Waffenrecht: Amoklauf von Winnenden Kein gesunder Mensch braucht tödliche Waffen

Jahr für Jahr werden in der Bundesrepublik Deutschland Menschen mit Schusswaffen von Sportschützen getötet - 2010 waren es nicht weniger als zehn. Allein in den vergangenen zehn Jahren haben Sportschützen im privaten Umfeld mehr Menschen erschossen als bei den Schulmassakern in Erfurt und Winnenden zusammen. Mehr als hundert Todesopfer von Sportwaffen seit 1991 sind bekannt - und verdrängt.

Die Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen!" fordert seit dem Winnender Schulmassaker ein Verbot tödlicher Sportwaffen, egal welchen Kalibers. Im Juli 2010 habe ich als Sprecher der Initiative gemeinsam mit Winnender Hinterbliebenen Verfassungsbeschwerde gegen das deutsche Waffengesetz eingelegt.

Vorbild England

Darin heißt es: "Aufgrund der staatlichen Schutzpflicht muss der Staat dort, wo er Risikobereiche nicht ausreichend absichern kann, Verbote aussprechen - insbesondere dann, wenn die drohende Grundrechtsverletzung irreparabel ist oder die drohende Gefährdungslage unbeherrschbar ist. Die Gefährdungslage durch legale, tödliche Sportwaffen ist trotz der gesetzlichen Regelungen - wie die entsprechenden Mordserien der vergangenen Jahre gezeigt haben - unbeherrschbar. Wer erlaubt, dass tödliche Schusswaffen millionenfach als Sportgeräte verteilt werden, muss damit rechnen, dass diese Waffen zum Morden benutzt werden." Das Bundesverfassungsgericht entscheidet hoffentlich noch rechtzeitig vor weiteren Sportwaffen-Morden.

Hat die schweigende Mehrheit im Land Schuldgefühle, weil sie spätestens seit dem Erfurter Schulmassaker von den Millionen tödlichen Sportwaffen weiß und nicht weiter nachfragt? Nein, wir möchten am liebsten vergessen, könnte die Antwort lauten. Amokläufe sind aber keine Naturkatastrophen, sondern menschliches Tun, das man zumindest erschweren kann. Kein gesunder Mensch braucht tödliche Waffen als Mittel zum Spaß. In vielen deutschen Sportschützenvereinen schießt man schon jetzt nur mit Druckluftwaffen.

In England wurden nach dem Schulmassaker in Dunblane 1996 private Faustfeuerwaffen verboten; seitdem hat es dort keinen Amoklauf in einer Schule gegeben. Die Zahl der in England mit solchen Waffen begangenen Morde ist die niedrigste seit mindestens 20 Jahren.

Warum hat die Entwaffnung der Sportschützen in Großbritannien nur ein Jahr gedauert, trotz des gewaltigen Protestes von Schützenvereinen und Waffenlobby? Weil beherzte Bürger und die Zeitung Sunday Mail in nur vier Monaten mehr als eine Million Unterschriften für das sofortige Verbot von privaten Faustfeuerwaffen gesammelt hatten. Und weil die Regierungsparteien - anders als in Deutschland - den Konflikt mit der dort nur kleinen Wählergruppe der Sportschützen (ca. 60.000 Mitglieder) nicht scheute.

"Die Leute verstehen nur Angst. Doch sie wollen sich nicht identifizieren mit den Opfern", sagt Nebenkläger Jurij Minasenko. Auch seine Tochter wurde mit einer legalen Waffe erschossen. Gisela Mayer, die Mutter der in Winnenden ermordeten Referendarin Nina Mayer, erinnert: "Ich habe mich sicher gefühlt - noch am Tag, als es passierte." Sie meint diesen Satz als Warnung - an die "noch nicht Betroffenen".