Die Fehde zweier verfeindeter Politikerinnen lähmte Bangladesch 16 Jahre lang - nun wird wohl doch wieder eine von ihnen an die Macht kommen.
Es war, als hätte man in einem rauchigen Zimmer das Fenster aufgerissen und nach all den Jahren Luft hereingelassen. Es roch nach Neuanfang, wenn auch niemand so genau wusste, was davon zu halten war. Die Übergangsregierung versprach eine Zäsur in der Geschichte des Landes, von einer Zeitenwende war die Rede. Alles sollte besser werden, moralischer und weniger korrupt. Der seit dem 14. Januar 2007 herrschende provisorische Premierminister Fakhruddin Ahmed sagte, dass die Reformen nur ohne die beiden prominentesten Politikerinnen des Landes möglich seien.
Bild vergrößern
Soldaten bewachen ein Wahlplakat von Sheikh Hasina Wajed. (© Foto: Reuters)
Anzeige
Für einen Moment sah es so aus, als sei Bangladesch endlich befreit vom lähmenden Hass der Erzrivalinnen Sheikh Hasina Wajed und Khaleda Zia. Nach 16 Jahren, in denen die Macht immer nur von der einen zur anderen gereicht wurde und die jeweils andere das Land mit Streiks lahmlegte, sollte Bangladesch wieder frei sein von dem, was die BBC als "ätzenden persönlichen Kleinkrieg zwischen zwei Frauen" bezeichnet hatte.
Begum nennt man in Südasien eine muslimische Frau ehrenhalber. Fürstinnen. Nichts hat die Politik in Bangladesch in den vergangenen Jahrzehnten so geprägt wie der Hass zwischen diesen zwei Begumen. Auf der einen Seite die als starrsinnig geltende Sheikh Hasina, 61 Jahre alt, älteste Tochter des Staatsgründers und ersten Präsidenten Sheikh Mujibur Rahman, dem Vater der Nation.
Lähmende Verdächtigungen
Sie war von 1996 bis 2001 Premierministerin. Sie ist Vorsitzende der säkularen, eher linken Awami League (AL). Auf der anderen Seite steht ihre 63-jährige Rivalin Khaleda Zia von der Bangladesh Nationalist Party (BNP), Premierministerin von 1991 bis 1996 und von 2001 bis 2006, Witwe des ermordeten Generals und Staatspräsidenten Ziaur Rahman.
Die Witwe und die Tochter. Sie sind die unangefochtenen politischen Erbinnen ihrer ermordeten Familienpatriarchen. Altlast einer blutigen Geschichte. Es sind nicht so sehr ideologische Differenzen, die sie trennen. Es ist Hass. Hasina macht Zia für den Tod ihres Vaters mitverantwortlich, der 1975 erschossen wurde. Neuer Staatschef wurde damals General Ziaur Rahman, Zias Ehemann. Auch er starb bei einem Attentat, für das die Rivalin wiederum Hasina verantwortlich macht. Lähmende Verdächtigungen.
Als die Übergangsregierung im Januar 2007 die Macht übernahm, stand Bangladesch am Rand der Unregierbarkeit, tief gespalten durch die Fehde zwischen den Frauen. Wie Feudalherrscherinnen hatten sie sich seit 1991 aufgeführt - selbstsüchtig, korrupt und gierig. Das Staatsdefizit betrug fast 50 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Armut, Arbeitslosigkeit und Naturkatastrophen überzogen das Land. Die Wirtschaft wuchs zwar, doch das lag vor allem an den Textilexporten und den Geldsendungen der Bangladescher im Ausland. Neue Einnahmequellen wurden nicht geschaffen, Streiks und blutige Straßenschlachten legten das Land immer wieder wochenlang lahm, die Staatsbetriebe waren in einem jämmerlichen Zustand, was ausländische Investoren zusätzlich abschreckte.
Es gab also genug Gründe, die zwei Frauen loszuwerden. Anfangs griff die Übergangsregierung auch durch. Über allem stand das Versprechen, man würde die zwei Begumen aus der Politik entfernen, sie neutralisieren. "Minus zwei", so lautete die Formel. Es folgte ein Anti-Korruptions-Feldzug, wie ihn das Land noch nie gesehen hat. Bankkonten wurden gesperrt, Luxusautos beschlagnahmt, hundert prominente Politiker und Geschäftsleute verhört und inhaftiert. Bis dahin galt Bangladesch als das korrupteste Land der Welt, durch die Kampagne verbesserte es sich immerhin um zehn Plätze.
Bei den zwei Frauen versuchten es die neuen Machthaber erst sanft. Der säkularen, pro-westlichen Hasina bot man an, nach Amerika zu ziehen, wo ihre Tochter lebt. Für die Nationalistin Zia, deren Koalitionsregierung erstmals Islamisten angehörten, dachte die Übergangsregierung an ein Exil in Saudi-Arabien. Später griff man härter durch. Hasina kam wegen Erpressung in Haft. Zia wegen Korruption. Auch ihr verhasster Sohn Tareq Rahman wurde verhaftet.
Unverwüstlich und unversöhnlich
Wenn in Bangladesch an diesem Montag die Parlamentswahlen stattfinden, sind die zwei Frauen wieder dabei, unverwüstlich und unversöhnlich. Der Economist schrieb nur: "Die Begumen sind zurück". Offiziell sei der Sinneswandel von "Meinungsäußerungen in den Medien und von anderen Seiten" inspiriert worden. In Wahrheit blieb der selbst in die Kritik geratenen Übergangsregierung nichts anderes übrig. Der Druck aus dem Inland und dem Ausland wurde zu groß. Es gibt ohnehin keine politischen Alternativen zu AL und BNP. Die zwei Parteien haben einen Wähleranteil von 90 Prozent. Nur die fundamentalistische Jamaat-e-Islami macht sich Hoffnung auf mehr als 20 der 300 Parlamentssitze. Bei der letzten Wahlen 2001 brachte sie es auf 17 Sitze.
Und so fürchten viele mittlerweile die Islamisierung des Landes mehr als die Rückkehr der zwei Frauen. Zwar definiert sich Bangladesch seit seiner Unabhängigkeit 1971 durch eine tolerante Form des Islam, aber in den vergangenen Jahren erschütterten Terrorgruppen wie Jamaat-ul-Mujahideen, die 250 Kämpfer unter Waffen haben soll, das moderate Selbstverständnis. Übergriffe auf Minderheit nahmen in den letzten Jahren zu.
Und so wird zwar auch diesmal eine der zwei Frauen an die Macht kommen. Demoskopen sprechen von einem Vorsprung von Sheikh Hasina. Aber immerhin wurden im Vorfeld die Wählerlisten überarbeitet und mehr als eine Million "tote Seelen" aus den Registern entfernt. Wahlhelfer registrierten Menschen, die nie zuvor erfasst worden waren. Außerdem versprach man den Minderheiten, dass man alles tun werde, dass sie frei wählen können. All das ist sind Schritte Richtung Demokratie. Auch wenn wieder alles endet im Würgegriff der Begumen.
(SZ vom 29.12.2008)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev