481, Piranshahr with 24,486 to 11,270, Sardasht with 18,654 to 16,737, Salmas with 47,276 to 43,652, Showt with 13,872 to 11,130, Mako with 28,451 to 13,884; Mahabad with 38,579 to 19,999, Miandoab with 55,739 to 55,575 and Naghadeh with 32,415 to 26,419. "
Ein anderen Forist sieht Betrug als gegeben, weil die offiziellen Wahlergebnisse angeblich zu schnell veröffentlich wurden. Sie wurden aber erst am Samstag verkündet. Dass Mussawi sich bereits 20 Minuten nach Ende der Wahl zum Sieger erklärte, stört hingegen komischerweise niemanden.
Langsam frage ich wirklich, ob Sie das alles ernst meinen. Was wollen Sie denn mit dem Link auf die staatliche iranische Presseagentur beweisen?
Paging