Deutsche Wahlkämpfer kommen im Netz bislang nicht an. Warum das so ist, erklärt der langjährige CDU-Stratege Peter Radunski.
Peter Radunski, 70, war einst Bundesgeschäftsführer der CDU und Senator in Berlin und ist heute als Politikberater aktiv. Als Senior Advisor hat er zusammen mit der Agentur Publicis Consultants Deutschland den Wahlradar entworfen. Auf www.wahlradar.de kann man erstmals verfolgen, wie stark und in welchem Umfeld politische Themen und Personen im Internet diskutiert werden. Radunski hat sich intensiv mit Wahlkämpfen in Frankreich und den USA beschäftigt und in der Vergangenheit schon mehrere Wahlkämpfe für die CDU konzipiert und geleitet.
Bild vergrößern
Für den Wahlkampfexperten Peter Radunski wissen die Parteien das enorme Potenzial des Internets noch nicht zu nutzen. (© Foto: oh)
Anzeige
sueddeutsche.de: Herr Radunski, im Internet kann man bei Ihnen auf "wahlradar.de" sehen, dass deutsche Spitzenpolitiker im Web kaum wahrgenommen werden. Kommen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier mit ihrem Gruscheln, Bloggen und Podcasten im Netz nicht an?
Peter Radunski: Die politische Nutzung des Internets ist noch sehr entwicklungsbedürftig. Da kann man noch viel mehr machen. Man muss aber auch beachten, dass ganz unterschiedliche Nutzergruppen im Internet existieren - und gerade bei den jungen Usern kann man feststellen, dass zum Beispiel Nichtregierungsorganisationen, soziale Netzwerke, aber eben auch Parteien wie Grüne und FDP auf größeres Interesse stoßen.
sueddeutsche.de: Und was ist mit den Berliner Regierungsparteien?
Radunski: Nicht jede Partei ist gleich internetaffin mit ihrem Wahlkampf. Für SPD, CDU und die Linke ist es schwieriger Relevanz zu erzielen - weil der Anteil an internetaffinen Nutzern geringer ist.
sueddeutsche.de: Gerade die Grünen und die FDP werden vermutlich eine entscheidende Rolle spielen bei der Regierungsbildung.
Radunski: Ja, die beiden Parteien, die entscheiden könnten, welche Koalition regiert, sind auch diejenigen, die am wirkungsvollsten im Internet agieren. Insofern könnte das Internet eine erhebliche Rolle im Wahlkampf spielen - die dann rückwirkend festzustellen wäre.
sueddeutsche.de: Wie zufrieden sind Sie bislang mit den Internetaktivitäten der Parteien und ihrer Spitzenkandidaten?
Radunski: Der Punkt ist, dass man offensichtlich keinen integrierten Wahlkampf führt - wie so oft, wenn neue Medien kommen. Man setzt bislang die Medien nicht gleichmäßig und adäquat für die eigenen Botschaften und Personen ein. Man hat das Gefühl, da sitzt irgendwo eine eigene, separate Internetabteilung.
sueddeutsche.de: Ein Versäumnis?
Radunski: Die Parteien haben vor allem die Chance, neue Kreise - vor allem die Jugend - für Politik zu interessieren, indem sie entsprechende Angebote machen. Aber da wundere ich mich, zum Beispiel über die Partei der Grünen. Die scheint da noch echte Probleme zu haben. Da ist mir zu viel Establishment drin.
sueddeutsche.de: Was könnten die Grünen, die mal gegen das Establishment waren, besser machen?
Radunski: Ich würde den Parteien raten, noch ordentlich qualitativ und inhaltlich zuzulegen. Vor allem sollten sie durch Spielformate und Dialog den User-Generated-Content, also den auf den Benutzer abgestimmten Inhalt, besser zur Sprache kommen lassen.
sueddeutsche.de: Was heißt das konkret?
