Islam Saudi-Arabien und das Gift der reinen Lehre

Blick auf die Prophetenmoschee, der zweitheiligsten Moschee im Islam, in der Stadt Medina

(Foto: AFP)

Seit Jahren fördert des wahhabitische Königreich gezielt eine rigide Auslegung des Islam - rund um den Globus. Damit bereitet es Extremisten den Boden.

Von Moritz Baumstieger

Nordkorea zählt dann doch nicht dazu, da ist der Muslim World League ein Fehler unterlaufen. Auf ihrer Homepage präsentiert die islamische Organisation mit Hauptsitz in Mekka stolz ihre Niederlassungen rund um den Globus: Gibraltar, die Komoren, Neuseeland - alles ist dabei. Angeblich auch eine Repräsentanz in der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea, einem der religionsfeindlichsten Staaten der Erde. Wer jedoch die genaue Adresse prüft, stellt fest: Das Islamzentrum befindet sich in Südkorea, der Homepage-Betreuer ist wohl in der Zeile verrutscht.

Sieht man jedoch vom letzten Hort des Steinzeitkommunismus ab, so ist der Einfluss von religiösen Organisationen aus den Golfstaaten mittlerweile auf der ganzen Welt zu spüren. "An jedem Ort, den ich besucht habe, hatte der Wahhabismus unterschwellig starken Einfluss", schreibt etwa Farah Pandith in der New York Times. Die US-Diplomatin war zwischen 2009 und 2014 die erste Gesandte des amerikanischen Außenministeriums, die Kontakt zu den muslimischen Organisationen halten sollte. In dieser Funktion bereiste sie mehr als 80 Länder mit muslimischen Bevölkerungsteilen - und musste immer wieder feststellen, wie Missionstätigkeit aus der Golfregion die lokale Religionspraxis verändert hatte.

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Dabei wurde die wahhabitische Spielart des Islam lange als historischer "Wüstenglaube" unterschätzt. Mitte des 18. Jahrhunderts schloss der Begründer der Dynastie der Saud einen Pakt mit dem Prediger Mohammad ibn Abd al-Wahhab. Der Geistliche sollte den weltlichen Herrscher legitimieren, dafür würde dieser die Verbreitung von dessen Lehren befördern. Al-Wahhab schwebte eine Reinigung des Islam von als schändlich empfundenen Neuerungen vor, die im Laufe der Jahrhunderte Eingang in die Glaubenspraxis vieler Muslime gefunden hatten. Er strebte eine nach seinem Verständnis ursprüngliche Form des Islam an, wie sie der Koran als unmittelbares Wort Gottes und Überlieferungen aus dem Leben Mohammeds lehrten. Darin ähnelt der Wahhabismus einer zweiten rückwärtsgewandten Reformbewegung des Islam, dem Salafismus - auch er orientiert sich an den "frommen Altvorderen" (arabisch: as-salaf), den ersten Anhängern des Propheten.

Satellitensender verbreiteten die Theologie, wohltätige Helfer die barmherzige Praxis

Für die Verbreitung des Wahhabismus über den Globus sind zwei Daten der jüngeren Geschichte maßgeblich: Erstens wurde 1938 in der saudischen Wüste die erste Ölquelle entdeckt, fortan standen dem Staat und der heute 5000 männliche Mitglieder umfassenden königlichen Familie scheinbar endlose Petro-Dollars zur Verfügung, auch für die Förderung der Da'wa, der Mission, die dem sonst teils recht ereignisarmen Leben einen Sinn geben konnte.

Im Jahr 1979 besetzten radikale Islamisten die Große Moschee in Mekka - der wahhabitische Klerus forderte daraufhin vom Königshaus eine noch strengere Auslegung der Religionsregeln. Hier küssen Pilger nach der teilweisen Sicherung der Moschee die Kaaba, links sind Sicherheitskräfte zu sehen.

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Zweitens versetzte das Jahr 1979 Saudi-Arabien in einen Schock: In Iran entstand eine schiitische Islamische Republik, deren Einfluss man ausbalancieren wollte; zu Hause besetzen 500 radikale Islamisten die Große Moschee von Mekka. Sie forderten eine noch strengere Islamauslegung, der wahhabitische Klerus stellte sich auf die Seite des Königshauses - unter der Bedingung, dass die angeblich gottgegebenen Regeln künftig noch strenger angewandt werden. Im selben Jahr reisten die ersten Mudschahedin nach Afghanistan.

Die Mission der Wahhabiten zielte zum einen auf die islamische Welt. Satellitensender verbreiteten die Theologie, Wohltätigkeitsorganisationen die barmherzige Praxis. Zudem eigneten sich Zehntausende Gastarbeiter aus arabischen Ländern und Südostasien die strenge Glaubensauslegung an und brachten sie mit nach Hause.

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Parallel wirken Organisationen und Institute auch in der nichtmuslimischen Welt: Allein zwischen 1964 und 2004 finanzierten die Saudis 1359 Moscheen, 210 islamische Kulturzentren und mehr als 2200 Bildungseinrichtungen in nichtmuslimischen Ländern. Zum Krieg und zur Errichtung eines Kalifats wurde und wird in ihnen wohl nur in Ausnahmefällen aufgerufen. Als Steigbügelhalter des Königshauses predigen die Wahhabiten, die Legitimität bestehender Regierungen anzuerkennen, was sie von dschihadistischen Strömungen unter Salafisten unterscheidet.

Intoleranz gegenüber allen, die keine "echten Gläubigen" sind

Dennoch bereiten wahhabitische Lehren den Boden für Extremisten: "Sie werben für eine sehr giftige Form des Islam, die eine scharfe Linie zwischen einer kleinen Gruppe echter Gläubiger und allen anderen zieht, egal ob Muslime oder Nichtmuslime", meint Williams McCants, Wissenschaftler am Brookings-Institut. Diese Intoleranz gegenüber anderen macht die Entfesselung der Gewalt erst möglich, mit der früher al-Qaida und derzeit vor allem die Terrormiliz IS die Welt überzieht.

In Teilen hat sich diese Erkenntnis auch in Saudi-Arabien durchgesetzt. Nach dem 11. September 2001 wurden Tausende Geistliche suspendiert und Zehntausende neu geschult. Doch während die Sicherheitskräfte noch schärfer gegen vermeintliche und echte Terroristen vorgehen, wurden die Grundzüge der wahhabitischen Lehre nicht angetastet. Die Saudis, meint der Wissenschaftler McCants deshalb, seien beides: "Sowohl Brandstifter, als auch Feuerwehrmänner."

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