Online-Strategien der Parteien bei Berlin-Wahl Anfängerfehler und fehlende Interaktion

Renate Künast vor Amtsinhaber Wowereit und CDU-Kandidat Henkel: Ginge es nach der Popularität bei Facebook, hätte die Wahl in Berlin eine überraschende Siegerin. Auch wenn virtueller Erfolg keine Garantie für einen realen Sieg ist, buhlen alle Parteien im Internet um die Aufmerksamkeit der Wähler. Manche hinken aber weit hinterher. Ein Vergleich.

Von Marie Zahout

Geht es nach den Facebook-Nutzern, hätte Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast schon gewonnen: 8231 Fans hat sie auf dem Online-Portal, dicht gefolgt vom Regierenden Bürgermeister und SPD-Kandidaten Klaus Wowereit (7685 Fans). Abgeschlagen auf der Facebook-Like-Liste liegt CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel mit 2742 Fans auf Platz drei, FDP-Mann Christoph Meyer mit 693 Fans auf vier und Harald Wolf von den Linken mit 326 Fans auf fünf. Andreas Baum, Spitzenkandidat der Piratenpartei und damit eigentlich netzaffin, hält, wie er sagt, nichts von Facebook und hat weder Profil noch Fans.

Im Superwahljahr 2011 sind die deutschen Parteien verstärkt in den sozialen Netzwerken unterwegs. Beim Wahlkampf um das Berliner Abgeordnetenhaus in Berlin setzen sie auf Mitmach-Angebote im Internet, auf Apps und auf Videobotschaften.

Doch nicht alle Parteien nutzen die Möglichkeiten des Internets gleich geschickt. sueddeutsche.de hat verglichen.

[] Besonders aktiv sind die Grünen: Sie haben sich von einer Online-Agentur ein interaktives Portal und zwei Apps einrichten lassen. Das Portal heißt "Da müssen wir ran" - es ist der Wahlkampf-Slogan der Berliner Grünen. Ähnlich wie auf dem Portal abgeordnetenwatch.de können Bürger die Kandidaten öffentlich befragen.

Mit dem App kann also jeder, der auf seinem Spaziergang durch Berlin ein Ärgernis entdeckt - ganz egal ob Baustelle oder Hundekot - dies den Grünen per Smartphone an Ort und Stelle mitteilen - allerdings nur via iPhone (für eine Android-Version fehlte das Geld). In einer Karte kann der User seinen Standpunkt markieren und ein Foto hochladen - schon wird für die Grünen eine "Aufgabe" erstellt. Diese heißen dann: "Crazy Verkehr beruhigen" Oder: "Alte Bäume in Moabit erhalten". Fast 700 solcher Aufgaben finden sich inzwischen auf der Seite, mehr als 600 Antworten der Politiker gibt es bereits.

Die Grünen sind also sehr emsig im Netz unterwegs. Manchmal zu emsig. Denn in einem der ersten Einträge weist ein Nutzer namens Andreas Gebhard auf einen gefährlichen Radweg hin. Spitzenkandidatin Renate Künast erschien samt Bezirksstadtrat schon kurze Zeit später an der Gefahrenstelle, auch Medienvertreter waren eingeladen. Dumm nur, dass es sich bei dem vermeintlichen um die Verkehrssicherheit besorgten Bürger um den Geschäftsführer eben jener Web-Agentur handelte, die die Grünen in ihrem Wahlkampf berät. Mehrere Blogger hatten Gebhard im Netz enttarnt. Von der Internetgemeinde ernteten die Grünen dafür Spott und Häme. Bezeichnend der Userkommentar: "Wirklich doofer Anfängerfehler."

Und doch: Die Grünen machen ihre Sache im Vergleich zu den anderen Parteien richtig gut, findet Steffen Wenzel, Geschäftsführer der Informations- und Kommunikationsplattform politik-digital, der die Online-Auftritte der Berliner Parteien im Wahlkampf getestet hat. Politik-digital hat in diesem Zusammenhang zum Beispiel untersucht, wie gut das Wahlprogramm im Netz zu finden ist oder wie überzeugend die Nutzerführung innerhalb der Website ist.

[] Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit will bürgernah im Netz sein. "Jede Woche beantwortet Klaus Wowereit Bürgerfragen. Stellt Eure Fragen hier auf Facebook", heißt es auf der Seite des SPD-Spitzenkandidaten. Wenig positiv fällt jedoch das Urteil der Kommentatoren aus. Denn schriftlich beantwortet hat Wowereit bislang keine der Fragen. Der Grund: Die Fragen, die am häufigsten gestellt werden, würden in einer Videobotschaft durch Wowereit beantwortet, sagt Daniela Augenstein, Sprecherin der Berliner SPD. Die Nutzer sind damit nicht zufrieden: "Na, wie Dialog klingt das nicht! Eher wie ein Monolog, würde ich sagen .... schade!", schreibt einer.

In der Studie von politik-digital belegt die SPD einen Platz im Mittelfeld. "Der Service ist sehr gut, die Bereiche Nutzerfreundlichkeit und Beteiligungsmöglichkeiten sind leider nur befriedigend", heißt es zur Begründung auf der Website. Es habe zwar gute Ansätze gegeben - doch an deren Ausführung habe es oft gemangelt.

[] Ähnlich wie die Grünen probiert sich auch die CDU am Mitmach-Web: Bereits im Frühjahr versucht die Partei, per Internet die 100 wichtigsten Probleme Berlins zu finden. Sie rief die Bürger auf, bei der Erstellung des Wahlprogramms mitzuwirken. Die Wähler konnten auf der Seite den Programmentwurf lesen, diskutieren und einzelne Probleme als sehr wichtig, wichtig oder unwichtig bewerten. "Wir haben es geschafft, crossmedial zu agieren", sagt Dirk Reitze, Landesgeschäftsführer der CDU.

Weniger euphorisch klingt da der Online-Experte Wenzel. Denn inzwischen ist die Programmdiskussion nicht mehr im Netz zu finden. Auch einen Twitter-Account sucht man bei der CDU ebenfalls vergebens. "Hier fehlt die Transparenz. Da liegt der Schluss auf einen Marketing-Effekt nahe", kritisiert er. Reitze hingegen erklärt das damit, dass die Programmdiskussion zu einem fertigen Programm geführt habe.

Der CDU-Abgeordnete Peter Trapp lud im Juli zu der Diskussion "Wie sicher ist Berlin?" ein. Termin und Ort wurden auch via Facebook angekündigt - ausgerechnet kurz nachdem CDU-Politiker mit ihrer Forderung nach einem Verbot von Facebook-Partys für Aufsehen sorgten. Die Antwort ließ auch nicht lange auf sich warten: Schnell wurde die Einladung im Netz verbreitet. Ein Blogger schrieb "CDU Berlin startet Facebook-Party". Am Ende meldeten sich plötzlich mehr als 700 Personen an - statt der erwarteten 30.

[] Die Linke verzichtet auf eine aufwendige Kampangenseite. Sie informiert mit Hilfe eines Wahl-Blogs über Demonstrationen, lädt Bilder hoch, bedankt sich bei einer Seniorin, die trotz Gehwagen fleißig Wahlkampfmaterial verteilt, und postet eine satirische Überarbeitung eines SPD-Wahlplakates, auf dem Wowereit eine ältere Dame zwingt, die SPD zu wählen. Die Kommunikation mit den Anhängern scheint bei den Linken zu funktionieren: So informierte ein User die Partei über eine falsche Zahlenangabe in einem Wahlwerbespot der rechtsextremen NPD. Die Folge: Linke-Fraktionschef Udo Wolf bat RBB-Intendantin Dagmar Reim, den Spot nicht auszustrahlen - mit Erfolg.

Probleme hingegen hatte die Linke zunächst mit Twitter, denn der Account "Die Linke Berlin" war bereits vergeben, wie Nikolas Tosse, der für den Online-Wahlkampf der Linken in den sozialen Netzwerken verantwortlich ist, im Gespräch mit sueddeutsche.de erklärt. Erst seit drei Monaten könne man unter diesem Namen twittern - derzeit folgen der Partei lediglich 131 Personen.

[] Die größten Erwartungen in Sachen Online-Wahlkampf wurden vermutlich an die Piraten gestellt. Das Wahlprogramm der Internetpartei ist als Audiodatei verfügbar und über die Diskussionsplattform "Liquid Feedback" findet Bürgerbeteiligung statt. Wehmutstropfen hingegen ist das unübersichtliche Design der Website. "Durch ein schlechtes Design und fehlende Nutzerfreundlichkeit reichte es jedoch nur für den zweiten Platz", heißt es in der Studie von politik-digital.

[] Bei der Auswertung des Online-Wahlkampfes der Berliner Parteien durch politik-digital schnitt die FDP am schlechtesten ab. Dabei nutzt die Partei im Netz alle möglichen Kommunikationskanäle - zur Abgeordnetenhauswahl hat sie sich eine neue Wahlkampfseite zugelegt, sie ist auf Twitter, Facebook, dem Videoportal Youtube und sogar dem Fotokanal Flickr vertreten. Dennoch, wie politik-digital festgestellt hat, gibt es auf dem Youtbe-Kanal kaum Videos und ein aktueller Wahlkampf-Blog existiert nicht. "Die FDP ist der größte Verlierer", sagt Wenzel und hat auch eine Erklärung: Es findet keine Interaktion mit den Wählern statt.

Ob die Grünen ihren Erfolg im Online-Wahlkampf bei der Wahl am 18. September umsetzen können, muss sich zeigen. "Der Online-Wahlkampf ist nicht mehr wegzudenken", sagt Internet-Experte Wenzel.