Radunski: Es gibt zwei Gesetze, wenn ich Internet-Wahlkampf mache: Das erste ist der "Click to do". Wer mich anklickt, der muss eine Aufgabe bekommen. Bei Barack Obama war das: Spende mir 5 Dollar, lies den Artikel oder geh zum Obama-Treffen in deiner Nähe. Der zweite Punkt, der unabdingbar ist für jedes Medium: "Be first to know." Du musst als Erster über etwas informiert werden, was du woanders nicht bekommst.
sueddeutsche.de: Was können die deutschen Kandidaten von Barack Obama lernen? Er gilt als Vorreiter des Internet-Wahlkampfes.
Radunski: Obama hat viele neue, neugierige und politikferne Menschen angesprochen, indem sie das erste Mal ihre Meinung sagen konnten. Auch bei uns müssen Parteiführungen wirklich den Mut haben, die Leine ganz weit locker zu lassen. Im Rahmen ihrer Web-Aktivitäten sollten sie die Menschen zu Wort kommen und ihre Meinungen sagen lassen.
sueddeutsche.de: Das könnte manchen Politiker aber auch verängstigen, oder?
Radunski: Ja, ich gebe zu: Als alter Wahlkämpfer kann ich mir vorstellen, dass meine Kollegen deshalb ganz nervös werden. Durch diese Art von Wahlkampf gibt man ja Kontrolle ab. Das ist das, was man bei Obama "organisation without organisations" - also Organisation ohne Organisationen - genannt hat.
Ein Beispiel: Barack Obama ist in eine amerikanische Kleinstadt gekommen und man hat ihm ein Wahl-Hauptquartier gezeigt, von dem er und sein Team überhaupt nichts wussten. Das haben die Anhänger dort völlig selbstständig gemacht.
sueddeutsche.de: Das wäre in Deutschland undenkbar.
Radunski: Klar, die demokratische Kultur ist in den USA viel ausgeprägter. "Ich muss mitmachen, ich kann was sagen, ich bewirke was" - das steckt in dem Amerikaner viel mehr drin als in uns Europäern.
sueddeutsche.de: Also kann man das Prinzip Obama gar nicht auf den deutschen Wahlkampf übertragen?
Radunski: Nein, nicht eins zu eins. Die Technik ist das eine - aber Charisma, Botschaft und Spannung sind das andere. In den USA hatte man eine Gegenbewegung. "Change" konnte man nur nach der Ära Bush sagen. Steinmeier und Merkel aber können ja jetzt nicht zum radikalen Wandel aufrufen - nachdem sie als Kanzlerin und Vize-Kanzler regiert haben.
sueddeutsche.de: Es hat den Anschein, dass der amerikanische Wahlkampf viel inhaltlicher geführt wurde als der deutsche. Die Internetauftritte der deutschen Kanzlerkandidaten wirken sehr inhaltsleer.
Radunski: Zuerst muss der Politiker eine inhaltlich gute Rede halten, dann kann ich im Internet etwas dazu vertreiben. Dann kann ich User-Generated-Content auf die Rede beziehen. Dann wird auch interessant, wer diskutiert was mit wem. Und das wird alles nur dann interessant, wenn die Politik als solche interessant ist. Das Internet ist ein emotionales Medium. Wenn in der Politik keine Emotionen vermittelt werden, dann läuft es nicht.
(sueddeutsche.de/jja)
- Europawahl Willkommen in der virtuellen Basisdemokratie 04.05.2009
- Wahlkampf im Internet Lass dich gruscheln, Angela! 30.04.2009
- StudiVZ "100 Prozent datenschutzkonform" 18.02.2008
- Die Probleme der Blogger Zehn Thesen, warum deutsche Blogs nicht funktionieren 07.05.2009
- "Gut so, schlecht so" Linke auf YouTube - ein Schirm wird kommen 08.05.2009
New Yorker Bürgermeister will Soft-Drinks verbieten