Wahl in Großbritannien Corbyn: Der Krieg gegen den Terror funktioniert nicht

Labour-Chef Jeremy Corbyn bei seiner Wahlkampfrede am Freitag.

(Foto: AP)
  • Vier Tage nach dem Anschlag von Manchester wird in Großbritannien der Wahlkampf fortgesetzt.
  • Die Briten wählen am 8. Juni ein neues Parlament, in jüngsten Umfragen ist der Vorsprung der konservativen Partei von Premierministerin May geschrumpft.
  • Oppositionsführer Jeremy Corbyn spricht in seiner ersten Rede nach dem Anschlag unter anderem über Versäumnisse in der britischen Außenpolitik.
Von Matthias Kolb, London

Es ist eine schwierige Herausforderung für Politiker, nach einer nationalen Tragödie wieder Wahlkampf zu führen und über Gegensätze und Alternativen zu sprechen. Der erste Auftritt des britischen Labour-Chefs Jeremy Corbyn nach dem Anschlag von Manchester macht dies deutlich. Bevor er ans Rednerpult tritt, wird eine Schweigeminute abgehalten, um der 22 Toten und Dutzenden Verletzten samt ihren Angehörigen zu gedenken.

Während Theresa May am G-7-Gipfel in Italien teilnimmt, werden neue Umfragewerte bekannt - und die werden der Premierministerin nicht gefallen. In der YouGov-Erhebung von Mittwoch und Donnerstag beträgt der Vorsprung der Konservativen auf Labour nur noch fünf Prozent. Als May im April die Neuwahl ausrief, lagen die Tories noch 24 Punkte vorn. Seit der Altlinke Jeremy Corbyn 2015 zum Parteichef gewählt wurde, stand Labour nicht mehr so gut da.

Corbyn, der an diesem Freitag seinen 68. Geburtstag feiert, steht bei seiner Rede vor einem Balanceakt. Und der gelingt ihm recht gut. Großbritannien sei weiter "vereint im Schock", sagt er. Dann erzählt er ausführlich von der bewegenden Trauerfeier am Albert Square, wo Tausende Bürger von Manchester ein Zeichen der "Liebe und Solidarität und des Trotzes" gesendet hätten.

"Es ist unser Mitgefühl, das das Großbritannien ausmacht, das ich liebe", sagt Corbyn. Den Terroristen werde es niemals gelingen, die britische Gesellschaft zu spalten. Er betont, dass der Mann, der "ein Blutbad in Manchester angerichtet und viele junge Menschen und vor allem Mädchen attackiert" habe, kein Stellvertreter für Muslime gewesen sei. Schließlich werde der Mann, der vor einem knappen Jahr die Labour-Abgeordnete Jo Cox ermordet hatte, auch nicht als Repräsentant aller Briten angesehen.

Das sind wichtige Worte. Aber natürlich muss sich Corbyn knapp zwei Wochen vor der Wahl am 8. Juni auch von der Regierung absetzen. Nachdem er Polizei, Ärzten und Sanitätern gedankt hat, kritisiert er die Sparpolitik der Konservativen. Corbyn hält Austerität ohnehin für Teufelszeug, aber es dürfe auf keinen Fall sein, dass Krankenhäuser und Rettungskräfte leiden. Er verspricht, als Chef einer Labour-Regierung mehr Polizisten auf die Straßen zu schicken, und dass es den Sicherheitskräften nicht an Ressourcen fehlen werde, um jene "zu beobachten, die morden und verstümmeln wollen".

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Dann kommt die brisanteste Passage. Natürlich liege die Schuld für die abscheulichen Attentate bei den Tätern, doch der Friedensaktivist Corbyn betont etwas Anderes: Großbritannien und andere westlichen Staaten haben in den vergangenen 15 Jahren Kriege in Ländern wie Libyen geführt (dort wurden die Eltern von Salman Abedi geboren). "Wir müssen mutig genug sein und zugeben, dass der Krieg gegen den Terror einfach nicht funktioniert", sagt Corbyn.

Es brauche "klügere Ansätze", um die Bedrohung durch jene Länder zu reduzieren, in denen Terroristen heranwachsen und gedeihen könnten. Viele Experten würden auf diesen Zusammenhang hinweisen (Corbyns Rede ist hier nachzulesen).

Dies ist ein Thema, das Corbyn seit Jahrzehnten beschäftigt und seine Popularität unter Linken und jungen Briten erklärt: Er hatte den Irak-Krieg 2003 abgelehnt, öffentlich Labour-Premier Tony Blair kritisiert und vor den Folgen gewarnt (entsprechende Videos sind der Renner bei Facebook und Twitter).